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Zum Tod Carl Djerassis : Kunst und Pille

Carl Djerassi, 1923 bis 2015 Bild: AP

Die Entkopplung von Sexualität und Fortpflanzung machte ihn berühmt. Die Antibabypille brachte ihm zwar nicht den Nobelpreis, aber großen Reichtum. Zum Tod des kalifornischen Wieners Carl Djerassi.

          Das Jahr 1951 sah einen dramatischen Wettlauf um die Synthese des Cortisons. In Mexiko forschte Carl Djerassi mit einem Team, in Harvard Robert Burns Woodward. Djerassi, mit der Forschungsinfrastruktur im Nachteil, hatte einen Informanten im Harvard-Team. Im Juni, so erzählt es Margaret Heffernan in ihrem wissenschaftshistorischen Krimi „A bigger Prize“, habe Djerassi die Lösung gehabt, am 22. Juni sei sein Paper beim „Journal of the American Chemical Society“ eingegangen, das von Woodward erst am 9. Juli. Aber der Harvard-Mann erhielt den Nobelpreis.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Vielleicht bildete sich Djerassis Eitelkeit, die legendär wurde, erst nach dieser Kränkung. In seinem Roman „Cantors Dilemma“ (Deutsch 1991), der mit den eigenen Initialen spielt, ließ er den Nobelpreis dafür dem Protagonisten zukommen.

          In den Bergen Kaliforniens

          In Wien wurde Carl Djerassi am 29. Oktober 1923 geboren. Sein Vater, ein auf Geschlechtskrankheiten spezialisierter Dermatologe, hatte noch Sigmund Freuds Vorlesungen gehört, und fast könnte man die Lebensleistung des Sohnes als verwissenschaftlichte, szientifisch gewordene Erbschaft jener Wiener Sexual-Spekulationen auffassen. Denn alles, wofür er berühmt wurde, hatte zu tun mit der Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung, die seit der großen kulturellen Revolution der sechziger Jahre das Leben so verändert hat wie kaum etwas anderes. Die künstliche Herstellung des Hormons Norethisteron, die ihm Anfang der fünfziger Jahre gelang, ermöglichte die Entwicklung der Antibabypille. Wieder bekam er keinen Nobelpreis, aber das Patent brachte ihm ein Vermögen.

          Ende der fünfziger Jahre ging Djerassi an die kalifornische Universität Stanford. In Woodside bei Palo Alto erwarb er in den Bergen ein herrliches Anwesen mit weitem Blick (das nächste Haus, etwas unterhalb gelegen, gehört Neil Young), dort ließ er Kunstwerke in die Landschaft stellen, aus der früheren Ranch wurde die „Djerassi Artists Residency“. Seine Sammlung von Bildern Paul Klees, von der nur ein geringer Teil in Woodside aufgehängt war, fällt nun zu gleichen Teilen an die Wiener Albertina und das San Francisco Museum of Modern Art.

          Er sah nur den Freiheitsgewinn

          Und so ließe sich Djerassis Lebensleistung auch als Umkreisen der Wortfelder von „Kunst“ und „Künstlichkeit“ umschreiben. Noch vor wenigen Wochen verteidigte er vehement das „Social freezing“ (er war allerdings kein Freund der sprachlichen Prägung) – also des Einfrierens der Eizellen junger Frauen, die dadurch die Möglichkeit erhielten, erst einmal Karriere zu machen und die Kinder später zu bekommen. Djerassi wollte darin nur den Freiheitsgewinn sehen, eine Skepsis gegenüber den technischen, „künstlichen“ Möglichkeiten war seine Sache nicht.

          Als junger Mensch war er vom Glück (im Unglück) begünstigt worden, 1939 erreichte er die Vereinigten Staaten. Österreich ehrte ihn unlängst mit einer Briefmarke. Dass er in seinen späteren Jahren glaubte, auch zum Romanschriftsteller, zum Dramatiker, ja zum Dichter berufen zu sein, ließ er sich nicht ausreden; überschwengliche Lobreden auf den „Renaissance-Menschen“ bestärkten ihn noch in seinem neuen Selbstbewusstsein. Niemanden wird es überraschen, wenn manche seiner Plots wiederum mit Prioritätsdebatten zwischen Wissenschaftlern zu tun hatten. Am 30. Januar ist Carl Djerassi in San Francisco verstorben.

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