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Zukunft der Arbeit : Aufmarsch der mechanischen Türken

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Wo Computer patzen, beschäftigen Internetfirmen Millionen von Akkordarbeitern. Doch dieses Milliardengeschäft wird von Ausbeutern beherrscht. Ein Sammelband schlägt Alarm.

          Ein Blick zurück in die Zukunft von Arbeit und Konsum, ins Jahr 2006. Amazon war damals schon daran gewöhnt, für das Weihnachtsgeschäft Leiharbeiter anzulernen, einzusetzen und zu entlassen - für wenige Wochen im Jahr also ein mehr als doppelt so großes Unternehmen zu sein. Vor acht Jahren kam jedoch eine weitere Erfahrung hinzu. Amazons Server wurden plötzlich zehnmal intensiver beansprucht, Leihcomputer, um den Ansturm aufzufangen, gab es aber nicht.

          Also drehte Amazon den Spieß um, baute gigantische Rechenzentren, die es im Weihnachtsgeschäft selbst nutzte und das restliche Jahr vermietete. Die Cloud war geboren. Amazon wurde der größte und wichtigste Anbieter von „Software als Dienstleistung“. Inzwischen setzt die Firma mit ihren Cloud-Diensten mehr um als mit dem Warenversand.

          2006 stellte Amazon-Gründer Jeff Bezos auch noch ein anderes innovatives Produkt vor: Menschen als Dienstleistung - die Crowd. Auch diese Innovation wurde aus der Not heraus geboren. Kurz zuvor hatte Amazon mit dem Vertrieb von CDs begonnen. In Windeseile musste das Unternehmen Hunderttausende von CD-Covern auf sexuelle Inhalte prüfen. Entwickelt wurde eine digitale Plattform, auf der sich Menschen anmelden konnten, um für ein paar Dollar pro Stunde CD-Cover durchzusehen. Die Gründung der Plattform war die Geburt einer Industrie. Millionen von Menschen arbeiten heute als „Klickarbeiter“, um Akkordarbeit zu leisten, die künstliche Intelligenz nicht erledigen kann.

          Der erste Schachcomputer

          Ein von Christiane Benner, Vorstandsmitglied der IG Metall, herausgegebener Sammelband befasst sich mit dieser Geschichte und ihren Auswirkungen auf die Gegenwart. Zunächst wird erzählt, wie Amazon zum Namen seiner Plattform - „Mechanical Turk“ - kam. Ende des achtzehnten Jahrhunderts erfand Wilhelm von Kempelen den ersten Schachcomputer. Eine Puppe mit Turban und Schnurrbart saß auf einem großen Tisch mit Schachbrett und einem Gewirr aus Zahnrädern. Er stellte Könige und Kaiser vor das Rätsel, wie das bloße Kurbeln am Tisch die Figuren von Sieg zu Sieg führte. Selbst Edgar Alan Poe scheiterte mit seinen Erklärungsversuchen, obwohl die Lösung denkbar einfach war: Unter der Tischplatte saß ein Schachspieler - ein erster Fall von „human computation“.

          Heute geht es nicht mehr um Unterhaltung, sondern um eine Industrie mit Milliardenumsatz. Die Digitalisierung stelle alles zur Disposition, schreiben drei Wirtschaftsinformatiker der Universitäten Kassel und St. Gallen. Logistik, Produktion, Vermarktung und Forschung ließen sich inzwischen weitgehend automatisieren. Nur zu einer Angelegenheit allein für Roboter und Computer werde die Arbeit dadurch nicht. Noch müssten Menschen das Unvermögen der Maschinen ausgleichen. Etwa dann, wenn automatisierte Übersetzungen grobe Fehler enthielten oder wenn Ziffern auf Fotos zu schlecht zu erkennen seien.

          Solche Aufgaben verwandelt Amazon seit neun Jahren in „HITs“, in „Human Intelligence Tasks“ - damit Menschen sie so schnell wie möglich lösen können. Die Ableitung des Begriffs Crowdsourcing aus dem Outsourcing sei entsprechend schief, heißt es weiter. Denn es gehe nicht mehr darum, einzelne Aufgaben auszugliedern, sondern Menschen bei Bedarf in bereits integrierte Arbeitsprozesse einzugliedern. Das gelte insbesondere, da Crowdwork im erheblichen Ausmaß einen Verzicht von Experten zulasse, schreiben acht Autoren der Universitäten Harvard und Stanford, die einen Forschungsverbund im Internet (crowdresearch.org) gründeten.

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