http://www.faz.net/-gqz-11ms6

Zeugnisfund : Tresckow und Stauffenberg

  • -Aktualisiert am

Am 30. November 1997 übergab der russische Präsident Jelzin Bundeskanzler Kohl in Sawidowno zahlreiche Kopien von Dokumenten aus dem Zentralarchiv des Föderalen Sicherheitsdienstes (des FSB, des Nachfolgers des KGB) Rußlands. Ein Zeugnis wirft ein neues Licht auf Tresckow und Stauffenberg.

          Am 30. November 1997 übergab der russische Präsident Jelzin Bundeskanzler Kohl in Sawidowno bei Moskau zahlreiche Kopien von Dokumenten aus dem Zentralarchiv des Föderalen Sicherheitsdienstes (des FSB, des Nachfolgers des KGB) Rußlands. Darunter befand sich die Kopie einer Niederschrift vom 2. September 1944 von Aussagen des Majors im Generalstab Joachim Kuhn, der in den Jahren 1942 bis 1944 in der Verschwörung gegen Hitler einer der engsten Vertrauten von Oberst i. G. Graf Stauffenberg und Generalmajor Henning von Tresckow war. Kuhn beschaffte im Herbst 1943 Sprengstoff für das Attentat, im November 1943 brachte er Sprengstoff, den Tresckow beschafft hatte, zu Stauffenberg nach Berlin. Kurz nach dem 20. Juli 1944 kam Kuhns Name der Geheimen Staatspolizei zur Kenntnis, seine Festnahme am 27. Juli wurde angeordnet, aber sein Divisionskommandeur gab ihm Gelegenheit, sich das Leben zu nehmen. Kuhn fuhr auf die sowjetischen Stellungen zu, um den Tod zu finden, geriet aber in Gefangenschaft. Er wurde verhaftet, in ein Moskauer Gefängnis gebracht und erst im Oktober 1951 durch Fernurteil von einem Sondergericht zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. Im Januar 1956 wurde er, gesundheitlich und geistig ein Schatten seiner selbst, der Bundesregierung „zur weiteren Strafverbüßung“ übergeben.

          Das Dokument, aus dem hier Auszüge wiedergegeben werden, bietet durch seine Nähe zu den Ereignissen und dadurch, daß wahrheitsgemäße Aussagen Kuhn in der Kriegsgefangenschaft schwerlich schaden konnten, einen einzigartigen, von der Perspektive der Geheimpolizei oder des berüchtigten „Volksgerichtshofes“ unbeeinflußten Blick auf Stauffenberg und Tresckow. Sein Wahrheitsgehalt ist überprüfbar, und es bestätigt in unverhoffter Weise die Aussagen nach dem Krieg, die von Kritikern abgewertet werden.

          So beginnt Christian Gerlach seinen Beitrag im Begleitband zur Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung über „Vernichtungskrieg und Verbrechen der Wehrmacht“ mit dem Satz: „Die Geschichtsschreibung über die ,Männer des 20. Juli' hat ein kleines Manko: fast alles beruht auf nachträglichen Aussagen, Memoiren und Erinnerungen.“ Die Akten über die tägliche Arbeit der Offiziere in ihren Stäben und Dienststellen müßten herangezogen werden. Gewiß. Jedoch: In amtlichen Dokumenten, seien es Kriegstagebücher, Besprechungsnotizen, Befehle, Meldungen, pflegen die Schreiber nicht ihre persönlichen Gedanken festzuhalten. Auch Gerlach kann sich nur den Anschein geben, als habe er sie in den Akten gefunden. Unter der Überschrift „Mitwisserschaft und Zustimmung“ belegt Gerlach das erste, das nicht belegt zu werden braucht: Denn es war der Anstoß zu Empörung und Erhebung. Für die angebliche Zustimmung hat er keine Beweise. Er versucht, aus der Tatsache einer Besprechung Tresckows am 19. Juni 1941, drei Tage vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, mit dem Chef des Kommandostabes des Reichsführers SS Himmler, SS-Brigadeführer Kurt Knoblauch, über den Einsatz von SS-Verbänden (zwei Brigaden und zwei Regimenter) im Bereich der Heeresgruppe Mitte Tresckows Zustimmung zu deren späterem Tun abzuleiten. In dieser Zeitung ist vor kurzem nachgewiesen worden (F.A.Z. vom 11. März 1998), daß Gerlachs Quelle genau das Gegenteil dessen belegt, was er durch Innuendo und Manipulation suggeriert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Früherer SS-Wachmann angeklagt : Der Preis der späten Gerechtigkeit

          Vor Jahrzehnten hätte die Justiz Recht sprechen sollen zum Vernichtungssystem der Konzentrationslager. Sie hat es nicht ausreichend getan. Nun steht wieder ein Greis vor Gericht, der als junger Mann SS-Wachmann war. Ist das gerecht? Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.