Home
http://www.faz.net/-gqz-7901r
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 10.05.2013, 09:15 Uhr

Zum 100. Geburtstag von Robert Jungk Das Feuer des Prometheus

Robert Jungk erkannte als einer der ersten die Gefahren des Atomzeitalters. Seine Gedanken inspirierten ein ganze Generation. Eine Erinnerung aus Anlass seines hundertsten Geburtstags.

© Isolde Ohlbaum/laif Kritischer Prophet des Atomzeitalters: Robert Jungk

Er prägte das Denken meiner Jugend. Meine Freunde und ich lasen seine Bücher. Wir stritten über seine Thesen. Er bot die Legitimation für unser Engagement, und es war wohl nicht unwichtig für uns, Mitglieder einer jüdischen Jugendbewegung, von seiner Herkunft, von seiner Flucht vor den Nazis und von seinem Antifaschismus zu wissen. Robert Jungk hatte im Exil überlebt und in der „Weltwoche“ gegen Hitler angeschrieben, war im Kalten Krieg zum Zukunftsforscher, zum Rebellen und zum Visionär geworden. Von 1945 an kämpfte er schon gegen die nukleare Aufrüstung und seit den sechziger Jahren gegen die Atomkraft. 1992 machten ihn die österreichischen Grünen zu ihrem Kandidaten für die Wahl zum Bundespräsidenten. Robert Jungk fand neue Wörter für die Fragen, die uns beschäftigten. Er sagte „Atomstaat“ und rüttelte uns damit auf. Letztlich war er es, der mich mit seinen Büchern und mit seinen Reden auch zu meiner ersten essayistischen Übung, zu einem jugendlich stürmischen Aufsatz, inspirierte.

Vor einigen Monaten, im November 2012, erinnerte ich mich wieder an Robert Jungk und an meinen damaligen Text. Ich war nach Japan eingeladen worden. Ich trat unter anderem auch in der Universität von Hiroshima auf. Am Morgen vor meiner Lesung begleiteten mich zwei Studentinnen ins Stadtzentrum. Mit einem Mal stand ich vor der sogenannten Atombombenkuppel, vor der weltberühmten Ruine. Das Dach und das Mauerwerk nur noch ein Skelett. Der einsame Überrest inmitten vollkommener Auslöschung. Achtzig Prozent der Häuser im Umkreis von einem Kilometer waren damals auf einen Schlag vernichtet worden. Diese eine Betonkonstruktion steht, obgleich auch zerstört und ausgebrannt, immer noch. Sie ist hundertvierzig Meter vom Bodennullpunkt, vom Ground Zero, entfernt. Über diesem Ort war der Explosionskern, der Feuerball, gewesen, und vielleicht hatte die Druckwelle eben deshalb dieses eine Gebäude nicht gänzlich fortgerissen. Bis zu 80.000 starben sogleich nach dem Abwurf von „Little Boy“. Etwa 90.000 bis 166.000 in den nächsten vier Monaten. Bis heute erliegen noch weitere Menschen den Spätfolgen.

Nachdenken über Hiroshima

Es war, als hinge die Bombe immer noch über der Stadt, als schwebte sie über uns. Ich ging an den Monumenten und den Gedenkstätten vorbei, durchlief das Friedensmuseum und sah das zerschmolzene Dreirad des kleinen Shinichi Tetsutani, der am Morgen des 6.August im Jahre 1945 mitsamt seinem kleinen Gefährt von den Flammen erfasst worden und in der darauffolgenden Nacht gestorben war. Ich las die letzten Berichte von Dahinsterbenden und die Zeugnisse von Überlebenden, stand vor den Haarbüscheln, die achtzehn Tage nach dem Abwurf beim Kämmen ausgefallen waren. Dann die verkohlten Überreste eines Pausenessens, die Fotos von Verbrannten. Die Pausendose eines verschollenen Schülers, das Essen vollkommen verkohlt. Der Schatten auf einer Steinstufe - das war alles, was von einem Menschen übrig geblieben war.

Schulklassen durchstreiften den Friedenspark, und sie klangen ausgelassen, als wären sie auf einem Ausflug ins Grüne. Nicht ungefährlich, meinte später eine meiner beiden Begleiterinnen, sei manch Gedenken an Hiroshima, denn allzu leicht könnten dadurch die japanischen Kriegsverbrechen ausgeblendet werden. Aber wer könnte deshalb fordern, sich der Erinnerung an diesem Ort nicht zu stellen? Wer könnte sich vorstellen, in Hiroshima würde nicht von der Atombombe erzählt? Sollen die Zeitzeugen schweigen? Sollen sie nicht vor Schulklassen, vor Reisegruppen, bei den Staatsmännern heutiger Atommächte ihren Bericht ablegen? Gegen eine falsche Form von Rückschau hilft nicht das Vergessen, sondern nur die Schärfung der Erinnerung. Mich aber trieb bei diesem Rundgang durch Hiroshima um, was aus meiner Empörung über nukleare Aufrüstung geworden war, die meine Jugend beherrscht hatte. Ich dachte unweigerlich an Robert Jungk und seine Schriften.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Zbigniew Ziobro im Gespräch Es geht mir um historische Sensibilität

Die EU hat gegen Polen ein Rechtsstaatsverfahren eingeleitet. Im Interview verteidigt Polens Justizminister Zbigniew Ziobro die Maßnahmen und wehrt sich gegen Kritik – gerade auch aus Deutschland. Mehr Von Konrad Schuller

05.02.2016, 19:04 Uhr | Politik
Kampf gegen Geldwäsche Dänen haben kaum noch Bargeld

Ohne Bargeld gäbe es kein Schwarzgeld mehr, so das Hauptargument der Gegner des Bargelds. Trotzdem wollen viele Europäer auf Münzen und Scheine nicht verzichten. Sie haben Angst zu gläsernen Kunden zu werden. Mehr

05.02.2016, 14:40 Uhr | Wirtschaft
VfB Stuttgart Ausgestattet mit starkem Willen, wollte er unbedingt Profi werden

Schon während seiner Schulzeit war er als Mittelstürmer gefragt. Nach seiner Karriere ist Peter Reichert dem VfB Stuttgart als Fanbeauftragter treu geblieben. Mehr Von Nicolas Walka, Goethe-Gymnasium, Ludwigsburg

01.02.2016, 12:24 Uhr | Gesellschaft
Frankfurter Anthologie Adam Zagajewski: Miłosz lesend

Miłosz lesend von Adam Zagajewski, gelesen von Thomas Huber. Mehr

15.01.2016, 16:52 Uhr | Feuilleton
Diskette wird 45 Der geheimnisvolle Datenträger

Vor 45 Jahren kam die erste Diskette auf den Markt. Auch heute wird das antiquierte Computermedium noch eifrig genutzt - zum Beispiel bei der Deutschen Bahn. Mehr Von Thiemo Heeg

01.02.2016, 16:48 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Liebesspiele

Von Hubert Spiegel

Buchhandlungen sind das Paradies der Literatursüchtigen. Laut einer Umfrage eigenen sie sich jedoch nicht nur zur Beschaffung von neuem Lesestoff, sondern auch als idealer Ort zum Anbandeln. Mehr 1 3

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“