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Zu Besuch bei Botho Strauß : Der alte Junge

Botho Strauß, 2013 in der Uckermark - mit seinem Wanderstock, den er sich vor dreißig Jahren in Portugal machen ließ. Bild: Hubert Spiegel

Seit zwanzig Jahren lebt und schreibt Botho Strauß in der menschenleeren Uckermark. Dies ist der Rand, von dem aus er auf die Gesellschaft schaut. Eine Wanderung im Schnee.

          Die Tiere hatten uns ebenso wenig gesehen oder gehört wie wir sie. Als wir nur noch ein paar Schritte von ihnen entfernt sind, stürmt der Rehbock plötzlich in wilder Panik los und setzt mit raschen Sprüngen krachend ins Unterholz. Es klingt, als würden Knochen brechen und Äste splittern. Den beiden Rehen, die weiter links im Schnee nach Futter suchten, versperren wir, ohne es zu wollen, den Weg in das rettende Wäldchen. Sie stürmen in entgegengesetzter Richtung davon, aufs freie Feld, wo sie völlig ungeschützt sind. „Schauen Sie, jetzt merken die beiden, dass sie in die falsche Richtung gelaufen sind, wissen nicht wohin, und schlagen in ihrer Ratlosigkeit Haken“, sagt Botho Strauß. Wir blicken den langsamer werdenden Rehen nach, die einige Male die hübschen Köpfe nach uns wenden, erst aus Angst, dann, als sie in sicherer Entfernung sind, wie aus Neugier. Scheue Schönheiten, die nach wenigen hundert Metern hinter dem Kamm des Hügels verschwunden sind.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir setzen unseren Weg fort, stapfen durch den Schnee, über das Feld, auf dem der Winterweizen zaghaft sprießt, dann links am Ufer des kleinen Badesees vorbei, das Haus auf der Anhöhe immer im Blick, bis wir vor einem Badesteg stehen bleiben, den es hier gar nicht geben dürfte, weil der See wie das ganze umliegende Gelände zum geschützten Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin gehört: Stille und Abgeschiedenheit auf 130.000 Hektar nordöstlich von Berlin.

          Im Sommer kommt Botho Strauß gern zum Schwimmen an den kleinen See. Den Steg hat ein Angelverein errichtet, dessen Mitglieder jedoch kaum noch hier fischen. Eines Tages kam ein ganzer Trupp und suchte mit Netzen und Lampen den See nach einem Ungeheuer ab. „Ein drei Meter langer Wels soll in dem kleinen Gewässer hausen. Das glauben hier alle, auch wenn ihn noch keiner gesehen hat. Für die Kinder war das der Leviathan, auch wenn sie das Wort natürlich nicht kannten. Heute gibt es hier keine Kinder mehr.“ Seit zwanzig Jahren lebt Botho Strauß hier: gottverlassene Einsamkeit mit Seeblick. Der Leviathan ist sein Nachbar. Ein Fabelwesen. Wie jedes andere Wesen auch.

          Der tolerante Verzeihling und andere Fabelwesen

          „Die Fabeln von der Begegnung“, so heißt das neue Buch von Botho Strauß. Fabeln sind seit der Antike kleine Erzählungen mit moralischem Anspruch und belehrender Absicht. Äsop, Jean de la Fontaine, Luther, Lessing, James Thurber und viele andere ließen Tiere, Pflanzen und Mischwesen agieren und dabei menschliche Züge und Verhaltensweisen an den Tag legen. Im Tier soll der Leser sich erkennen. In den Fabeln des Botho Strauß gibt es keinen schlauen Fuchs und keinen diebischen Raben, keinen fleißigen Biber und keinen bedächtigen Dachs. Dieser Fabeldichter erzählt auch in seinem neuen Buch, wovon er immer schon erzählt hat, vom simpelsten und kompliziertesten, banalsten und kostbarsten Stoff der Literatur, dem Menschen.

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