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Zum 450. Geburtstag : Kontinent Shakespeare

  • -Aktualisiert am

Shakespeare-Denkmal in Weimar: Er schuf eine eigene, zeitlose Welt Bild: dpa

Shakespeare ist der größte Dramatiker aller Zeiten. Er kennt uns besser als wir uns selbst. Sein Werk ist zeitlos und zeigt den Menschen so, wie er ist: nackt und bloß, und selten groß.

          Wir wissen wenig von ihm. Zu dem Wenigen gehört zum Beispiel, dass er heute vor 450 Jahren in Stratford-upon-Avon, einem Marktflecken im englischen Warwickshire, getauft wurde und dort am 23. April 1616 starb (den Tag, an dem er geboren wurde, kennen wir nicht). Aber er weiß alles über uns. Mehr als alle Geheimdienste der Welt je über uns herauskriegen könnten. Er entziffert uns. Und spricht uns aus. Aber je mehr er das tut, desto mehr bleiben wir uns ein Rätsel.

          William Shakespeare, Sohn eines Handschuhmachers, in London zum Schauspieler, Theaterunternehmer und Dramatiker aufgestiegen, ein, wie ihn der Kritiker Alfred Kerr spöttisch apostrophierte, „Landlümmel aus dem Drecksnest Stratford“, hat um die Wende vom sechzehnten zum siebzehnten Jahrhundert mehr als dreißig Theaterstücke geschrieben. Und mit ihnen die Welt verändert. Bis in alle Ewigkeit. Weswegen sie auch unveräußerlicher Welt-Besitz sind.

          Shakespeare braucht keine Kulisse - nur Poesie

          Vor kurzem wurde im Melthouse Theatre in Melbourne sein „König Lear“ in der australischen Eingeborenensprache Gupapuyngu gespielt. Er ging sie an. Genauso wie er Zuschauer angeht, die ihn in Jiddisch, in Urdu, in Mandarin oder auf Koreanisch erleben. Von Spanisch, Russisch, Französisch, Tibetisch oder Suaheli ganz zu schweigen.

          Der König, der in einem Anfall von Laune sein Reich an seine Töchter verschenkt und dafür von ihnen halbnackt in Sturm und Wetter und Wahnsinn hinausgejagt wird; die bösen Kinder, die ihren Eltern die Augen ausreißen lassen, bevor sie sich in Gier und Geilheit abstechen und vergiften; der gute Sohn, der seinen geblendeten Vater, der darum bittet, von den Felsen in Dover in den Tod springen zu dürfen, auf ebener Erde einen Hüpfer machen lässt, der dem Alten vorkommt, als sei er klaftertief gefallen – das sind Urszenen verrücktester Liebe, entmenschtester Bestialität und träumerischster Theatralik.

          Und für all dies braucht es auf Shakespeares Bühne keine Kulissen, keinen Apparat. Keine Bilder. Sie ist völlig leer. Sie betritt der junge Mann Hamlet, der auf eine Welt kommt, die aus den Fugen ist und die einzurenken seinen Tod bedeutet. Oder das Mädchen Viola in „Was ihr wollt“, das sich als Mann verkleidet und sich in einen Mann verliebt, der eine Frau liebt, die sich in die als Mann verkleidete Viola verliebt, bis niemand mehr weiß, wer wen in wem liebt. Oder der königsmörderische Feldherr Macbeth, der so lange morden muss, bis er „den Schlaf mordet“.

          Oder der Herzog von Gloster, nachmals Richard III., der am Sarg des von ihm ermordeten Prinzen Eduard dessen Witwe Anne verführt. Oder der Jude Shylock, der ein Pfund Menschenfleisch „nah dem Herzen“ seines Feindes Antonio, des „Kaufmanns von Venedig“, als Pfand für eine Schuldverschreibung nimmt. Oder die Könige, die sich heute nach oben töten und morgen selbst getötet werden.

          Shakespeare kennt uns inwendig

          Alle treten sie nicht auf eine Szene. Sondern ins Wort. In eine Welt, ganz erschaffen nur aus Sprache, Poesie, Phantasie. Buchstabiert in einem Alphabet aus Mord und Schönheit. Seit es buchstabiert ist, wissen wir, wie tief hinunter die Expedition ins Innere des Menschen gehen kann. Es ist eine Expedition durch den Kontinent Shakespeare. Auf dem alle gewohnten Ordnungen und Bescheidwissereien aufgehoben sind. Und wenn man die Reise einmal angetreten hat, fängt man an, sich zu verändern. Nichts ist mehr, wie es zuvor einmal war.

          Es ist ja immer so, als träten Shakespeares Figuren wie im Zauber- und Zeitenflug durch Wände, als seien für sie Orte und Räume leicht und durchsichtig wie Luft. Das kann nur den verwirren, der nicht spürt, dass ihre wahren Orte und Räume und Wände, ihre Länder und Wüsteneien und Sturm-Inseln und Sommernachtstraum-Wälder (in denen aus Handwerkern schon mal Esel werden können) ihnen buchstäblich auf Zungen und Lippen liegen.

          Und weil Shakespeares Komödien oft wie Schlachten enden und seine Schlachten oft wie Komödien wirken und ein gutes Ende nirgends in Sicht ist, kein Höheres, nichts Übergeordnetes, Trostspendendes, steht am Anfang und am Ende seiner Dramen: der Mensch. Nackt und bloß. Und selten groß. Eine unausschöpfliche Ungeheuerlichkeit, in die man hineinblickt, hineinschaudert, hineinträumt. Eine Ungesichertheit, die sich aber doch nach Sicherheit und Halt sehnt. Shakespeare kennt uns inwendig.

          Nicht nur deshalb ist er der größte und wunderbarste dramatische Menschentheaterzauberer aller Zeiten. Der jüngste und frischeste aller Jungdramatiker. Seine Aktualität besteht darin, dass er nicht aktuell sein will, jedem Zeitgeist hohnspricht. Er schöpft aus Uraltem, Historischem oder träumt Phantastisches. Ewiges. Und ruht sich auch schon mal, wie im Fall von „Romeo und Julia“, auf der unsäglichen Kolportage einer Husch-husch-Liebe aus (samt Dolch und unkonzessioniertem Ausschank giftiger Substanzen).

          Aber er kümmerte sich um nichts, was gerade anstand in der Welt. Dass England die größte Flotte der damaligen Zeit, die spanische Armada, besiegte, das bedeutendste zeitgenössische Ereignis, nach dem heute alle Zeitgeistdramatiker gierig wären, war ihm gleichgültig. Shakespeare lief nicht der Welt hinterher. Er ist eine eigene Welt. Ein Geschenk. Für immer.

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