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Zum Achtzigsten von Saul Friedländer : Er hat Sachen gesehen, die man nicht gerne sagt

Der gelehrte alteuropäische Abenteurer in seiner kalifornischen Bücherburg: Saul Friedländer Bild: Interakt-Film

Von Schakalen, Doppelköpfen und dem großen „G.“: Ein Gespräch über Franz Kafka mit dem Historiker Saul Friedländer, der an diesem Donnerstag achtzig Jahre alt wird.

          Saul Friedländer hat ein Buch über Franz Kafka geschrieben. Im Sommer ist bei C. H. Beck die deutsche Übersetzung herausgekommen. Dass Friedländer sich nach dem Abschluss seiner zweibändigen Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung der Kafka-Auslegung zuwandte, könnte aussehen wie eine Liebhaberei, als hätte sich der Historiker, der heute achtzig Jahre alt wird, zu seinem Geburtstag selbst ein Geschenk machen wollen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Aber Friedländer, der in seinem Fach unbeirrbar auf die klärende Kraft der Kontroverse gesetzt hat, fordert die Kafka-Forschung heraus - mit einer Fehlanzeige und mit einer These.

          Mit dem deutschen Besucher unterhält er sich auf Deutsch, mit seiner Frau Orna Kenan, einer israelischen Historikerin mit Königsberger Vorfahren, spricht er Hebräisch und Englisch. Seit 1988 lebt Friedländer in Los Angeles, wo er an der Universität von Kalifornien lehrt.

          Zwei gewaltige Türme: Schuld und Scham

          Während „die winzigsten Details“ von Leben und Werk genauestens erfasst worden sind, haben zwei „gewaltige Türme, die hoch über dem Kafka-Territorium aufragen, sein Scham- und Schuldgefühl, die jeder Leser und natürlich jeder Forscher wahrnimmt, überwiegend nur zu ganz allgemeinen und abstrakten Interpretationen geführt“.

          Einer höchst speziellen und konkreten Deutung führt Friedländer das Geständnis aus dem Brief an Milena Jesenská vom 26. August 1920 zu: „Schmutzig bin ich, Milena, endlos schmutzig, darum mache ich ein solches Geschrei mit der Reinheit.“ Kafka artikuliere hier nicht irgendein metaphysisches Ungenügen an der eigenen Person, sondern spiele auf seine unerfüllten sexuellen Wünsche an.

          Friedländer setzt Bruchstücke einer großen Konfession zusammen, die sich auf homoerotische Neigungen und auch auf pädophile Empfindungen beziehen sollen. Der Witz der These: Die „Strebungen“ - der idealistische Beiklang dieser Vokabel der deutschen Übersetzung passt schlecht zum Schmutz - lieferten den Stoff und die Formen für Kafkas Phantasie, weil sie über das Stadium von Phantasien nicht hinauskamen. Kafka schämte sich demnach für Triebe, die er unter Kontrolle hatte, lud sich die Schuld auf an Handlungen, die er gar nicht beging.

          Rücktritt vom Fluchtversuch

          Die Aufmerksamkeit der ersten Rezensenten von Friedländers Buch wurde von der erotischen Problematik absorbiert. Dabei fallen die Abschnitte über Kafkas Platz in der Familie und sein Verhältnis zum Judentum ebenso ausführlich aus. Auf beiden Bezirken der Herkunftswelt liegt der Schatten der gewaltigen Türme. Als Bedingung von Kafkas literarischer Karriere erweist sich die Undenkbarkeit der Emanzipation. „Er versucht zu fliehen“ und schneidet sich dann selbst den Weg ab, so bestimmt Friedländer im Gespräch Kafkas charakteristisches Manöver.

          „Seine Protagonisten wiederholen das Muster“ des Rücktritts vom Fluchtversuch. „Es gibt da etwas im Leben von Kafka, das sehr schwer zu verstehen ist.“ Erst am Ende seines Lebens, als er nach Berlin zog, verließ er das Elternhaus. „Dabei wurde er als Prokurist sehr gut bezahlt. Eine unglaubliche Situation.“

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