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Zum Auftakt der Leipziger Buchmesse Vorsicht, Leser!

Die Bedrohung des Buchhandels trägt einen Namen: Amazon. Der Internetkonzern ist seinerseits zum größten Buchanbieter der Welt geworden, braucht aber weder Ladenlokale noch Fachpersonal. Unsere Bequemlichkeit ist sein Gewinn.

© dpa Vergrößern Von oben in einen wohlgeratenen Schmöker-Stapel der bis zum 17. März geöffneten Leipziger Buchmesse zu schauen, macht Spaß und ist ein hübsches Fotomotiv. Aber Buchhandel wie Verlage sind auch von großen Sorgen geplagt.

„Vorsicht Buch!“ Diesen orthographisch dubiosen Warnschrei ohne Komma, aber mit Ausrufezeichen werden wir in nächster Zeit häufiger hören. Es ist der Slogan einer Imagekampagne der deutschen Buchbranche, also der Verlage und des Handels, und das erste Mal laut herausgebrüllt wird er auf der jetzt beginnenden Leipziger Buchmesse. Danach soll er so schnell nicht wieder verklingen.

Andreas Platthaus Folgen:    

Was ist damit gemeint? Wer wird da gewarnt? Wir vor dem Buch? Das Buch vor uns? Es geht um etwas ganz anderes: darum, dass sich die Buchbranche in einem fundamentalen, existenzbedrohenden Wandel befindet. Der Umsatzanteil von Internetanbietern am Handel nimmt zwar drastisch zu, aber am Ende gab es im Jahr 2012 für die Branche als Ganzes ein Minus von einem Prozent, weil der stationäre Handel dramatische Einbußen erlebte. Wie es den Verlagen geht, kann man sich da leicht vorstellen. Immer schlechter. Und mit ihnen ist die Breite des Buchangebots im deutschen Sprachraum bedroht, das weltweit noch konkurrenzlos dasteht.

Aber liest das alles jemand? Alberne Frage, könnte man meinen. Doch der Buchhandel rechnet schon nicht mehr damit. Beim Kauf von Büchern wird man mittlerweile stets danach gefragt, ob sie als Präsent verpackt werden sollen. Das Buch ist zum Geschenkartikel degeneriert, bei dem die Sorge berechtigt scheint, ob es jemals einen Leser findet. Das könnte dem Verkäufer egal sein, er wurde ja bezahlt, aber ungelesene Bücher sind nicht viel besser dran als ungedruckte: Sie sind verschwunden.

So sieht ein Pyrrhussieg aus

„Vorsicht Buch!“ - Diese Parole will nicht nur warnen, sondern mehr noch dazu aufrufen, auf Bücher zu achten. Die Vielfalt ist bedroht, und das gerade zu einem Zeitpunkt, wo die Kunden leicht wie nie (und auch günstig wie nie, wenn wir den Gültigkeitsbereich der Buchpreisbindung verlassen) auf unterschiedlichste Angebote aus aller Welt zugreifen können. Ein Triumph des Marktes. Und ein Pyrrhussieg.

Die Bedrohung trägt einen Namen: Amazon. Der amerikanische Internetkonzern, der als Buchanbieter begann, aber mittlerweile ein Warensegment offeriert, von dem selbst Kaufhausketten nur träumen können, hat Tochterunternehmen überall in den großen Sprachräumen. Durch den heimischen Computer ist Amazon in jedem Haushalt präsent, und mit der Post erreichen seine Lieferungen jedes Dorf - auch die, in denen es schon keine Buchhandlungen mehr gibt.

So ist Amazon zum größten Buchhändler der Welt geworden. Auf der Leipziger Messe aber ist das Unternehmen gar nicht vertreten. Es hat eigene Gesetze eingeführt und alte Branchenstrukturen ausgehebelt. Amazon verlangt und erhält größere Rabatte von den Verlagen, das Unternehmen verzichtet auf die Barsortimenter als Zwischenhändler, weil es statt Ladenlokalen gigantische Auslieferungslager unterhält, und es braucht kein Fachpersonal, weil die Kundschaft die Beratung und Empfehlung mittels Leserkommentaren selbst erledigt.

Die Bequemlichkeit siegt - zu oft

Klassische Buchhandlungen drohen dagegen zum Luxus zu werden, den sich die Betreiber nur noch in Städten leisten können, deren Einwohnerzahl eine kleine, aber hinreichende Gruppe von Lesern garantiert, die sich Bücher etwas kosten lassen. Nicht mehr Geld - da ist ja die Buchpreisbindung vor -, aber Mühe. Aus der Buchhandlung trägt man seine Einkäufe nach Hause, Amazon liefert sie frei Haus. Deshalb lernt man immer mehr Menschen kennen - auch versierte Leser -, die sich in der Buchhandlung ihres Vertrauens über neue Titel informieren, sie dort in die Hand nehmen und durchblättern, um sie danach bei Gefallen im Netz zu bestellen, weil sie auf diese Weise an die Haustür geliefert werden. Auch solcher Bequemlichkeit gilt der Warnruf „Vorsicht Buch!“

Und doch könnte der Moment nicht besser gewählt sein für die Kampagne der Buchbranche. Die Arbeitsbedingungen bei Amazon sind ins Gerede gekommen, und das Lesepublikum bildet sich viel auf seine ethischen Standards ein. Die selbstverständliche Nutzung des Internetangebots von Amazon zu bibliographischen Zwecken durch die deutschen Büchereien, die dem Buchhandelsriesen dadurch munter weitere Kunden zugetrieben haben, ist im Zuge der Diskussion schon beendet worden.

Wer nun durch das im Netz verfügbare Informationsangebot einer Bibliothek Lust auf einen Buchkauf bekommt, der wird zu einer Handelsplattform umgeleitet, die von einer Tochterfirma des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels betrieben wird. Dort ist ein Direkterwerb möglich, man bekommt aber auch Hinweise auf die nächstgelegenen Buchhandlungen.

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Wo, wenn nicht in Deutschland, dem Land mit der größten Buchhandelsdichte, dem Land des durch die Buchpreisbindung ausgeschalteten Dumpings und dem Land eines durch die Barsortimenter unvergleichlich schnellen und zuverlässigen Liefersystems, sollte man dem Riesen Amazon etwas entgegensetzen können? Ja, das Angebot ist da, doch wie auch im geregeltsten Markt üblich bestimmt die Nachfrage den Erfolg. Die Nachfrage, das sind wir, die Bücherkäufer. Vorsicht, Leser!

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 13.03.2013, 14:37 Uhr

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