Das Abitur ist bestanden, es ist noch viel Zeit bis zum Studienbeginn im Wintersemester. Was nun? Entspannen, Urlaub und natürlich etwas Sinnvolles. Also zunächst das verpflichtende dreimonatige Pflegepraktikum fürs Medizinstudium. Aber es bleibt die Lust auf etwas Ungewöhnliches. Warum nicht die mühsam erworbenen Russischkenntnisse anwenden und eine fremde Welt kennenlernen?
Im Internet findet sich schnell eine tolle Idee: ein Praktikum im staatlichen Eremitage-Museum von St. Petersburg. Die offizielle Website lockt mit der „Organisation von Events“ und „interessanten Projekten“ durch eine „internationale Freiwilligen-Gruppe“ in „einem der größten und bedeutendsten Museen der Welt“. Das verspricht eine abwechslungsreiche und anspruchsvolle Tätigkeit, viel Spaß mit Gleichaltrigen aus verschiedenen Ländern - und scheint außerdem ein guter Weg zu sein, russische Kultur und Geschichte bei der Arbeit im ehemaligen Winterpalast der Zaren kennenzulernen.
Also geht zum Entsetzen einiger Freunde, die einen ausgedehnten Partyurlaub in Lloret de Mar für die Nach-Abi-Zeit planen, die Bewerbung für ein einmonatiges Praktikum in der Petersburger Eremitage heraus. Und wird angenommen.
Nach der Passkontrolle ins Sammeltaxi
Die Flüge sind schnell gebucht. Preis (180 Euro) und kurze Flugzeit (nur zweieinhalb Stunden) sind angenehme Überraschungen. Auch eine private Unterkunft in einer russischen Studenten-WG lässt sich dank des „Deutsch-Russischen Austauschs“ mühelos organisieren.
Aber schon bald stellt sich heraus, dass bis zum Abflug noch einige Hürden zu überwinden sind. Vor allem die Beschaffung der „Einladung“ und des Visums kostet Nerven (und Geld). Kleinere Schikanen wie der Nachweis der „Rückkehrwilligkeit“ lassen dabei fast verzweifeln: Geregeltes Einkommen gibt es noch nicht, Schülerin ist man auch nicht (mehr) und (noch) keine Studentin - aber trotzdem will ich doch nicht ausgerechnet in Russland bleiben!
Ende Juni ist es dann endlich so weit. Nachmittags betrete ich in St. Petersburg zum ersten Mal russischen Boden. Die gefürchtete Visa- und Passkontrolle ist bald überstanden, und wie per E-Mail vereinbart, steht die russische Gastgeberin am Flughafen zum Empfang bereit. Die anschließende einstündige Fahrt mit Sammeltaxi, Bus und Metro bringt eine Fülle von (glücklicherweise auf Englisch) auf mich einprasselnden Informationen zur Petersburger Geschichte und Kultur.
Zum Glück weiß die Begleiterin Rat, als eine Babuschka auf der langen steilen Rolltreppe der Metro wild gestikulierend zu schimpfen beginnt: Auf den Metro-Rolltreppen darf man nur auf der rechten Seite stehen.
Klänge aus dem Zimmer des Mitbewohners
Nach fast fünf Minuten Rolltreppenfahrt ist das Tageslicht wieder erreicht - und ein gewisser Grad von Enttäuschung. Denn das Viertel, in dem ich die nächsten Wochen leben werde, ist eine riesige Hochhaussiedlung. Auch die von der Gastgeberin ob ihrer Ausstattung mit „warmem Wasser“ im Badezimmer, einem „großen Spiegel“ und Gasofen vorab angepriesene Wohnung ist ein Schock.
Der Gästebereich ist nur durch einen Vorhang vom Flur abgetrennt, Putz bröckelt von der Decke auf Möbel, die in Deutschland selbst auf dem Sperrmüll schwer zu finden wären. Aus dem Bezug der Matratze bohrt sich eine Metallfeder, und Glanzstück der hochgelobten Küche ist ein historischer Gasherd, der wohl seit geraumer Zeit nicht mehr geputzt wurde. Gereinigt wird die Wohnung - auch Bad und Toilette - mit einem kleinen Reisigbesen.
Doch man weiß sich zu helfen: Die vollkommen durchgesessenen Stuhlpolster sind liebevoll mit rosa Filzdecken abgedeckt, und als Duschvorhang dient ein provisorisch befestigter blauer Sack - Studentenleben auf Russisch.
Nach der kurzen Wohnungsbesichtigung bricht die Gastgeberin zu einer Hochzeitsfeier auf, doch der Gast ist nicht allein. Da ist noch ein rätselhafter, den Geräuschen aus seinem Zimmer nach Killer-Computerspiele spielender Mitbewohner. Aber die Hauptsache ist ja das Praktikum in der Eremitage.
Am nächsten Tag geht es pünktlich um 10 Uhr ins Volunteer-Büro. Leider ist noch niemand da. Nach einer halben Stunde trifft eine andere Freiwillige ein, eine St. Petersburger Studentin: Das sei hier immer so. Als nach mehreren weiteren Freiwilligen auch die Praktikumsbetreuer auftauchen, werde ich von ihnen gar nicht bemerkt. Anstatt uns am ersten Tag die Abläufe im Museum und die Aufgaben während des Freiwilligendienstes zu erklären, schickt man unsere ganze Gruppe direkt ins Museum.
Ein Gebäck mit Kartoffelfüllung
Über die atemraubend prunkvolle Haupttreppe der Eremitage geht es in einen Ausstellungsraum, in dem nun eine Stunde lang erklärt wird, wo wir uns postieren sollen, um die Besucher vom Anfassen der Ausstellungsobjekte abzuhalten. Glücklicherweise ergibt sich während des Vortrags die Gelegenheit, mit den anderen Freiwilligen ins Gespräch zu kommen. Darunter befindet sich ein amerikanischer Medizinstudent mit russischen Wurzeln, eine Gruppe Koreaner auf Studienfahrt, mehrere französische Studentinnen, die das zweimonatige Praktikum in der Eremitage für ihr Studium brauchen, und zwei Mormonen aus Utah, die ihre zweijährige „mission“ nach St. Petersburg geführt hat.
In der Mittagspause begibt sich die internationale Gruppe gemeinsam auf Nahrungssuche - gar nicht so einfach, weil niemand mit der fremden Währung vertraut ist (mittlerweile weiß ich: Hundert Rubel entsprechen 2,50 Euro; ich hätte also nicht unbedingt das Brötchen für fünfzehn Rubel nehmen müssen) und nur ein kleiner Teil der Gruppe ein paar Brocken Russisch spricht. Dafür birgt das russische Gebäck, auf das schließlich die Wahl fällt, eine Überraschung: Es ist mit Kartoffeln gefüllt.
In den nächsten Tagen stellt sich heraus, dass die lockeren Regelungen des Praktikums auch ihre Vorteile haben. Da es kaum Aufgaben für die vielen Freiwilligen gibt, kann jeder kommen und gehen, wann er will. Deshalb treffe ich morgens meist erst gegen 11 Uhr im Museum ein, stehe dann drei Stunden in einer Ausstellung oder am Eingang, um die Besucher darauf hinzuweisen, dass sie ihre Rucksäcke in der Garderobe abgeben müssen. Nach ausgedehnter Mittagspause beim nahen Bäcker wartet dann die aufregendste Aufgabe: zwei Stunden lang bei Ausgrabungen in Sibirien gefundene Steine katalogisieren.
Kulturprogramm mit Ballett und Jazz
Bei all diesen Tätigkeiten lernt man viel, nur auf anderen Feldern als erwartet. Am Eingang erklärt einer der Mormonen den Aufbau seiner Kirche, und eine Französin erzählt von der Unbeliebtheit des neugewählten Präsidenten Hollande, der einfach nicht „assez chic“ sei. Gelegentlich werden solche interessanten Gespräche von der russischen Aufseherin, die mit Adleraugen auf der Suche nach kleinen Vergehen ist, mit einem wütenden Redeschwall unterbrochen. Da unser Russisch jedoch nicht ausreicht, um sie zu verstehen, bleibt die erwünschte Reaktion aus; die Dame zieht kopfschüttelnd von dannen.
Nachmittags ist Zeit für ausgiebige Spaziergänge in der Stadt. In einer Gruppe sehr netter Französinnen wird jeden Tag eine andere Sehenswürdigkeit besichtigt: die im altrussischen Stil gebaute Auferstehungskathedrale, die prunkvolle Isaaks-Kathedrale oder das barocke Smolnyj-Kloster. Auch die Sommerresidenz Peterhof, die wegen ihrer Wasserspiele und Gärten „russisches Versailles“ genannt wird, und der Katharinenpalast in Zarskoje Selo mit dem berühmten Bernsteinzimmer werden besucht. So sind bald alle Empfehlungen des mitgebrachten Stadtführers abgearbeitet.
Doch St. Petersburg hat mehr zu bieten: Meine Gastgeberin startet ein ausgedehntes Kulturprogramm. Im berühmten Mariinsky-Theater und im Mikhailovsky-Theater stehen die Ballette „Sacre du Printemps“, „Feuervogel“ und „Korsar“ auf dem Programm, außerdem die Opern „Rusalka“ und „Carmen“. In der Konzerthalle des Mariinsky treten im Rahmen des „Stars of the White Nights“-Festivals internationale Musiker auf; im „JFC Jazz Club“ hat die Petersburger Jazz-Szene ihren Sitz. In Russland geht alles, wenn man nur weiß, an wen man sich wenden muss. Denn natürlich besuchen wir Ballett, Oper und Konzert nicht zum Touristenpreis von fünfzig bis 150 Euro.
Eine Entdeckungstour durch die Hinterhöfe
Die richtige Taktik ist aber gar nicht einfach zu erlernen: Eine Stunde vor Beginn der Vorstellung kommt man im Theater an. Anstatt an der normalen Kasse nach Tickets zu fragen, wendet man sich an einen Schalter, der als „Administration“ bezeichnet ist und vor dem sich schon eine lange Schlange aus Studenten und Senioren gebildet hat. Nun beginnt das Warten. Die Administratorin spielt ihre Macht genüsslich aus: Beim ersten Nachfragen erfährt man, es gebe für die heutige Vorstellung keine ermäßigten Karten. Dann ist zu hören, es sollten zehn Tickets ausgegeben werden. Wir sind Nummer 14 in der Schlange - aber erst mal abwarten.
Zehn Minuten vor Beginn der Vorstellung gibt es dann doch noch sogenannte „Stand in“-Karten für umgerechnet drei Euro. Mit ihnen kann man in den Publikumssaal, hat aber keine Sitzplätze - noch nicht. Geduldig wartet man den letzten Gong zwei Minuten vor Beginn der Vorstellung ab, und siehe da: In der dritten Reihe sind noch zwei Plätze frei; für fünf Prozent des regulären Preises sitzt man in der besten Kategorie.
Die liebevolle Betreuung durch die Gastgeberin ermöglicht aber nicht nur Einblicke ins Kulturprogramm. Besonderen Eindruck macht eine Tour durch die Hinterhöfe der Stadt. Hinter den repräsentativen Gebäuden an der Newa öffnen sich dreckige Hinterhöfe, in denen Kabel aus den Wänden hängen und der Putz überall abbröckelt. Vom Café Singer aus sieht man einen russischen Internetunternehmer, der an einem Feiertag Tausend-Rubel-Scheine aus dem Firmengebäude auf die Straße werfen lässt.
Andererseits harren an jeder Metrostation Kopftuch tragende Babuschkas aus, die für ein paar Rubel selbsteingemachten Kohl zu verkaufen versuchen. Im Supermarkt sieht man ältere Leute, die bei jedem Teil durchrechnen, ob sie es sich leisten können. Auf der Straße wird man von Bettlern nach einem Rubel gefragt - das sind zwei Cent. Und auch das Museum gibt Aufschluss über die extremen Gegensätze: zum Beispiel eine Gala in der Eremitage, bei der für einen Eintrittspreis von zweitausend Euro eine Privatführung durchs Haus, ein Galadinner (für das schon Tage vorher 25 Kisten à zwölf Flaschen Wodka bereitstehen) und ein Ball geboten werden.
Doch das ändert nichts an der Begeisterung der jungen Russen für Geschichte, Kunst und Architektur. Ihr Optimismus ist unerschütterlich. Als meine Gastgeberin die an der
Metrostation hockenden Babuschkas sah, meinte sie, es sei doch „great“, dass diese Menschen versuchen, mit einem „business“ ihre Lage zu verbessern. St. Petersburg ist heute wahrlich, wie Zar Peter der Große bei seiner Gründung 1703 beabsichtigt hatte, ein „Fenster zum Westen“ geworden. Für mich war die Stadt jedoch das „Fenster nach Russland“, ein unvergleichlicher Einblick in russische Kultur und Lebensart.