16.11.2009 · Ein Mann ahnt ein Verbrechen und schreitet nicht ein. Eine Lehrerin wird gedemütigt, und niemand hilft. Ein Angestellter enthüllt einen Betrug und ruiniert seine Karriere. Drei Haltungen zur Zivilcourage.
Von Melanie Mühl und Marcus JauerEs war die S-Bahn, die um sechzehn Uhr sieben in Solln hielt, das hat er später nachgeschaut, als er sich das Gedächtnisprotokoll anlegte für seine Aussage bei der Polizei. Er war am Münchner Hauptbahnhof eingestiegen und in Richtung Pullach gefahren, wo seine Freundin auf ihn wartete, es war Samstag, und sie wollten zu einer Feier. Als die Bahn in Solln hielt, war ihm, als fallen an der Tür laute Worte. Er sah von seiner Zeitung auf. Dann sah er aus dem Fenster. Auf dem Bahnsteig stand ein älterer Mann zwei Jugendlichen gegenüber. Er stand da wie ein Boxer, die Fäuste erhoben, tänzelnd, so als rechne er mit einem Angriff.
Die Jugendlichen waren groß, er schätzte sie auf einen Meter neunzig, dass sie noch halbe Kinder waren, einer von ihnen nicht einmal achtzehn Jahre alt, das hat er erst später erfahren, aus dem Radio. Er kann nicht sagen, ob das in dem Augenblick etwas geändert hätte für ihn. Er saß hinter dem Fenster. Sie standen davor. Die Türen der S-Bahn waren geöffnet. Einer der Jungen griff in seine Jackentasche und holte einen Schlüsselbund hervor. Er legte ihn sich in die Hand und sortierte die Schlüssel zwischen seinen Finger ein. Dann schloss er seine Hand, so dass die Schlüssel aus der Faust hervorschauten. Er erinnert sich, wie er dem Jungen ins Gesicht sah und über die Kälte und den Hohn in seinem Blick erschrocken war. „Von da an wusste ich, dass hier gleich etwas Schlimmes passieren wird“, sagt er.
Er hat sich später gefragt, wie lange so ein Zug normalerweise hält, bevor er weiterfährt. Er würde denken, dass es etwa dreißig Sekunden sind. Dann hätte er dreißig Sekunden gehabt zu entscheiden, ob er aussteigt und eingreift. Im Nachhinein ist ihm, als habe der Zug in Solln sogar einen Moment länger gewartet als üblich. Dann wären es dreißig Sekunden gewesen und ein Moment.
Als die Türen zufielen und die Bahn anrollte, stand der Mann den Jugendlichen noch gegenüber. Es war nichts passiert, aber seine Körpersprache drückte aus, dass er erwartete, dass etwas passiert und dass er sich ihm stellen will. Da waren auch andere Menschen auf dem Bahnsteig, fünf oder mehr, doch die meisten hatten sich abgewandt, einige drehten sich im Weggehen um. Das konnte er durch das Fenster sehen, als er in der Bahn an ihnen vorbeifuhr. Zwei Leute saßen auf der Bank neben ihm, und weil sie die Szene ebenfalls beobachtet hatten, fragte er sie: „Was war denn das jetzt?“
Er kann nicht aufhören zu denken, er hätte es verhindern können
Zwei Stationen darauf hielt die Bahn in Pullach. Er stieg aus. Seine Freundin verspätete sich. Sie beeilten sich, auf die Feier zu kommen. Es war nicht so, dass er es vergessen hätte, er hat nur nicht mehr daran gedacht. Am nächsten Morgen hörte er die Nachricht im Radio. Danach konnte er an nichts anderes mehr denken. Als seine Freundin und er ein paar Stunden später ein Straßenfest besuchten, sprach er den ersten Polizisten an, den er traf und offenbarte sich ihm als Zeugen.
Er hat sich in den nächsten Tagen und den Nächten, in denen er oft aufwachte, gefragt, warum er nicht ausgestiegen war, und er fand Gründe dafür. Er ist kein schmächtiger Mann, aber die Aussicht auf körperliche Gewalt hat ihm immer Angst gemacht. Er hatte gesehen, dass noch andere Menschen um den Mann auf dem Bahnsteig waren, er konnte nicht wissen, dass es sich dabei um die Kinder handelte, die der Mann vor den Jugendlichen beschützen wollte. Er wäre vielleicht auch ausgestiegen, wenn ihn jemand gefragt hätte, aber es hat ihn niemand gefragt. Und trotzdem versteht er es, weil er diese Vorahnung hatte, die ihm heute fast wie ein Wissen erscheint. „Ich habe doch gesehen, dass etwas passieren würde“, sagt er. „Warum habe ich dann nicht vertraut auf das, was ich sehe?“
Alle, denen er davon erzählt hatte, die Polizei, seine Familie, seine Freundin, haben gesagt, dass er sich richtig verhalten habe. Es ist eben nur so, dass wenige Minuten nachdem der Zug den Bahnhof Solln verlassen hatte, ein paar Jugendliche Dominik Brunner totgeschlagen haben und dass er nicht aufhören kann zu denken, er hätte es verhindern können.
Wie in der Mathematik geht es um Wahrscheinlichkeiten
Hans-Werner Bierhoff ist Sozialpsychologe an der Ruhr-Universität Bochum, seine Schwerpunkte sind prosoziales Verhalten, Solidarität, Partnerschaft, Fairness und Zivilcourage. Er entschlüsselt Verhaltensweisen, und es liegt in der Natur der Wissenschaft, dafür Formeln zu finden, die sie einordnen, verständlich und vorhersehbar machen. Wie in der Mathematik geht es dabei auch um Wahrscheinlichkeiten. Um die Wahrscheinlichkeit etwa, ob ein Mensch hilft, wenn sich ein anderer in Gefahr befindet, in einem See zu ertrinken droht oder auf einem Bahnsteig zusammengeschlagen wird. Diese Wahrscheinlichkeit hängt zum Beispiel von der Anzahl der Zeugen ab, deren Persönlichkeit und Geschlecht, der Gefahr, dem Zustand des Opfers, dem Ort des Geschehens.
Dass ein Mensch eingreift, ist wahrscheinlicher, wenn er der einzige Zeuge ist und etwas sehr Heftiges unmittelbar vor ihm geschieht. „In geschlossenen Räumen, aus denen wir nicht weglaufen können, steigt die Wahrscheinlichkeit“, sagt Hans-Werner Bierhoff. Sie steigt, wenn einem das Opfer ähnlich ist, dasselbe Geschlecht und Alter hat und wenn es bei Bewusstsein ist. Sie steigt auch, wenn es um Hilfe ruft. Menschen mit einem zupackenden Wesen, die zweckorientiert handeln, helfen häufiger als zurückhaltende. Das sind Eigenschaften, die hauptsächlich Männern zugeschrieben werden. Vier Fünftel der Eingreifenden sind Männer, nur ein Fünftel Frauen, sagt die Statistik. Selbst wenn für beide Geschlechter dieselbe Gefahr besteht, schätzen Männer ihre Kompetenz höher ein.
Wenn der Mensch kann, schaut er weg
Dass ein Mensch hilft, ist aber die Ausnahme. Die Regel ist, dass er das nicht tut. Sobald zum Beispiel ein zweiter Zeuge da ist, sinkt seine Bereitschaft einzuschreiten dramatisch. Bei einem dritten, vierten und fünften Zeuge sinkt sie weiter, allerdings geringer. Menschen verunsichern einander. Sie haben Angst, sich zu gefährden, zu blamieren, zu versagen. Sie schauen sich um und um jemanden zu finden, der geeigneter zu sein scheint, etwas zu tun, als sie. Die empfundene Verantwortung verteilt sich auf die Umstehenden. Je mehr es sind, desto geringer lastet der Druck auf jedem Einzelnen. Man könnte annehmen, dass sich die Zeugen verbünden, aber das ist ein Irrtum. Wer nicht eingreift, versucht auch nicht, andere zum Eingreifen zu bewegen. Hans-Werner Bierhoff sagt: „Es gibt eine Verantwortungsdiffusion.“
Mit jedem Meter Entfernung, der zwischen einem Zeugen und dem Opfer liegt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass er hilft, weiter. Er wägt ab zwischen negativen und positiven Konsequenzen, zwischen Gefahr und Nutzen. Wenn der Mensch kann, schaut er weg, geht er weg. Man nennt das Vermeidungsverhalten. „Die meisten Menschen sind utilitaristisch“, sagt Bierhoff, „sie überlegen, was das Beste für sie ist.“ Und das Beste ist, sich nicht in Gefahr zu begeben.
Sie fühlte sich beschädigt
Als Anne Solbach-Freise zum ersten Mal gemobbt wurde, war sie Anfang dreißig und Lehrerin einer Schule in Lüdenscheid. „Ich bin ein unbequemer Mensch“, sagt sie, direkt in ihrer Art sei sie, manchmal vielleicht zu direkt, nicht jeder komme damit zurecht. Ihr damaliger Schulleiter zum Beispiel verbat sich jegliche Kritik an ihm, aber er spürte wohl, dass sie ihn ablehnte. Er folgte ihr in den Unterricht, beobachtete sie, unterstellte ihr Äußerungen, die sie nie getan hatte. Als sich Eltern über ihre Strenge beschwerten, gab er ihr keine Möglichkeit, sich zu rechtfertigen. Niemand eilte ihr in dieser Zeit zur Hilfe, nur ein einziger Kollege stellte sich hinter sie, der Rest des Kollegiums stand hinter dem Schulleiter. Sie sagt: „Ich war allein, alle waren gegen mich.“
Irgendwann erhielt Anne Solbach-Freise einen Brief von der obersten Behörde, in dem ihr mitgeteilt wurde, sie sei mit sofortiger Wirkung pensioniert. Dagegen klagte sie, und natürlich bekam sie recht. Sie wechselte die Schule, aber sie fühlte sich beschädigt. Anne-Solbach Freise wurde depressiv. Sie ist ein hochsensibler Mensch, seit je ist das so gewesen. Es fällt ihr leicht, sich für andere einzusetzen, sie engagiert sich für den Schutz der Natur, sie unterstützt ein Projekt in Nepal, wo in den Bergen ein Gesundheitszentrum gebaut werden soll. Früher sammelte sie Unterschriften für ein Ende der Gentechnologie, sie protestierte vor der Deutschen Bank in Frankfurt gegen die Rüstungsindustrie, und als der erste Irakkrieg ausbrach, stand sie mit einer Fackel vor der Kirche in ihrem Heimatort Bodenwerder. Nur für sich selbst kann Anne Solbach-Freise nicht kämpfen.
Mut muss den Menschen etwas kosten
Es hätte ihr das Kämpfen jemand abnehmen sollen, als sie gemobbt wurde, aber das geschah nicht. Sie war Opfer und erfuhr am eigenen Leib, wie es ist, wenn Menschen wegsehen. 1995 gründete sie eine private Stiftung für Zivilcourage. Es fing an mit einem Spruch, den sie sich auf ein Bettlaken geschrieben und in ihrem Wohnzimmer aufgehängt hatte: „Demokratie wagen, Zivilcourage zeigen.“ Danach schrieb sie einen Preis aus, den sie jedes Jahr selbst vergibt. Das Preisgeld betrug fünftausend Mark, heute sind es fünftausend Euro, Geld aus ihrem Einkommen. Sie sagt: „Die Menschen, die ich auszeichne, müssen über lange Zeit Mut bewiesen haben“. Und dieser Mut muss sie etwas gekostet haben, ihre Freiheit zum Beispiel oder ihren Job, das Wohl der Gemeinschaft sollte mehr zählen als der persönliche Schaden.
Anne Solbach-Freise ist Anfang siebzig. Sie liest viel, so findet sie ihre Preisträger, manchmal wird sie auch durch einen Beitrag im Fernsehen auf jemanden aufmerksam. Alle Ausgezeichneten sind auf ihrer Homepage versammelt. Es sind Menschen, die gegen Massentierhaltung gekämpft haben, gegen Atomkraftwerke und Atomwaffen, gegen Menschenrechtsverletzungen und für den Frieden. Für Anne Solbach-Freise bedeutet die Existenz dieser Menschen eine Art Trost. In diesem Jahr geht ihr Preis an den Friedensaktivisten Jürgen Grässlin aus Freiburg für seinen Widerstand gegen die Rüstungslobby. Er hat in den Krisengebieten der Welt recherchiert und viele kritische Sachbücher über Rüstung und Militär geschrieben. Von der Waffenindustrie wurde er dafür viele Male verklagt. Der Preis für Zivilcourage wird an diesem Samstag in Bodenwerder verliehen.
Zivilcourage ist die Zusammenarbeit mit der Gesellschaft
Bettina Rockenbach hat einen Lehrstuhl für Mikroökonomie an der Universität in Erfurt. Sie erforscht, unter welchen Bedingungen Menschen in Gesellschaft miteinander kooperieren. Das klingt, als könne sie etwas über Tauschhandel sagen oder Arbeitsteilung, aber nicht über Zivilcourage, doch das täuscht. Denn im Grunde ist sie nichts anderes als eine Zusammenarbeit, und zwar des Einzelnen mit der Gesellschaft. Das Verhalten, jemandem zu helfen, auch ohne, dass man mit ihm verwandt ist und sogar auf die Gefahr hin, dabei selbst verletzt zu werden, zeigt unter den Tieren nur der Mensch. Die Wissenschaft vermutet, dass der Grund dafür sein ausgeprägtes Langzeitgedächtnis ist, das ihm ermöglicht, sich eine Art gesamtgesellschaftliches Hilfekonto vorzustellen, in das es einzahlt und von dem er abheben kann. Der Mensch hat also einen Begriff davon, dass Zusammenarbeit mit anderen im selbst zugute kommt. Das muss aber nicht bedeuten, dass er sich natürlicherweise so verhält.
Bettina Rockenbach und ihre Mitarbeiter versuchen herauszufinden, was die Mechanismen sind, die gruppendienliches Verhalten fördern. Dazu bedienen sie sich verschiedener Spiele, die meist darauf hinauslaufen, dass ihre Probanden alle Geld in einen Topf einzahlen, wo es verzinst wird, um alle Mitglieder der Gruppe am Gewinn zu beteiligen. Beteiligt werden allerdings auch jene, die nicht eingezahlt haben, so wie beim Brunnenbau in einem Dorf am Ende auch die Wasser holen, die sich vor dem Schachten gedrückt haben, oder auf der neuen Straße auch die fahren, die sie nicht mitgebaut haben. Das sind die Trittbrettfahrer. Es gibt sie in allen Gruppen, sie nutzen die Erträge von Zusammenarbeit, investieren aber nichts in sie.
Sobald unter den Versuchsteilnehmern von Bettina Rockenbach und ihren Mitarbeitern Trittbrettfahrer auftauchten, sank unter den anderen Teilnehmern der Wille zur Kooperation rapide, bis die Gruppe schließlich zerfiel. Manchmal wurde der Versuch für einen moralischen Appell unterbrochen, manchmal wurden die Trittbrettfahrer geächtet, auf Dauer änderte das jedoch nichts. In einem weiteren Spiel konnten die Teilnehmer dann wählen, ob sie sich lieber einer Gruppe anschließen möchten, in der Trittbrettfahrerei bestraft werden kann, oder einer, in der dies nicht möglich ist. Fast alle Probanden schlossen sich der Gruppe an, in der nicht gestraft werden konnte. Die meisten von ihnen, weil sie hofften, es komme freiwillig zur Kooperation. Doch das war ein Irrtum.
Die ersten, die aus der Gruppe ausstiegen, nachdem Trittbrettfahrer aufgetaucht waren, waren die Teilnehmer, denen am meisten an der Zusammenarbeit gelegen hatte. Sie wechselten in die Gruppe, in der gestraft werden konnte. Diese Strafen kosteten zwar Geld, doch das schien es ihnen wert zu sein. In kürzester Zeit etablierten sie ein Klima der Zusammenarbeit und wirtschafteten erfolgreicher als die andere Gruppe, deren Mitgliederzahl stetig sank. Am Ende hatten alle Probanden die Seiten gewechselt.
Daran wollt er sich nicht beteiligen
Das Gesicht, das für die Aufdeckung des größten Datenskandals in der jüngsten Geschichte der Bundesrepublik steht, gehört Detlef Tiegel. Er ist siebenunddreißig Jahre alt, mit dunklen, tiefliegenden Augen, der Kopf ist kahl rasiert. Im Sommer vergangenen Jahres vermittelte ihn eine Zeitarbeitsfirma als Agent an das Lübecker Callcenter Hanseservice. Detlef Tiegel hatte zuvor schon für ein Callcenter gearbeitet, er kannte sich aus in dem Geschäft. Dieses Mal sollte es darum gehen, Glücksspiele im Auftrag des Unternehmens Eurochance zu verkaufen. Der Kunde bezahlt sechsunddreißig Euro im Monat, und Eurochance beteiligt sich für ihn an zweihundert Gewinnspielen und Preisausschreiben. Das Call Center war gerade erst gegründet worden, Detlef Tiegel und eine Handvoll Kollegen gehörten zu den Mitarbeitern der ersten Stunde, weshalb ihnen Team-und Projektleiterposten versprochen wurden, sobald das Unternehmen expandierte. Das bedeutete nicht nur mehr Verantwortung, sondern auch mehr Geld. Endlich einmal sah es so aus, als hätte Detlef Tiegel eine Arbeit gefunden, die mehr ist als nur ein Job, da sie ihm die Perspektive eines Aufstiegs bot.
Der Chef des Teams war nett, umgänglich und locker im Ton, man duzte einander. In der dritten Arbeitswoche gab er Detlef Tiegel einen Stapel Listen mit unzähligen Daten, die allerdings nicht nur Namen, Adressen und Rufnummern von Kunden umfassten, sondern auch deren Kontoverbindungen. Damit konnte, selbst wenn der Kunde einem Geschäft nicht zustimmte, von seinem Konto Geld abgebucht werden. Im Grunde wird das Telefonat einzig deshalb geführt, um später behaupten zu können, der Kunde habe seine Kontodaten freiwillig herausgegeben. Am Ende steht Aussage gegen Aussage. Detlef Tiegel war entsetzt. Er kannte das Datenschutzgesetz und wusste, dass die Methode illegal ist. Daran wollte er sich nicht beteiligen.
Er rang nicht mit seinem Gewissen, er handelte einfach
Unter der Woche verkaufte er den Kunden nun Glücksspiele. Am Wochenende rief er sie an und sagte ihnen, sie sollten von ihrem Widerrufsrecht Gebrauch machen. Er warnte sie, dass mehr Geld von ihrem Konto abgebucht werden könnte als vereinbart. Detlef Tiegel bat seinen Chef unter einem Vorwand, ihm die siebzehntausend Daten als Datei zu schicken. Er kaufte sich einen USB-Stick, kopierte die Daten, brannte sie auf eine CD, ging zur Post und sendete sie anonym an die Verbraucherzentrale von Schleswig-Holstein in Kiel. Er überlegte sich nicht, was das für seine Arbeit und sein Leben bedeutete. Er rang nicht mit seinem Gewissen, er handelte einfach. Und dann kündigte er. Einen neuen Job hatte er da noch nicht. Statt tausendzweihundert Euro vom Callcenter bekam er jetzt sechshundert Euro vom Arbeitsamt. Aber das war ihm egal. Wenn es um die Frage von Recht und Unrecht geht, gibt es für Detlef Tiegel nur Schwarz und Weiß, keine Grauzonen. Er sagt: „Unrecht bleibt Unrecht.“
Als die Medien über den Datenskandal berichteten, meldeten sich auf einmal immer mehr Menschen anonym bei der Verbraucherzentrale in Kiel, die Informationen über kriminelle Datengeschäfte weitergeben wollten. Am Ende lagen zwanzig Millionen Datensätze vor. „Zwanzig Millionen Datensätze für mein eigenes Wohl, das hat sich gelohnt“, sagt Detlef Tiegel. Aber für ihn hätte es sich auch gelohnt, wären es nur zehn gewesen. Deshalb ging er auch an die Öffentlichkeit mit seinem Gesicht, als die Verbraucherzentrale ihn darum bat. Die Menschen sollten sehen, dass ein kleiner Callcenter-Agent etwas Großes bewirken kann, fand er.
Mittlerweile hat Detlef Tiegel eine neue Arbeit gefunden, in der Telekommunikationsbranche und mit Personalverantwortung. Wenn er in Lübeck in seinem Lieblingscafé sitzt, klopfen ihm Fremde auf die Schulter. Sie sagen: „Sie sind der Stern am Datenschutzhimmel.“ Er sagt: „Das fühlt sich scheiße an.“ Er findet, dass jeder für den Zusammenhalt einer Gesellschaft verantwortlich ist. Die Welt in ihrem Kern ein klein wenig zu verbessern, nennt er seine Bürgerpflicht. Er hat getan, was er für normal hält.
Ein guter Artikel...
Michael Meier (never1)
- 14.11.2009, 10:34 Uhr
Ja, ein guter nachdenklicher Artikel ...
Andreas Winkler (fonzie)
- 16.11.2009, 11:02 Uhr
Allgemeines Versagen
Ralf Vormbaum (Vormbaum)
- 16.11.2009, 11:13 Uhr
Eig. ist es unerheblich für was ein Mensch eintritt
Wolfgang Faßbender (Orwell84)
- 16.11.2009, 12:27 Uhr
Vielen Dank an die 68er...
L Lae (LuxZwo)
- 16.11.2009, 15:30 Uhr