17.01.2007 · Die Querelen und Intrigen reißen nicht ab: Beim „Spiegel“ tobt der Wahlkampf um die Führung der Mitarbeiter AG. Es geht nicht nur um Personen, sondern auch um die Zukunft des Magazins.
Von Michael HanfeldBeim „Spiegel“ tobt der Wahlkampf um die Führung des Hauptgesellschafters, der Mitarbeiter KG. Und dabei geht es nicht nur um Personen, sondern auch um eine Richtungsentscheidung, an der die Zukunft des Magazins hängt. Mit welcher Vehemenz der Wahlkampf ausgefochten wird, machen die letzten Tage deutlich. Der neue Geschäftsführer Mario Frank soll versucht haben, den Chef des Berliner „Spiegel“-Büros, Gabor Steingart, der für die Wahl kandidiert, arbeitsrechtlich abzumahnen, womöglich gar zu kündigen - weil Steingart ihn kritisiert hat. Ein einmaliger Vorgang.
Steingart hatte auf einer Wahlveranstaltung vor Korrespondenten gesagt, man habe im Spiegel gegen den erstklassigen Geschäftsführer Karl Dietrich Seikel mit Mario Frank einen Mann aus der Provinz eingetauscht, der bei Gruner + Jahr wohl keine große Karriere mehr vor sich gehabt hätte. Frank wurde die Äußerung hinterbracht. Zunächst soll der Geschäftsführer, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete, darüber nachgedacht haben, Steingart zu entlassen. Er soll sich dazu nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit dem Justiziariat des Verlags beraten haben. Auf den Chefredakteur Aust kam Frank mit der Forderung zu, Steingart abzumahnen. Aust verweigerte dies, man einigte sich darauf, dass Aust Steingart bedeute, sich mit derartigen Äußerungen zurückzuhalten.
Wollte Frank Steingart wirklich vor die Tür setzen?
Und so ermahnte Aust den Berlin-Chef des Magazins, aber auch die anderen Kandidaten, „nicht über die Stränge zu schlagen“. Auf der anderen Seite dürfe man bei Äußerungen im Wahlkampf auch nicht zimperlich sein. Steingart entschuldigte sich bei Frank. Wenn Fehler gemacht würden, sei Besserung möglich, hat Steingart, eine Äußerung Gerhard Schröders zitierend, gesagt, Frank gegenüber und vor Ressortleitern. Wollte Frank den Kritiker Steingart wirklich vor die Tür setzen? Bei einem Gespräch mit Ressortleitern soll Frank sich, direkt danach gefragt, unklar geäußert haben. In der Redaktion aber brodelt es.
Der am 7. Februar beginnenden Wahl der Mitarbeiter KG-Chefs gibt das natürlich eine besondere Schärfe. Wenn der Geschäftsführer tatsächlich mit dem Gedanken gespielt haben sollte, Steingart rauszuwerfen, der sich vor allem gegen die von Frank angedeutete Strategie ausspricht, dem „Spiegel“ alle möglichen Ableger zu verpassen, müssen sich die rund vierhundert wahlberechtigten stillen Teilhaber des „Spiegel“ - Redakteure und Verlagsmitarbeiter - die Frage stellen, was passiert, wenn sie Steingart, der seinerseits nicht unumstritten ist, unterstützen. Oder was folgt, wenn sie seine Konkurrenten aus der bestehenden Mitarbeiter KG-Führung wählen. Und was die jetzige Frontstellung für die Redaktion bedeutet. Der Geschäftsführer Frank wird sich derweil fragen müssen, wie sich die Zusammenarbeit mit den Gesellschaftern gestaltet, wenn Steingart deren Chef würde.
Ein eingespieltes Team
Was die Sache so prekär macht, ist, dass beim „Spiegel“ alles mit allem zusammenhängt - die Gesellschafter, die Geschäftsführung und die Chefredaktion. Berufen worden war der Geschäftsführer Frank nämlich unter Anleitung der jetzigen Führung der Mitarbeiter KG, für die der Redakteur Thomas Darnstädt zur Wahl antritt. Die KG hatte einen Headhunter losgeschickt und war auf Frank verfallen. Frank kommt von einer Tochter des Verlags Gruner + Jahr, der auch „Spiegel“-Gesellschafter ist. Bei Gruner + Jahr heißt es, man habe sich aus dem Geschäftsführerwechsel rausgehalten.
Doch hinterlässt die Art und Weise, wie Seikel, der mit dem Chefredakteur Aust ein eingespieltes Team bildete, gegen Frank ausgetauscht wurde, bei vielen in Verlag und Redaktion einen schalen Nachgeschmack. Es stellt sich die Frage, ob Gruner + Jahr verborgen bleiben konnte, dass ihr Mann zum „Spiegel“ geht und - was die Gesellschafter mit dem „Spiegel“ vorhaben.
Keine Stellungnahme
Der jetzigen Führung der Mitarbeiter KG werden große Pläne zugetraut. Sie hatte Ende 2005 dafür gesorgt, dass der Chefredakteur Aust nicht, wie er sich wünschte, einen neuen Fünfjahresvertrag bekam, sondern einen mit dreijähriger Laufzeit und der Option auf zwei weitere Jahre. Zugleich wurde eine Debatte über angebliche Qualitätsmängel in der Berichterstattung losgetreten, ausgelöst durch eine Rede von Franziska Augstein, der Tochter des Magazingründers. Thomas Darnstädt von der Mitarbeiter KG wollte darob ein Gespräch mit dem Chefredakteur anberaumen, was Stefan Aust mit Verweis auf die Freiheit der Redaktion zurückwies. Damals stand Steingart an Austs Seite.
Die Mitarbeiter KG hält 50,5 Prozent der Anteile am „Spiegel“. Wer sie führt, hat - neben dem Chefredakteur und dem Geschäftsführer - die Macht. Die Querelen und Intrigen reißen nicht ab. Schon wird kolportiert, der Kandidat Darnstädt habe auf einer Wahlveranstaltung gesagt, dass die Auflage des „Spiegel“ Woche für Woche nach oben gelogen werde. „Diese Aussage trifft nicht zu“, sagte Darnstädt auf F.A.Z.-Anfrage. Auf die Anfrage beim Geschäftsführer Frank hieß es, dass man „zu internen Personalangelegenheiten grundsätzlich keine Stellungnahme“ abgebe.