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Zum 100. Geburtstag von Robert Jungk Das Feuer des Prometheus

 ·  Robert Jungk erkannte als einer der ersten die Gefahren des Atomzeitalters. Seine Gedanken inspirierten ein ganze Generation. Eine Erinnerung aus Anlass seines hundertsten Geburtstags.

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Er prägte das Denken meiner Jugend. Meine Freunde und ich lasen seine Bücher. Wir stritten über seine Thesen. Er bot die Legitimation für unser Engagement, und es war wohl nicht unwichtig für uns, Mitglieder einer jüdischen Jugendbewegung, von seiner Herkunft, von seiner Flucht vor den Nazis und von seinem Antifaschismus zu wissen. Robert Jungk hatte im Exil überlebt und in der „Weltwoche“ gegen Hitler angeschrieben, war im Kalten Krieg zum Zukunftsforscher, zum Rebellen und zum Visionär geworden. Von 1945 an kämpfte er schon gegen die nukleare Aufrüstung und seit den sechziger Jahren gegen die Atomkraft. 1992 machten ihn die österreichischen Grünen zu ihrem Kandidaten für die Wahl zum Bundespräsidenten. Robert Jungk fand neue Wörter für die Fragen, die uns beschäftigten. Er sagte „Atomstaat“ und rüttelte uns damit auf. Letztlich war er es, der mich mit seinen Büchern und mit seinen Reden auch zu meiner ersten essayistischen Übung, zu einem jugendlich stürmischen Aufsatz, inspirierte.

Vor einigen Monaten, im November 2012, erinnerte ich mich wieder an Robert Jungk und an meinen damaligen Text. Ich war nach Japan eingeladen worden. Ich trat unter anderem auch in der Universität von Hiroshima auf. Am Morgen vor meiner Lesung begleiteten mich zwei Studentinnen ins Stadtzentrum. Mit einem Mal stand ich vor der sogenannten Atombombenkuppel, vor der weltberühmten Ruine. Das Dach und das Mauerwerk nur noch ein Skelett. Der einsame Überrest inmitten vollkommener Auslöschung. Achtzig Prozent der Häuser im Umkreis von einem Kilometer waren damals auf einen Schlag vernichtet worden. Diese eine Betonkonstruktion steht, obgleich auch zerstört und ausgebrannt, immer noch. Sie ist hundertvierzig Meter vom Bodennullpunkt, vom Ground Zero, entfernt. Über diesem Ort war der Explosionskern, der Feuerball, gewesen, und vielleicht hatte die Druckwelle eben deshalb dieses eine Gebäude nicht gänzlich fortgerissen. Bis zu 80.000 starben sogleich nach dem Abwurf von „Little Boy“. Etwa 90.000 bis 166.000 in den nächsten vier Monaten. Bis heute erliegen noch weitere Menschen den Spätfolgen.

Nachdenken über Hiroshima

Es war, als hinge die Bombe immer noch über der Stadt, als schwebte sie über uns. Ich ging an den Monumenten und den Gedenkstätten vorbei, durchlief das Friedensmuseum und sah das zerschmolzene Dreirad des kleinen Shinichi Tetsutani, der am Morgen des 6.August im Jahre 1945 mitsamt seinem kleinen Gefährt von den Flammen erfasst worden und in der darauffolgenden Nacht gestorben war. Ich las die letzten Berichte von Dahinsterbenden und die Zeugnisse von Überlebenden, stand vor den Haarbüscheln, die achtzehn Tage nach dem Abwurf beim Kämmen ausgefallen waren. Dann die verkohlten Überreste eines Pausenessens, die Fotos von Verbrannten. Die Pausendose eines verschollenen Schülers, das Essen vollkommen verkohlt. Der Schatten auf einer Steinstufe - das war alles, was von einem Menschen übrig geblieben war.

Schulklassen durchstreiften den Friedenspark, und sie klangen ausgelassen, als wären sie auf einem Ausflug ins Grüne. Nicht ungefährlich, meinte später eine meiner beiden Begleiterinnen, sei manch Gedenken an Hiroshima, denn allzu leicht könnten dadurch die japanischen Kriegsverbrechen ausgeblendet werden. Aber wer könnte deshalb fordern, sich der Erinnerung an diesem Ort nicht zu stellen? Wer könnte sich vorstellen, in Hiroshima würde nicht von der Atombombe erzählt? Sollen die Zeitzeugen schweigen? Sollen sie nicht vor Schulklassen, vor Reisegruppen, bei den Staatsmännern heutiger Atommächte ihren Bericht ablegen? Gegen eine falsche Form von Rückschau hilft nicht das Vergessen, sondern nur die Schärfung der Erinnerung. Mich aber trieb bei diesem Rundgang durch Hiroshima um, was aus meiner Empörung über nukleare Aufrüstung geworden war, die meine Jugend beherrscht hatte. Ich dachte unweigerlich an Robert Jungk und seine Schriften.

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Doron Rabinovici, geboren 1961 in Tel Aviv, lebt seit 1984 in Wien und ist Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm der Roman „Andernorts“.

Quelle: F.A.Z.
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10.05.2013, 09:15 Uhr

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