13.10.2002 · Beim Zukunftskongress Futura Mundi in Frankfurt fehlte es nicht an Aufrufen für eine gerechtere Weltordnung. Berge allerdings wurden bei allem guten Willen nicht versetzt.
Von Holger ChristmannZum ersten Mal fand im Rahmen der Frankfurter Buchmesse der Kongress Futura Mundi statt. Ziel war es, die dort alljährlich zusammenkommende Kulturprominenz zu einem Gespräch über Zukunftsfragen zu versammeln. „Bridges for a World divided“ (Brücken für eine geteilte Welt) wollte das eintägige Symposium schlagen. Die Themen reichten vom Nahostkonflikt über die Biotechnologie bis hin zu den Aufgaben der Literatur in einer Zeit der Globalisierung. An Denkanstößen und Aufrufen zu einer besseren Weltordnung fehlte es nicht. Inwiefern sie realisierbar sind, blieb, wie so oft bei solchen Veranstaltungen, offen.
Der Kongress eröffnete mit dem Thema, das derzeit die Schlagzeilen beherrscht: der möglicherweise bevorstehende Krieg gegen den Irak. Im weitesten Sinne diskutierten die Teilnehmer, darunter der britische Autor Tariq Ali, der orthodoxe Patriarch von Antiochien Gregorios III. und der israelische Schriftsteller Amos Oz über den Konflikt im Nahen Osten. Tariq Ali warnte vor einem Krieg gegen den Irak. Ein Krieg sei als Mittel der Problemlösung ungeeignet, sagte er. Er appellierte an die Europäer, sich gemeinsam gegen einen Krieg zu wenden. Auch der orthodoxe Patriarch von Antiochia plädierte für eine gemeinsame pazifistische Position Europas in der Irak-Frage.
Benjamin Barber, Autor des Buchs „Coca Cola und Heiliger Krieg. Dschihad versus McWorld“, sagte, Amerika müsse kritischer gegenüber Israel sein, Europa hingegen kritischer gegenüber den Palästinensern, dann käme man einer Lösung des Nahost-Konflikts näher. Amos Oz betonte, das kleine Palästina, das nicht größer als Dänemark sei, müsse gerecht geteilt werden. Das gelte auch für Jerusalem, dessen östlicher Teil Hauptstadt des palästinensischen Staats werden soll, dessen westlicher Teil Hauptstadt Israels bleiben könne. Allgemein klagte Oz darüber, dass Egoismus in vielen Ländern eine neue Religion geworden sei. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, hatte in einer schriftlichen Grußbotschaft erklärt, Verständnis sei die einzige Waffe gegen Misstrauen und Feindseligkeit und die Grundlage für dauerhaften Frieden.
Naomi Klein versus Cohn-Bendit
Am Nachmittag diskutierten der EU-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit, die kanadische Journalistin und Buchautorin Naomi Klein (“No Logo“), der libanesische Kulturjournalist Abbas Beydoun und andere über den Umgang mit der Globalisierung. Naomi Klein vertrat die pessimistische Auffassung, dass die Welt längst in der Hand von Großkonzernen und transnational operierenden Banken sei. Regierungen und übergeordnete Institutionen wie die EU hätten in dieser Situation nur begrenzten Handlungsspielraum. Klein meinte, nur NGOs (Nichtregierungsorganisationen) seien in der Lage, das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit zu verändern. Weltweite Protestbewegungen seien die Keimzelle für alternative Gesellschaftsentwürfe und eine größere Teilhabe benachteiliger Bevölkerungsschichten an politischen Entscheidungen, sagte sie.
Daniel Cohn-Bendit hingegen vertrat die Auffassung, dass nur staatliche Organisationen die Welt verändern könnten. Er bestritt auch Naomi Kleins Einwand, dass Europa den Bürgern Sand in die Augen streue, wenn es behaupte, ein Gegengewicht zu Amerika zu sein. Er erläuterte dies am Beispiel eines Aids-Medikaments, das auf den Druck der EU und gegen die Einwände Amerikas und der Pharmaindustrie in Südafrika eingeführt worden sei. Der EU-Abgeordnete, der den Grünen angehört, beschwor die europäische Einigung als Modell, in einer globalisierten Welt für Ausgleich und Gerechtigkeit zu sorgen und dem Hegemonialstreben von Großmächten entgegenzuwirken.
Zizek beklagt fehlende Konsequenz in Gen-Debatte
Über das Thema „Biotechnologie“ diskutierten Johannes Löwer vom Paul-Ehrlich-Institut, Huanming Yang vom Genomics-Institut in Peking, Ricardo Navarro, Vorsitzender der Organisation „Freunde der Erde“ in El Salvador, der slowenische Philosoph Slavoj Zizek und andere. Während Huanming Yang sich optimistisch für die gentechnische Forschung aussprach, plädierte Ricardo Navarro für deren Eindämmung. Er nannte als Negativ-Beispiel den von Globalisierungskritikern oft angeführten Pharma-Konzern Monsanto, der Bauern gentechnisch manipulierten Mais anbiete und damit die Vielfalt landwirtschaftlicher Anbaumethoden zum Aussterben verurteile. Slavoj Zizek kritisierte, dass die Debatte über die Genforschung nicht konsequent genug geführt werde. Wer sage, dass man in das Zeitalter der Biotechnologie einsteigen solle, und deren Nutzung gleichzeitig eindämmen wolle, zeige, dass er über den damit einhergehenden grundlegenden Wandel der Natur nicht genug nachgedacht habe. Die Welt müsse sich entscheiden, diese Veränderungen entweder ganz oder gar nicht hinzunehmen. Forschung mit angezogener Handbremse, das werde nicht funktionieren, sagte Zizek.
„Es mehrt sich der Zorn“
Später hieß das Thema „Literarische Visionen für eine geteilte Welt“. Die algerische Schriftstellerin Assia Djebar bezeichnete es angesichts der „zahlreichen Verlierer der Globalisierung“ als eine Aufgabe der Literatur, über deren „Zorn“ zu schreiben. „Und in unseren Ländern mehrt sich der Zorn“, sagte sie.
Carol Bellamy, Unicef-Exekutivdirektorin rief dazu auf, die Kinder in den Mittelpunkt der Debatte über die Folgen der Globalisierung zu stellen. „Kinder sind unsere Zukunft“, sagte sie. Es gebe keine bessere Möglichkeit, die Welt zu verändern, als Kindern ein Leben in Würde zu ermöglichen.
Der nigerianische Schriftsteller und diesjährige Friedenspreisträger Chinua Achebe stellte im Rahmen des Kongresses eine Unicef-Buchreihe namhafter Autoren über die Lage der Kinder auf der Welt vor, die 2003 starten soll.
Insgesamt hat der Kongress Futura Mundi die Messe bereichert, der es gut ansteht, sich als Forum des Besinnungsproduktes Buch mit der „Misère du Monde“ auseinanderzusetzen. Es hätte den Diskussionen jedoch im Sinne einer dialektischen Erkenntnisprozesses gutgetan, wenn die Positionen kontroverser gewesen wären. An Denkanstößen und Aufrufen zu einer besseren Weltordnung fehlte es nicht. Aber wie so oft bei solchen Veranstaltungen versetzt der gute Wille allein noch keine Berge.