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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zu Besuch bei Occupy-Dublin Eine kontinuierliche Lernsituation

 ·  Protest vor dem Referendum zum Stabilitätspakt in Irland: Die Camps in der Wall Street und in London wurden geräumt, doch in Dublin wird weiter besetzt. Vier irische Aktivisten berichten.

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© Sophie von Maltzahn Vier Dubliner Aktivisten: Marc, Stephanie, Dan und Jemma

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Marc, 23 Jahre alt

Am besten wäre, wenn es gar kein Geld gäbe. Und auch keine Computer. Ich sage: Kehrt zurück zu Stift und Papier. Nur so kann sich die Gesellschaft davon befreien, was sie korrupt macht. Ich sage: Fangt zu leben an. Ich habe es so satt zu sehen, wie die Leute sich kaputtarbeiten. Nie gehen sie abends aus oder haben Zeit zum Entspannen. Und wofür? Das Geld wird ihnen doch sowieso wieder abgenommen. Heute müssen Leute dafür zahlen, dass sie auf ihrem eigenen Land leben. Zahlen an Leute, die nicht mal hier leben. Das ist alles europäisch und nicht irisch.

Ich bin so gut wie jeden Tag im Camp, ich wohne nirgendwo. Auch wenn ich nicht hier bin, blicke ich von außen auf das Camp. Ich warte auf den Moment, wenn die Straßen stillstehen, die Leute rauskommen und sagen: Nein, ich mache nicht mehr mit. Ich warte darauf, weil ich sehe, wie sehr jeder leidet. Als wir noch das Pfund hatten, war das Leben viel einfacher für mich. Man konnte so viel für fünf Pfund kaufen. Heute zahlt man mehr für die Packung als für das Essen selbst. Klar suche ich auch einen Job, aber es gibt so gut wie keine. Ich war nicht auf einer weiterführenden Schule. Aber ich mag auch keine Schulen. Arbeit kriege ich über Freunde, Gelegenheitsjobs im Lager oder beim Bühnenbau. Meine Mutter und meine Freunde sind froh, dass ich hier bin und überhaupt etwas tue. Nicht, dass ich sonst nichts täte. Aber sie sind froh, dass ich aufstehe. Auch für die nächste Generation. Die soll es leichter haben. Klar möchte ich Kinder haben. Am liebsten möchte ich später in Kalifornien leben. Ein eigenes Schlafzimmer für meine Frau und mich haben und ein eigenes Zimmer für meine Kinder. Ich würde gern als Florist arbeiten. Ich liebe die Natur. Oder als Künstler, ich male gern und schreibe auch. Ich könnte ein Tätowierungskünstler sein. Ich weiß, ich muss meinen Träumen folgen und nutzen, womit ich geboren wurde. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, plane ich eigentlich überhaupt nicht für die Zukunft.

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Jemma, 17 Jahre alt

Ich helfe beim Aufräumen des Camps und bringe Essen von zu Hause mit. Ich bin jeden Tag hier von fünf Uhr nachmittags bis elf Uhr abends. Dann nehme ich wieder den Bus nach Hause. Ich wohne eine gute Stunde vom Camp. Manche Freunde von mir finden, dass hier keine guten Leute sind. Nur solche, die eh keinen Job kriegen und auf Kosten des Staats leben. Aber ich sehe das nicht so. Sie kämpfen gegen etwas, das auch meine Freunde mal betreffen kann, wenn sie einen Job suchen oder Sozialhilfe brauchen. Das verstehen die meisten nicht. Meine Eltern stimmen aber Occupy zu und finden gut, was ich hier mache.

Sie sind auch betroffen. Meine Mutter muss hohe Arztkosten zahlen. Sie hat einen kaputten Rücken. Aber weil sie die meiste Zeit arbeitet, kriegt sie keine Unterstützung. Weil sie nicht in die Kategorie „behindert“ fällt. Mein Vater ist auch betroffen von den vielen Kürzungen und muss sein Darlehen zurückzahlen. Das belastet uns sehr. Wenn ich in zwei Jahren fertig mit der Schule bin, möchte ich aufs College gehen und Innendesign studieren. Ich möchte etwas erschaffen, wo man sich zu Hause fühlt und willkommen. Etwas, das schön ist. Ich habe aber keine feste Ideologie oder so, der ich zustimme. Wenn es so was für mich gibt, dann sind es die Ideen aus der Unabhängigkeitserklärung von Irland. Dass Irland ein freies Land ist.

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Stephanie, 38 Jahre alt

Durch die Sparprogramme und Sonderabgaben verarmen die Menschen, und Armut ist eine Form von Gewalt. Deswegen auch die Zelte: Sie visualisieren, wie schlimm Austerität werden kann. Wenn du obdachlos wirst und dir nichts bleibt außer einem Zelt. Occupy wehrt sich weltweit dagegen. Wir halten Kontakt zu den anderen Camps. Zum Beispiel kriegen wir jeden Tag Nachrichten aus Athen. Ich bin hier in der Dame Street in Dublin, um zwischen Galway an der Westküste und Dublin zu kommunizieren, damit die Aktionen gleichzeitig stattfinden. Galway ist sehr aktiv, wir sind fast fünfzig Leute. Unter uns sind auch Musiker. Wir organisieren Konzerte und spenden den Eintritt an soziale Einrichtungen. Vor einer Woche sogar über tausend Euro. Ich bin in letzter Zeit so oft zwischen Galway und Dublin hin- und hergereist, dass ich beim Aufwachen manchmal nicht weiß, wo ich bin. Man kriegt wenig Schlaf im Camp. Der Verkehr, Betrunkene, Studenten, die Flaschen auf die Zelte werfen. Man ist dem Nachtleben auf der Straße ziemlich ausgeliefert.

Dazu kommt, dass ich seit kurzem so was wie eine Vollzeit-Occupistin bin und fast immer im Zelt schlafe. Vor zwei Monaten habe ich meinen Job verloren. Ich habe in einem Hostel gearbeitet. Dann kam noch die Notfall-Zahnoperation, und dafür ging fast mein ganzes Erspartes drauf. Ich habe keine Krankenversicherung, ich bin Amerikanerin. Also konnte ich meine Miete nicht mehr zahlen. Das ist auch ein Grund, warum ich in Dublin bin. Ich brauche einen Job. Im Radio haben sie gesagt, dass in Dublin ein neues Hostel aufmacht. Morgen stelle ich mich da vor. Ich liebe die Atmosphäre in Hostels, weil man Menschen aus der ganzen Welt trifft, und ich bin selbst viel gereist. Ich besitze sogar ein wenig Land in Neuseeland. Ich habe ein Jahr in Argentinien und in Bolivien gelebt und auf einer Bio-Farm gearbeitet und dann anderen Farmern beigebracht, wie man biologisch anbaut. Danach habe ich hier in Irland mit dyslexischen Kindern gearbeitet. Im Grunde war ich wohl schon immer eine Aktivistin. Wenn ich in einer anderen Zeit geboren wäre, dann am liebsten in der Periode von Präsident Andrew Jackson. Ich habe an der University of California, Santa Cruz meinen Bachelor in Community Studies gemacht. Es ging darum, wie man positiven Wandel schafft. Wir hatten tolle Professoren. Angela Davis war eine von ihnen. Aber heute gibt es den Studienzweig nicht mehr. Ich habe sogar mein Zeugnis dabei für das Vorstellungsgesprächs morgen. Mann, ich bin jetzt 38 Jahre alt und die Zukunft war noch nie so unsicher. Und gleichzeitig so aufregend.

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Dan, 54 Jahre alt

Ich bin so was wie der Großvater im Camp. Ich bin immer hier, außer wenn ich mich zweimal in der Woche frisch machen gehe. Seit kurzem habe ich auch meine eigene Hütte. Um ehrlich zu sein: Dass wir so lange, mittlerweile vier Monate, hier sein würden, hat uns in einen Schock versetzt. Die Strukturen sind auch etwas chaotisch gewachsen, deswegen restrukturieren wir gerade. Wir stellen uns auf eine lange Zeit ein, in der wir hierbleiben werden. Wir haben keine Probleme mit der Stadt. Aber wir müssen noch mehr Zeichen setzen. Wir organisieren uns in Gruppen für einzelne Aufgaben: für Finanzen, für die Koordination oder auch die Instandhaltung des Camps. Jede Gruppe bestimmt selbst, wie sie ihr Ziel erfüllt. Größere Entscheidungen werden in einer offenen Wahl gemeinsam getroffen. Jeden Abend haben wir ein Treffen. Es gibt einen Diskussionsführer und einen, der Protokoll führt. Im Grunde praktizieren wir eine Form von direkter Demokratie. Politisch bin ich ein Pragmatiker, finanzstrategisch ein Konservativer. Es geht nicht ohne Regulierung.

Ich habe auch lange in Deutschland gelebt, in West-Berlin von 1980 bis 1989. Und den deutschen Pragmatismus sehr zu schätzen gelernt. Ich empfinde die deutsche Politik in der Europäischen Union nicht als Bedrohung. Angela Merkel nennen wir hier die Eiserne Lady. Manche mögen sie nicht, aber ich habe Respekt davor. Bevor ich zu Occupy kam, war ich ein unabhängiger Finanzanalyst und bei mir hat sich viel Frust aufgestaut. Occupy gibt mir eine Plattform, meine Ansichten und Standpunkte auszudrücken, anstatt ignoriert zu werden. Was ich hier am meisten genieße, ist, mit vielen Menschen reden zu können. Es ist eine kontinuierliche Lernsituation.

Aufgezeichnet von Sophie von Maltzahn.

Quelle: F.A.Z.
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