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Zensur in Guantánamo Bay : Bücher im Lager

Alexander Solschenizyns Beerdigung in Russland 2008, der mit dem Roman „Archipel Gulag“ die wichtigste literarische Kritik am Stalinismus formulierte. Bild: AP

In Guantánamo ist angeblich ein Exemplar von Alexander Solschenizyns „Archipel GULag“ konfisziert worden. Von der Verwaltung erfährt man derweil, dass am häufigsten „Fifty Shades of Grey“ an die Gefangenen verliehen werde.

          In Guantánamo ist angeblich ein Exemplar von Alexander Solschenizyns „Archipel GULag“ konfisziert worden. Die britischen Anwälte von Shaker Aamer, der seit Februar 2002 im Lager auf dem Gelände des amerikanischen Militärstützpunkts auf Kuba festgehalten wird, hatten ihrem Mandanten das Buch mitgebracht und teilten nun mit, es sei ihm nie ausgehändigt worden. Der demokratische Senator Richard Durbin aus Illinois hat 2005 Guantánamo mit dem sowjetischen Straflagersystem verglichen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Es gibt in Guantánamo eine Lagerbibliothek mit einem Bestand von knapp 30 000 Büchern und DVDs. Besucher berichten regelmäßig über die wechselnden Lieblingstitel der Gefangenen. Demnach stand „Harry Potter“ lange an der Spitze der Ausleihstatistik. Ein Potter-Fan aus Libyen ließ sich von den Wärtern die Abenteuer des Zauberschülers erzählen, solange sie noch nicht in arabischer Übersetzung vorlagen. Er erkannte in Lord Voldemort George W. Bush wieder, dessen Erinnerungsbuch „Decision Points“ in der Bibliothek ebenfalls vorgehalten wird. Die Nachrichten über die Beliebtheit von Bestsellern hinter den Lagermauern sorgen für den Schein von Normalität; in der Presse wird gern vermerkt, dass der Koran nicht das beliebteste Buch sei. Derzeit soll „Fifty Shades of Grey“ von E. L. James am häufigsten verlangt werden.

          Weitgehend freie Hand bei „Lektüreverboten“

          John Grisham machte am 10. August in der „New York Times“ auf den Fall eines algerischen Gefangenen aufmerksam, der in Frankreich aufgewachsen ist. Er hatte mit diesem Lagerinsassen Kontakt aufgenommen, weil er erfahren hatte, dass ihm die Lektüre zweier seiner Bücher verboten worden war. „The King of Torts“ (“Die Schuld“) ist die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Rechtsanwalts in Washington; der Titelheld von „The Innocent Man“ (“Der Gefangene“) ist ein unschuldig wegen Mordes Verurteilter, der nach elf Jahren freikommt. Die Entscheidung, dass Bücher dieses Inhalts in Guantánamo nicht Einlass finden durften, wurde sogleich zurückgenommen; von einem Missverständnis ist die Rede.

          Shaker Aamer, dessen Frau und vier Kinder in London leben, wo er vor 2001 als Dolmetscher für Anwaltskanzleien arbeitete, ist der letzte verbliebene Guantánamo-Insasse mit britischer Aufenthaltserlaubnis. Die Amerikaner hielten ihn zunächst für einen hochrangigen Al-Qaida-Strategen, nahmen diese Einschätzung aber 2007 zurück. Seitdem ist seine Überstellung nach Großbritannien Gegenstand zwischen der britischen und der amerikanischen Regierung. Dass er immer noch festgehalten wird, sorgt für das Gerücht, er wisse zu viel. Er war ein Verhandlungsführer der Gefangenen während des Hungerstreiks von 2005 und bekam wegen seiner Eloquenz von den Wärtern den Spitznamen „Professor“.

          Gemäß einem Urteil des Obersten Gerichtshofs von 1989 haben die Gefängnisdirektoren auch im regulären Strafvollzug weitgehend freie Hand im Verhängen von Lektüreverboten. Sie müssen lediglich einen „vernünftigen“ Zusammenhang mit Sicherheitsbedenken plausibel machen, um den Gefangenen das Recht auf ungehinderten Informationszugang aus dem ersten Verfassungszusatz zu nehmen.

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