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Friedrichswerdersche Kirche : Ein Pflegefall auf der Denkmalintensivstation

Von außen wirkt die Friedrichswerdersche Kirche stabil – doch der Bau von Tiefgaragen hat sie schwer mitgenommen. Bild: dpa

Karl Friedrich Schinkels Friedrichswerdersche Kirche ist eines der kostbarsten Baukunstwerke Berlins. Vom Bauboom bedrängt und schwer beschädigt, droht ihr nun die nächste Zerreißprobe.

          Nur selten verirren sich Besucher der Stadt hierher, obwohl jeder Reiseführer weltweit die Friedrichswerdersche Kirche immer noch als Kronjuwel neugotischer Baukunst empfiehlt, von Karl Friedrich Schinkel entworfen und die letzte im Original erhaltene von seiner Hand. Die Kostbarkeiten der Skulpturensammlung des Berliner Klassizismus gab es inklusive, denn die Stiftung Preußischer Kulturbesitz machte aus der Kirche, der die Gemeinde abhandenkam, ein spektakuläres Museum.

          So glanzvoll sah die Kirche noch 2011 aus.
          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Die Skulpturen werden hier schon seit drei Jahren nicht mehr gezeigt, sind ins Depot gerettet worden, als es das fragile Kirchenschiff fast zerriss: In unmittelbarer Nachbarschaft begann die Bauwert Investment Group die Grube für die Tiefgarage ihrer „Kronprinzengärten“ auszuheben. Darüber sind nun aufdringlich nah an die Kirche Wohnungen „im gehobenen Segment“ gebaut worden, mit schinkelnden Fassaden und obendrauf einem großen Pool.

          Weil garantiert traditionsfrei, hat man extra eine königliche Hoheit gebeten, für den in Leinen gebundenen Werbekatalog ein Vorwort zu schreiben, mit allerlei Schmankerln aus der kaiserlich-preußischen Familienvergangenheit. Jetzt wird es heikel, denn die Schuldfrage wegen der verheerenden Risse und Instabilitäten in der Kirche seit Baubeginn nebenan ist zu vermeiden. Weil nicht nur diese Firma hier baut und die Sache vor Gericht sich nicht nur ewig hinziehen, sondern ausgehen könnte wie das Homberger Schießen. Denn leider wird gerade dort in Berlins Mitte alles um- und umgegraben, was als besonders schütter und darum gefährdet gilt, von der U-Bahn über die Staatsoper und die Museumsinsel bis zum Schloss. Wobei letztere Großbaustelle den Vorbildlichkeitsorden verdiente, da sie als einzige ohne jeden Störfall bisher vorankommt.

          Kaum zu kitten: Ein tiefer Riss durchzieht diese Säule.

          Die Bauwert Investment Group jedenfalls reagierte rasch, schloss mit der Landeskirche, der Eigentümerin dieses außerordentlichen Baukunstwerkes, einen sogenannten Nachbarschaftsvertrag: Sie übernahm freiwillig, wie immer wieder gern betont wird, die Notreparaturen. Ins beschädigte Fundament wurde jede Menge Zement gepumpt, um zu verhindern, das Schinkels neugotisches Juwel in den berüchtigten märkischen Sand kippt; die zahlreichen und großen Risse im herrlichen Kreuzrippengewölbe und an den Pfeilern wurden und werden zugeschmiert und übertüncht, auf den Rissen der Bodenplatten liegt Pappe.

          Seit drei Jahren schon ist die Museumskirche darum unbetretbar und die Anmutung einer Kathedrale Vergangenheit, denn das Innere ist seitdem und auf unbestimmt lange Zeit nur noch ein Gewirr aus Gerüststreben, die hoffentlich verhindern, dass es die Kirche endgültig zerreißt. Der Aufschrei der Bewunderer und Liebhaber dieser Kirche war leise, bis ins Rathaus oder in die Denkmalschutzbehörde kann er nicht gedrungen sein, nur deren Schweigen zum Skandal ist eine klare Antwort, die kaum Interpretationsspielraum zulässt.

          Der gesamte Innenraum der Kirche ist mit einem stützenden Gerüst ausgefüllt.

          Die deutlichen Bedenken der Landeskirche waren zwar angehört, aber als übertrieben offenbar zu den Akten gelegt worden. Genauso wie die „nicht behandelte mündliche Anfrage Nr. 20“ zur Beschädigung eines unersetzbaren Baudenkmales, eingereicht im Winter 2013 von den Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. So geht das hier. Der „Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin“, den es seit 1824 gibt und zu dessen Mitgliedern auch Karl Friedrich Schinkel gehörte, hat eine unmissverständliche, scharfe Protestnote verfasst, die zwar auf der offiziellen Website der Stadtverwaltung zu lesen, aber auch folgenlos geblieben ist. Die Mitglieder klagen an, dass die „skandalösen jüngsten Bauschäden an der Friedrichswerderschen Kirche von Karl Friedrich Schinkel“ niemals hätten auftreten dürfen, und heben unter anderem hervor, dass an Orten wie diesen wegen des schwierigen Baugrundes Tiefgaragen verboten gehörten. Doch nach der linkerhand fürs feine Wohnpublikum so folgenreich gebauten wird jetzt auch noch eine rechterhand der Kirche für das nächste Luxuswohnbauprojekt in die Tiefe gegraben.

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