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Zu Besuch bei Cy Twombly Verschwunden in Italien

22.01.2005 ·  Seine Zurückgezogenheit ist so legendär wie sein Werk. Ein Besuch beim Maler Cy Twombly in seinem Haus am Meer in Gaeta und ein Gespräch über Kunst, deutsche Autos und Franziska van Almsick.

Von Niklas Maak
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Es war noch warm, als wir Twombly besuchten, das gute süditalienische Klima dehnte den Sommer in den Winter hinein, und während man sich in Deutschland schon fragte, ob jemand statt der Sonne 25-Watt-Birnen in den Himmel hineingeschraubt hatte, flimmerte in Gaeta die Mittagshitze über dem Meer und ließ die Konturen der Berge verschwimmen.

Cy Twombly, hatten sie gesagt, wohnt dort oben, gleich in dem Haus in der Kurve. Aber das Haus war kein Haus, sondern eine Wand ohne Fenster, mit einer schmalen grauen Blechtür, eher einem Eingangschlitz. Wir klingelten, und es tat sich nichts. Die Wand stand da, als habe sie sich erschreckt vor dem Eindringling, man hörte den Wind in den Pinien, die Sonne schien auf die aprikosenfarbene Kirche, die früher vielleicht einmal rot gewesen war.

Unerkannt in der Menge

Es ist nicht einfach, Cy Twombly zu treffen. Vor zwei Jahren, als seine Ausstellung in München gezeigt wurde, sollte er zur Eröffnung kommen, die Journalisten und die Neugierigen standen in der Rotunde der Pinakothek, nur Twombly tauchte nicht auf; später erfuhr man, daß er sich kurz unerkannt in die Menge gemischt hatte, die vor dem Museum wartete, und dann wieder in sein Hotel gegangen war. Twomblys Zurückgezogenheit ist so legendär wie sein Werk. Er schießt zwar nicht wie Hunter S. Thompson auf seine Besucher, aber es kam schon vor, daß er tagelang in die Berge flüchtete, um den römischen Fotografen, die sich angekündigt hatten, zu entkommen.

Eine Viertelstunde verging vor der Blechtür. Dann tat sich etwas. Eine Stimme rief „Tiger!“ Ein Schloß knirschte. Der Mann, der die sehr kleine Tür öffnete, war ein freundlicher Rumäne mit großen Händen. Er führte uns durch eine verschachtelte Anlage aus grauen Lehmmauern und Treppchen und Höfen zu einer Pergola. Dort, im Schatten einer Hecke, saß, in blaugestreiftem Hemd und Shorts, Cy Twombly. Der Rumäne hat im richtigen Leben einen sehr komplizierten rumänischen Namen, deswegen nennt Twombly ihn Tiger. Tiger ist Butler, Haushaltshilfe und Chauffeur in einem; er bringt den Gästen geeiste Feigen und Wein, er fährt Twombly, der zwei Geländewagen, aber keinen Führerschein besitzt, mit dem Wagen in die Stadt.

Im Keller eine Diskothek

Früher lebte Twombly in Rom, aber seit im Keller seines Hauses eine Diskothek untergebracht ist, verbringt er die meiste Zeit in Gaeta, in diesem Haus, das ein Haus ist wie ein Kunstwerk von Twombly: Labyrinthisch, mit endlosen Gängen, vollgestopft mit Büchern und Kunstwerken und Fundstücken. Früher bestand es aus mehreren kleinen Häusern, die zusammengewachsen sind, jetzt wirkt es wie eine Burg mit mehreren Befestigungsringen.

Schon 1957, kurz nachdem er aus den Vereinigten Staaten nach Rom gezogen war, fuhr Twombly an diese Küste; hier entstand der berühmte Gemäldezyklus „Poems to the sea“, in dem sich wie Treibgut all das versammelt, was auf einer Leinwand bisher nichts zu suchen hatte: Geschmiertes und Beiläufiges, sexuelles Gekritzel, zielloses Kleckern und technische Berechnungen, Zahlenkolonnen, wie sie Handwerker auf Wände kritzeln.

Man hatte so etwas noch nie gesehen

Twomblys Bilder erinnerten die verblüfften Betrachter der fünfziger Jahre am ehesten noch an römische Häuserwände mit ihren endlosen Farbschichten und Überlagerungen und Spuren und Kritzeleien, aber genaugenommen hatte man so etwas noch nie gesehen: Das Beiläufige und Untergründige rückte ins Zentrum der Kunst, und daß der Schrott der Malerei, die Krakeleien, Schmierer und Kratzer, die Wollknäuel der Schrift so kunstvoll komponiert waren wie Gegenstände auf einem klassischen Stilleben, machte die Spannung dieser Werke aus.

Twombly lebt allein hier, in seiner Festung über der Stadt. Im Innenhof stehen türkisfarbene Gartenmöbel; manchmal öffnet sich ein Fenster zum Meer, das so blau in der Bucht liegt, als habe Yves Klein es dorthin gemalt. Die Räume haben hohe Decken; auf dem alten Holztisch liegt eine Ausgabe von T. S. Eliot. Der Fußboden ist gefliest; es ist angenehm kühl, und in fast jedem Zimmer steht ein Schlafmöbel, hier eine Liege, dort ein Himmelbett mit Baldachin; hier verbringt Twombly seine Tage.

Kein manischer Arbeiter

Manchmal malt er monatelang nicht. Er ist kein manischer Arbeiter. Manchmal kommt seine Frau vorbei, Tatia Franchetti, die in Rom lebt. Wenn Tatia kommt, bringt sie die Hunde mit. Sie hat viele Hunde, die Hunde laufen ihr zu, Hunde, die jemand an der Autobahnausfahrt von Prima Porta oder auf dem Weg zum Flughafen ausgesetzt hat. Tatia und Cy Twombly haben einen erwachsenen Sohn, Cyrus Alessandro, der in Rom lebt und Maler ist wie sein Vater.

Öfter als Tatia kommt Nicola del Roscio vorbei, den Cy Twombly seit Jahrzehnten kennt. Auch sie sind, auf ihre Weise, ein altes Ehepaar. Wie Cy Twombly wohnt Nicola in einem alten Palazzo in Gaeta, in dem es alte Ölgemälde und ausgestopfte Löwen zu bestaunen gibt. Manchmal holt er Twombly ab zu einem Pasta-Essen im Schatten der Banyan Trees, die Nicola züchtet; manchmal, an heißen Tagen, sitzen sie auf der Terrasse und schauen über die Bucht von Gaeta auf die karstigen Felsen der Monti Aurunci, die im Dunst verschwinden.

Eine Fahrt in die Mythenwelt

Weil es an diesem Tag noch warm war, brachte uns Tiger ans Meer, in ein Strandlokal an der ehemaligen Römerstraße, die unterhalb der Steilhänge von Gaeta nach Sperlonga führt. Die Fahrt war eine Fahrt in die Mythenwelt. Während Tiger den Toyota mit radierenden Reifen über die Serpentinen steuerte, erzählte Twombly von Odysseus, der, als er dem Menschenfresservolk der Laistrygonen entkommen war, nach Norden, in das Reich der Circe, segelte, das hier in der Nähe gelegen haben soll. Am Außenspiegel des Toyota baumelt eine Stoffmaus, man weiß nicht, wer sie dorthin gehängt hat.

Homer, erzählt Twombly, schreibe, daß Circe in einem Palast wohnte, aber im Volksmund sei die Rede von einer Grotte. Sperlonga, die Stadt am Meer, verdanke ihren Namen den unzähligen Natursteinhöhlen, den „Speluncae“, die auch den grottendunklen deutschen Kneipen ihren Spitznamen gaben. Tiberius, der einen Landsitz an diesen Stränden besaß, habe, wenn er nicht die Alligatoren in seinem Krokodilbecken beobachtete, eine kühle Grotte für Gastmäler herrichten lassen: Die Felshöhle wurde mit Fresken ausgemalt und mit Marmor ausgelegt. All das erfährt man auf einer Fahrt in Tigers Toyota.

Über Kippenberger und die Queen

Das versandete Restaurant, das man Ende der fünfziger Jahre hier gebaut hatte, heißt, wie alle Restaurants hier, „Miramare“; serviert werden Spaghetti Vongole, und Cy Twombly ist der liebenswürdigste und interessierteste Gesprächspartner der Welt. Er redet über Martin Kippenberger, mit dem sich Beuys einmal in der „Paris Bar“ angelegt habe. Über die Queen Elisabeth II., mit der er gerne eine Kreuzfahrt machen würde. Über die Insel Malta, von der er sagt, sie sei „the asshole of the world“.

Über den neuen BMW X5, den er gern kaufen würde, wenn er nicht so teuer wäre. „Aber Sie könnten einen BMW bemalen, einen Art Car, dann bekommen Sie vielleicht einen umsonst.“ - „Ich bemale doch keine Autos. So was kann Frank Stella machen, ich kann das nicht.“ Dann fragt Twombly: „Do you know Franzi?“ Franziska van Almsick, die er bei den Übertragungen der Olympischen Spiele im Sommer gesehen hat. Sie habe ihm leid getan, sagt Twombly; sie sei so eine phantastische Sportlerin. Am Strand steht ein Plastikschwan, den er mag, ein später italienischer Plastiknachfahre des mythischen Schwans, der Leda verführte.

Eine Frage als Loch

Im August 1952 kam Twombly das erste Mal nach Italien, zusammen mit dem Maler Robert Rauschenberg. Sie blieben bis zum Mai, lebten in Rom, fuhren nach Tanger, Marrakesch und Tetuan. - „Und warum zuerst nach Nordafrika und nicht nach Griechenland?“ war die Frage. Aber so direkt gefragt werden mag Twombly nicht. Eine Frage zu seiner Kunst ist ein Überfall, die in die helle Ruhe von Gaeta platzt. Eine Frage ist ein Loch, das jemand in das Gespräch bohrt. „Warum ich nach Marokko gefahren bin? Tja. Weil ich es wollte?“ Ende.

Es entsteht eine Pause, das Gespräch, die Erzählung, die im langsamen Tempo des heißen Nachmittags von Gaeta voranschreitet, muß sich erst von der Frage erholen. Über der Bucht hängen Kumuluswolken und Mofageräusche. Dann geht es weiter. Sie waren dann wieder in Rom, also. In Rom waren die alten Mauern, die winkligen Gassen; Rom war das Gegenteil von der ordentlichen Reißbrettsymmetrie von Manhattan.

Projektionsfläche und Filter

Schon der Grundriß von Rom war ein Chaos, ein Palimpsest aus Hunderten von Stadtplänen, unter jedem Gebäude, unter jeder Straße steckten Dutzende anderer Gebäude, Straßen und Pläne, die man im Laufe der Jahrhunderte immer wieder überbaut hatte. Rom war wie das, was Twombly zeichnete und malte: Ein Labyrinth aus Spuren und Überlagerungen und halbverschwundenen Botschaften, eine überhitzte Projektionsfläche und ein Filter, in dem sich der Schmutz und die Abfälle und die flüchtigen Dinge gefangen hatten, bevor sie verschwanden.

Zurück in New York, stellten Rauschenberg und Twombly gemeinsam aus. Einmal, erzählt Twombly, habe er ein Bild von Rauschenberg, das schon verkauft war, übermalt. Am nächsten Morgen hing dort, wo ein Rauschenberg gehangen hatte, ein Twombly. Der Galerist war entsetzt. Er hatte einen Twombly gewonnen, aber einen Rauschenberg verloren. Man hätte den Twombly zerstören müssen, um den Rauschenberg freizulegen. Twombly, der Meister der Spur, des Verschwundenen, des Palimpsests, liebt solche Geschichten.

Keine Lust auf Gegenständliches

Jetzt doch noch ein paar Fragen. Ob er einmal Lust gehabt habe, etwas Gegenständliches zu zeichnen? - „Nein, nie.“ - Ob er nur drinnen im Haus oder auch draußen, auf der Terrasse, male? - „Na klar, immer. Mit Hut und Monokel und Staffelei. Nein. Natürlich nicht.“ Reizendes Grinsen. „Nur drinnen.“ Dabei hat er noch nie ein Atelier gehabt, erst vor kurzem hat Larry Gagosian, sein New Yorker Galerist, ihm eins besorgt, in einer alten Fabrikhalle in Gaeta. Wie kam es zu dem rätselhaften, geheimnisvollen, großartigen Bild „Ferragosto - August notes from Rome“? Wann entstand es? - In Rom. Am 15. August. „It was a hot and violent day.“ Mehr ist nicht zu erfahren.

Roland Barthes, der zwei seiner schönsten Essays über Twombly schrieb, hat einmal gesagt, Twombly biete den Betrachtern den „Köder einer Bedeutung“. Man findet zum Beispiel in „Ferragosto“ Spuren der römischen Hitze, seltsame Zeichen, verschlüsselte Botschaften - und auf der Suche nach einer Geschichte, einer Bedeutung hinter den Andeutungen und Spuren und Fragmenten verläuft man sich im Labyrinth dieses Bildes, in dem sich wachgerufene Erinnerung und kollektives Wissen, Mythen und Erfahrungen wie in einem Kaleidoskop zu immer neuen Bildern und Geschichten verdichten.

Kurzer Abstand zwischen Bild und Betrachter

Daß Twomblys Kunst so lebendig wirkt, liegt auch daran, daß der Abstand zwischen Betrachter und Bild kürzer ist als anderswo. Das alte Unbehagen, das Lessing in „Emilia Galotti“ beschreibt - „auf dem Weg aus dem Auge durch den Arm in den Pinsel, wieviel geht da verloren!“ -, treibt auch Twombly um. Mit Bleistift gekritzelte Schriftbruchstücke werden gar nicht erst zu Worten, sondern gleich zu Wellen, wandern wie Badende auf die blaue Horizontlinie zu und werden dabei von Wellen weißer Farbe erfaßt.

Twomblys Poetologie reißt die Barrieren zwischen Bezeichnung, Darstellung und Dargestelltem ein; es geht darum, die Distanz zu verkürzen, die Betrachter und Objekte normalerweise trennt, und diese Kompression erzeugt die Energie von Twomblys Kunst: Symbole laufen heiß, die Schrift verflüssigt sich und wird überflüssig, Bleistiftkringel rasen wie verrückt gewordene Sprechblasen durch Farbnebel. Das Abstrakte und das Unmittelbare, die Überlieferung und die Erfahrung werden in einer Geste kurzgeschlossen.

Sexuelle Kritzeleien

Daß einige von Twomblys Werken entfernt an verwüstete Bettlaken erinnern, daß einige Bilder geradezu buchhalterisch alle erdenklichen sexuellen Kritzeleien vereinigen, hat eine ganze Flut von Interpretationen entstehen lassen, die sich wie erotische Restaurantkritiken lesen. Da werden das Feinsinnige und Tastende und Fühlende und Erotische gefeiert - aber so schwül wie seine Interpreten ist Twombly nie.

Einfach ist es nie in diesen Bildern: Wo eine rauschende Farborgie in den Farben von Haut und Blut droht dem Kitsch anheimzufallen, stolpern pedantische Zahlenkolonnen durchs Bild wie fleißige Handwerker, die in eine erotische Szene hineinplatzen. Neben Körperfarben und Sexualorganen dominieren ingenieurartige Zeichnungen, die an Berechnungen von Schatzsuchern und Hobbyphysikern erinnern. Vieles zeugt von dem Wunsch, ein Abenteuer in den Griff zu bekommen.

Es blieb lange hell an diesem Abend. Twombly machte ein paar Italiener nach, die „Ciao Mamma, come vai“ in ihre Mobiltelefone krähten. Am Strand tobte ein netter dicker Römer mit seinen dicken Kindern durch den Sand und machte einen Höllenlärm; eines der Kinder machte einen Handstand, und die dicke Familie lachte und schrie herum und fuchtelte und freute sich. „Schau dir diese Boteros an“, sagte Twombly, und so, wie er es sagte, war selbst das keine Beleidigung, sondern eine Liebeserklärung an das Land, in dem er, zurückgezogen aus der Welt, seit fast fünfzig Jahren lebt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 23. Januar 2005
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