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Physiker Hermann Haken : Phase statt Phrase

Hermann Haken war Direktor des Instituts für Theoretische Physik und Synergetik an der Universität Stuttgart. Bild: Picture-Alliance

Ein Laser als Inspiration: Hermann Haken prägte den Begriff der „Synergetik“ – der seither oft benutzt wurde, aber selten richtig.

          Er hat den Wolkenstraßen dabei zugeschaut, wie sie sich bilden und zerfallen. Er hat beobachtet, dass sich Organismen, solange sie nicht sterben, an etwas entlangtasten, das stets Ersatz für alles sucht, was ihm verlorengeht – die Systemtheorie sagt „Fließgleichgewicht“ dazu, in der Dichtung heißt das „Sehnsucht“. An der Bewegung der Atome und Moleküle, Temperatur genannt, interessierte ihn, dass sie bei manchen Systemen auf Balance hinauswill, zum Beispiel im Fall von supraleitenden Körpern, bei anderen dagegen nicht, zum Beispiel beim Laser. Der Laser hat Hermann Haken, von dem hier die Rede ist, zuallererst auf seine entscheidende Lebensidee gebracht, nämlich dass die Bestimmung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden des Verhaltens gewisser Gegenstände der Chemie, Informatik, Physik, Hirnforschung und allgemeinen Biologie unterm Aspekt der Selbstorganisation möglich ist.

          Haken erschloss der Wissenschaft so in der Welt der „Nichtgleichgewichts-Phasenübergänge“ ein eigenes interdisziplinäres Wissensgebiet, das er „Synergetik“ nannte. Seither geriet dieser Begriff aus der Welt der Wolkenstraßen und Abstraktionsleistungen, meist vermischt mit dem der „Synergie“, ins Kauderwelsch der Werbung, Unternehmensberatung und des Psychogefasels. Haken ist daran so wenig verzweifelt wie Fachleute, die immer wieder zu hören kriegen, irgendeine folgenreiche Veränderung des Fahrzeugdesigns oder der Modetänze wäre ein „Quantensprung“, womit die entsprechende Sprache aber nicht das meint, was dieser Ausdruck eigentlich bezeichnet, nämlich den geringfügigst möglichen Entwicklungsschritt eines Systems, sondern einen welterschütternden Riesenknall.

          An Vermittlungsfaulheit der Forschung liegt derlei nicht – Hermann Hakens Name zum Beispiel steht auf Büchern, die fürs Studium von größtem Wert sind, seine zusammen mit Hans Christoph Wolf verfasste Einführung in die Molekülphysik und Quantenchemie zum Beispiel setzt der Fachdidaktik seit Jahrzehnten den Maßstab. Wenn Forscher Begriffe erfinden, schwingt deren Bedeutungsreichweite im Einklang mit der Eigenbewegung eines Gedankens; wenn die Begriffe dann zu Phrasen absinken, rutscht diese Schwingung vom Ideenwert ab – das ist wohl einer der sprachlichen Phasenübergänge, mit denen der Weltgeist leben muss. An diesem Mittwoch wird Hermann Haken neunzig Jahre alt.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

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