Saul Friedländer hat ein Buch über Franz Kafka geschrieben. Im Sommer ist bei C. H. Beck die deutsche Übersetzung herausgekommen. Dass Friedländer sich nach dem Abschluss seiner zweibändigen Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung der Kafka-Auslegung zuwandte, könnte aussehen wie eine Liebhaberei, als hätte sich der Historiker, der heute achtzig Jahre alt wird, zu seinem Geburtstag selbst ein Geschenk machen wollen.
Aber Friedländer, der in seinem Fach unbeirrbar auf die klärende Kraft der Kontroverse gesetzt hat, fordert die Kafka-Forschung heraus - mit einer Fehlanzeige und mit einer These.
Mit dem deutschen Besucher unterhält er sich auf Deutsch, mit seiner Frau Orna Kenan, einer israelischen Historikerin mit Königsberger Vorfahren, spricht er Hebräisch und Englisch. Seit 1988 lebt Friedländer in Los Angeles, wo er an der Universität von Kalifornien lehrt.
Zwei gewaltige Türme: Schuld und Scham
Während „die winzigsten Details“ von Leben und Werk genauestens erfasst worden sind, haben zwei „gewaltige Türme, die hoch über dem Kafka-Territorium aufragen, sein Scham- und Schuldgefühl, die jeder Leser und natürlich jeder Forscher wahrnimmt, überwiegend nur zu ganz allgemeinen und abstrakten Interpretationen geführt“.
Einer höchst speziellen und konkreten Deutung führt Friedländer das Geständnis aus dem Brief an Milena Jesenská vom 26. August 1920 zu: „Schmutzig bin ich, Milena, endlos schmutzig, darum mache ich ein solches Geschrei mit der Reinheit.“ Kafka artikuliere hier nicht irgendein metaphysisches Ungenügen an der eigenen Person, sondern spiele auf seine unerfüllten sexuellen Wünsche an.
Friedländer setzt Bruchstücke einer großen Konfession zusammen, die sich auf homoerotische Neigungen und auch auf pädophile Empfindungen beziehen sollen. Der Witz der These: Die „Strebungen“ - der idealistische Beiklang dieser Vokabel der deutschen Übersetzung passt schlecht zum Schmutz - lieferten den Stoff und die Formen für Kafkas Phantasie, weil sie über das Stadium von Phantasien nicht hinauskamen. Kafka schämte sich demnach für Triebe, die er unter Kontrolle hatte, lud sich die Schuld auf an Handlungen, die er gar nicht beging.
Rücktritt vom Fluchtversuch
Die Aufmerksamkeit der ersten Rezensenten von Friedländers Buch wurde von der erotischen Problematik absorbiert. Dabei fallen die Abschnitte über Kafkas Platz in der Familie und sein Verhältnis zum Judentum ebenso ausführlich aus. Auf beiden Bezirken der Herkunftswelt liegt der Schatten der gewaltigen Türme. Als Bedingung von Kafkas literarischer Karriere erweist sich die Undenkbarkeit der Emanzipation. „Er versucht zu fliehen“ und schneidet sich dann selbst den Weg ab, so bestimmt Friedländer im Gespräch Kafkas charakteristisches Manöver.
„Seine Protagonisten wiederholen das Muster“ des Rücktritts vom Fluchtversuch. „Es gibt da etwas im Leben von Kafka, das sehr schwer zu verstehen ist.“ Erst am Ende seines Lebens, als er nach Berlin zog, verließ er das Elternhaus. „Dabei wurde er als Prokurist sehr gut bezahlt. Eine unglaubliche Situation.“
Unterstellte er sich der elterlichen Aufsicht, um die Realisierung seiner geheimen Wunschträume unmöglich zu machen? „Indem er in der Familie lebte, wurden ihm von der Familie Grenzen gezogen. Aber vergessen Sie nicht: Die Grenzen hatten Grenzen. Er verabredete sich im Hotel, er besuchte sehr häufig ein Bordell, aber er ging nicht in die Richtung, in die es ihn eigentlich zog.“ Wenn er aber der Versuchung trotz Gelegenheit nicht nachgab, soll man sie dann für eine Art Erfindung des Unbewussten halten, die ihm einen Grund gab, bei den Eltern wohnen zu bleiben?
Der Ödipus-Konflikt im Hause Kafka
Was Kafka angeht, weist der Historiker allerdings darauf hin, dass er von Freud beeinflusst worden sei. „Er hat wahrscheinlich ein paar seiner Geschichten freudianisch geschrieben.“ Am Ödipus-Konflikt im Hause Kafka entdeckt Friedländer ein spielerisches Moment. „Viele Interpreten behandeln die Rebellion gegen den Vater als eine Tatsache, aber sie erklären nicht, warum er dort weiter lebte. Mit Sticheleien setzte er dem Vater zu und machte damit geltend, dass er ein anderer war.“
Friedländer hat die ambivalenten Urteile Kafkas über jüdische Dinge zusammengestellt und auch Ressentiments gegen das Judentum gefunden. „Seine, fast muss man schon sagen, Karikatur des Judentums ist manchmal sehr scharf.“ Die Feststellung in einem Brief an Max Brod vom Mai 1920, den Antisemitismus verdanke Deutschland den Juden, die „seit jeher Deutschland Dinge aufgedrängt“ hätten, „zu denen es vielleicht langsam und auf seine Art gekommen wäre, denen gegenüber es sich aber in Opposition gestellt hat“, nennt Friedländer „eine extreme Bemerkung“.
Als Historiker kann er ihr gleichwohl einen Sinn abgewinnen. „Wenn Sie Kafka lesen, werden Sie merken: Kafka hat Sachen gesehen und gesagt, die man nicht gern sagt.“ Es sei ja kein Geheimnis, dass einige der Hauptakteure der Münchner Räterepublik einen jüdischen Hintergrund gehabt hätten. Möglicherweise hatte Kafka auch die Sozialdemokratie und sogar den liberalen Rechtsstaat als Agenturen der Forcierung des Fortschritts im Sinn.
„Aber“, sagt Friedländer, „eins muss man betonen: Er hat sich immer nur als Jude gefühlt. Fast alle seine Freunde und Freundinnen waren Juden, er hat diesen Kreis nie verlassen.“ Wie Kafka im „Brief an den Vater“ erklärt, war diese geistige Heimat keine Gegenwelt zur Familie, kein Zufluchtsort. „Ebenso wenig Rettung vor Dir fand ich im Judentum. Hier wäre ja an sich Rettung denkbar gewesen, aber noch mehr, es wäre denkbar gewesen, dass wir uns beide im Judentum gefunden hätten oder dass wir gar von dort einig ausgegangen wären. Aber was war das für ein Judentum, das ich von Dir bekam!“ Der Brief wurde nie zugestellt.
Die Wurzeln dieser Feindschaft
Doch der Vater bekam stattdessen vom Sohn etwas anderes zurück, den Erzählungsband mit der Titelgeschichte „Ein Landarzt“, der 1920 erschien. Das Buch ist Hermann Kafka gewidmet. Was der Autor mit dieser Geste sagen wollte, hatte er zwei Jahre vorher in einem Brief an Brod in ein Bild gefasst: „Nicht als ob ich dadurch den Vater versöhnen könnte, die Wurzeln dieser Feindschaft sind hier unausreißbar, aber ich hätte doch etwas getan, wäre wenn schon nicht nach Palästina übersiedelt, doch mit dem Finger auf der Landkarte hingefahren.“
Für wie utopisch hielt Kafka das Unternehmen der jüdischen Neuansiedlung an altem Ort? Im Sommer 1948, in den Tagen der Gründung des jüdischen Staates, übersiedelte Friedländer aus Frankreich nach Palästina. Er war noch keine sechzehn Jahre alt. Auf den Moment, da er vom Schiff aus den Boden des Landes Israel sah, läuft die Autobiographie zu, die er auf Französisch schrieb und 1978 unter dem Titel „Wenn die Erinnerung kommt“ veröffentlichte.
In Prag wurde Saul Friedländer am 11. Oktober 1932 geboren. Seine Eltern gaben ihm den Namen Paul. Der Vater hatte Pianist werden wollen, studierte dann aber wie Kafka Jura an der Karlsuniversität und wurde wie Kafka leitender Angestellter einer Versicherungsgesellschaft. Sein Exlibris zeigte ein Klavier, eine Chopin-Partitur und einen Zimmermannswinkel vor dem Davidstern.
Im März 1939, nach dem Einmarsch der Deutschen, floh die Familie nach Frankreich. Die Eisenbahnfahrt führte über Nürnberg und Stuttgart nach Straßburg und Paris. 1942 gaben die Eltern den Jungen in ein katholisches Internat. Sie mussten einwilligen, dass er getauft und katholisch erzogen wurde.
Im Gefühl absoluter Loyalität
Im August 1945 erfuhr er, dass seine Eltern nicht zurückkehren würden. Was Auschwitz war, setzte ihm ein halbes Jahr später ein Jesuitenpater auseinander, der ihn nicht dazu drängte, beim neuen Glauben zu bleiben. Zum ersten Mal, berichtet Friedländer in den Memoiren, spürte er nach diesem Gespräch, dass er Jude war - im Gefühl absoluter Loyalität. Die „letzte Rechtfertigung“ einer Tradition wollte er im Rückblick darin sehen, dass sie „in dem Moment, wo kein Ausweg, keine Zuflucht mehr erkennbar sind, Trost spendet“.
Der vor den Mördern gerettete Schüler hatte sich mit dem Gedanken getragen, Priester zu werden. Aber kurz vor dem Abitur auf dem nach Heinrich IV. benannten Pariser Elitegymnasium lief er davon, um sich nach Palästina einzuschiffen. Er war der jüngste Passagier an Bord der von Menachem Begins Irgun bemannten „Altalena“, die am 21. Juni 1948 vor der Küste von Tel Aviv von den Streitkräften der provisorischen Regierung beschossen und aufgebracht wurde.
Wie er über den Umweg des Straßenverkaufs der kommunistischen Zeitung „L’Humanité“ zum Zionismus kam, wie er sich zunächst einer sozialistischen Gruppe anschloss, die ihn nicht nach Palästina schicken wollte, weil er noch zu jung war, und wie er deshalb in Begins Jugendorganisation Betar unterkam, das erzählt Friedländer im Gespräch noch einmal in geraffter Form und in heiterem Ton, so dass die Verkettung abenteuerlicher Zufälle an eine romantische Kreuzfahrerlegende denken lässt.
Beide Seiten des Jordans
Als Historiker betont er freilich das Typische seiner politischen Erziehung, so dass im Reaktionsmuster die Aktion fast verschwindet: „Kommunismus, Zionismus: das war fast die normale Reaktion eines Jünglings, der von nichts wusste.“ Es fand eine Aufnahmeprüfung statt. „Ich wusste nicht, was Betar plante, ich wollte nur, dass mich jemand nach Palästina mitnimmt. Ich wurde gefragt: Was willst du? Ich sagte: beide Seiten des Jordans. Mein Freund hatte mir gesagt, dass ich das antworten musste. Ich hatte keine Ahnung, wo genau der Jordan war.“ Friedländer gelangte nach Palästina, ohne zuvor mit dem Finger über die Landkarte gefahren zu sein.
Im Gespräch bekräftigt Friedländer, dass Kafka trotz gegenteiliger Versicherung Max Brods kein Zionist gewesen sei. „Wäre er etwas gesunder gewesen, hätte er sich Palästina angeschaut? Wahrscheinlich. Hätte er sich dort niedergelassen? Absolut unwahrscheinlich.“
In Israel werde heute versucht, aus ihm einen Zionisten zu machen. Dabei sei die Erzählung „Schakale und Araber“, die 1917 in Martin Bubers Zeitschrift „Der Jude“ erschien, eine antizionistische Fabel fast ohne fabelhafte Verkleidung. Dem Erzähler, „nur zufällig“ auf Besuch aus dem hohen Norden, wird vom ältesten Schakal unter dem Klagegeheul des ganzen Volkes eine Schere ausgehändigt, damit er den Arabern die Kehle durchschneide. „Die Schakale sind die Juden“, erläutert Friedländer, „die Araber sind die Araber, die authentischen Wüstenleute. Schakale sind schreckliche Tiere in dieser Geschichte.“
„G“ für Geschlecht
Friedländer vermutet, dass die von Eva Hoffe, der Tochter der Sekretärin Brods, gehüteten Manuskripte Material enthalten, das seine sexualpathologische These bestätigt. Kafkas sexuelle Komplexe sind nach Friedländers Überzeugung „das Fundamentale in seiner Persönlichkeit“. Im Tagebuch sei es permanent präsent, unter der Chiffre „G“ für Geschlecht. Es erkläre auch „das negative Bild vom Judentum, vom jüdischen Körper und jüdischen Typ“.
Durch das Unvermittelbare, Kulturfremde des triebhaften Fundaments erledigen sich auch alle Interpretationen, die Kafkas Werke als Allegorien von Erscheinungen oder Ereignissen der modernen Zivilisation präsentieren. „Es ist grotesk, ihn als einen Propheten darzustellen, der das Totalitäre schon spürte.“
Friedländer macht die Beobachtung, dass in Kafkas Erzählungen die „Abgesandten“ der Autorität, die mit der Menge im Rücken „das Opfer an jedem Wendepunkt des verschlungenen Pfades beobachten, der zu seinem Untergang führt“, gewöhnlich als Paar auftreten: die zwei Wächter und zwei Scharfrichter im „Prozess“, die zwei Gehilfen im „Schloss“, die zwei Praktikanten in „Blumfeld“, die zwei Pferde im „Landarzt“.
Bevor die Friedländers nach Frankreich ausreisten, hatten sie am 12. März 1939 versucht, über die ungarische Grenze zu fliehen. Der Versuch endete in Brünn. Vor dem Rathaus standen schon zwei deutsche Posten. „Trotz allem, was noch geschehen sollte, bleibt für mich das Hitler-Reich, immer wenn ich daran denke, spontan in zwei reglosen Wachsoldaten verkörpert: keine Gesichter, nur zwei Helme.“
Im Kinderzimmer vergraben
Friedländers Memoiren sind sein Brief an den Vater. Der Sohn fragt sich: „Was bedeutete es für meinen Vater, Jude zu sein?“ Er bekam von seinem Vater überhaupt kein Judentum. Vielleicht schon deshalb nicht, weil der Vater ohnehin nicht wusste, wie er mit dem Kind umgehen sollte. „Hinter seiner reservierten Art verbarg mein Vater zweifellos eine extreme Schüchternheit.“ Erstaunlich nennt es Friedländer, dass der erwachsene Kafka, „immer noch in seinem Kinderzimmer vergraben“, seinen Eltern vorwarf, die Tür zu diesem Zimmer geschlossen zu haben, weil er „schon abgeschieden war“ von der Familie.
In den Memoiren berichtet Friedländer von seiner kindlichen „Furcht, alleingelassen zu werden“, die von einem Erinnerungsbild wachgerufen wird: „Ich sehe meinen Vater, wie er im Salon im Licht einer großen Stehlampe liest, im Hintergrund der Bücherschrank, sehe ihn, so wie ich ihn fast jeden Abend betrachtete, wenn keine Gäste da waren und ich mich, von unbezähmbarer Angst ergriffen, in der lautlosen Stille erhob, auf Zehenspitzen den Flur entlangschlich, mein Auge an das Schlüsselloch presste und mich vergewisserte, dass er noch da war, dort an seinem gewohnten Platz.“
Als Friedländers Eltern in den Güterzug nach Osten gepfercht waren, gab der Vater einem Mann, der aus dem Zug sprang und beide Beine verlor, seine Armbanduhr mit, die er seinem Sohn schicken sollte. Sie erreichte den Empfänger, aber während der Überfahrt nach Israel wurde sie ihm gestohlen. In Frankreich hatte er sich am Sonntagmorgen manchmal zu seinem Vater ans Bett gesetzt und ihm dabei zugesehen, wie er feierlich die Uhr aufzog. „Noch einmal lauschte er dem leisen Ticken, und jetzt erst - im zufriedenen Bewusstsein, das gewohnte Ritual erfüllt zu haben - band er die Uhr wieder um.“
Gustav Meyrinks möglicher Einfluss
Im neuen Buch zitiert Friedländer eine Stelle aus dem „Urteil“, die einen Rollentausch von Vater und Sohn zeigt. „Auf seinen Armen trug er den Vater ins Bett. Ein schreckliches Gefühl hatte er, als er während der paar Schritte zum Bett hin merkte, dass an seiner Brust der Vater mit seiner Uhrkette spielte.“
Die größte Überraschung dürften in der Kafka-Forschung nicht Friedländers Spekulationen über die Sexualität auslösen, sondern die Erwägung, dass eines der charakteristischen Stilmittel Kafkas, die „wiederholte Verwendung suggestiver Bilder“, auf den Einfluss von Gustav Meyrinks Roman „Der Golem“ zurückzuführen sein könnte. In diesem Punkt waren die Kenner bislang geneigt, Brods Zeugnis zu glauben, der Kafkas ablehnendes Urteil über Meyrink überliefert hat.
Der Titel von Friedländers Autobiographie ist ein Zitat aus Meyrinks Roman. Friedländers Vater besaß den „Golem“ in einer prachtvollen illustrierten Ausgabe. Es war eines der wenigen Bücher, die er aus Prag mitnahm. Ihn wird, vermutet der Sohn, an Meyrinks Version der Sage vom Beschützer der Judengemeinde „wohl weniger der jüdische Gehalt“ interessiert haben „als die esoterische Bedeutung“.
Zweifel
Thomas Wunsch (thomas.w70)
- 11.10.2012, 23:06 Uhr
Ein ergänzender Lesetipp
Harald Schmidt (Haraldino)
- 11.10.2012, 11:24 Uhr