24.05.2005 · Joachim C. Fest, der einst mit Albert Speer an dessen „Erinnerungen“ schrieb, spricht in der F.A.Z. über Heinrich Breloers „Speer und Er“ und seine heutige Sicht auf Hitlers einstigen Rüstungsminister.
Die Debatte um Albert Speer, die Heinrich Breloers im Mai in der ARD ausgestrahlter Mehrteiler „Speer und Er“ ausgelöst hat, reicht weit über die üblichen an Zeitgeschichte interessierten Kreise hinaus.
Es geht in dieser Debatte längst um die Leitbildfunktion des „Typus Speer“ im Nachkriegsdeutschland und mithin um die geistigen Grundlagen der Bundesrepublik. Joachim Fest hat den Albert Speer der Nach-Spandau-Zeit kennengelernt und an dessen „Erinnerungen“ mitgearbeitet.
1999 schrieb Fest eine Biographie Speers und veröffentlichte jüngst „Die unbeantwortbaren Fragen. Gespräche mit Albert Speer.“ Unterdessen haben Forscher immer neue Beweise für das Ausmaß der direkten Täterschaft Speers unter anderem in der Planung und im Unterhalt von Auschwitz und in der Planung und Durchführung der Deportation der Berliner Juden gefunden. Fest, der sich in der Zusammenarbeit mit Speer stets als „vernehmender Redakteur“ verstand, kannte diese Dokumente damals noch nicht. Daher ist seine Reaktion auf den Film und die gegenwärtige Debatte von höchstem Interesse. Nie zuvor hat er sich Fest in einem Interview derart gründlich und detailliert zum Rätsel Speer geäußert. (F.A.Z.)
Herr Fest, Sie haben den Film „Speer und Er“ von Heinrich Breloer gesehen. Wie lautet Ihr Urteil?
Ich finde ihn technisch, in der Verbindung von historischem und nachgedrehtem Material, sowie in der Personenführung außerordentlich und noch besser als Breloers Film über „Die Manns“. Bei dem Hitler-Darsteller mache ich erhebliche Abstriche. Doch mein Einwand ist: Das Rätsel „Speer“ wird nicht einmal formuliert, taucht überhaupt nicht auf. Das hat mich sehr unbefriedigt gelassen.
Was ist das Rätsel?
Es gibt viele. Ich nenne zunächst nur eines: Da ist ein Mann, der sein Leben lang abhängig war von anderen. Das geht schon bei seinem Lehrer Tessenow los. Dann läßt er sich sklavisch und ehrgeizig zugleich in die größten Verbrechen hineinführen. Es ist ja unterdessen kein Zweifel mehr, daß Speer nicht nur blind war, wie er das gern dargestellt hat, sondern daß er aktiv an den Untaten des Regimes beteiligt war.
Aber dann findet er Ende 1944 unversehens eine gewisse Selbständigkeit in der Verhinderung Hitlerscher Zerstörungsbefehle. Das setzt sich fort im Streit mit Hitler Ende März 1945 und wird noch deutlicher in der Nacht vom 23. auf den 24. April 1945, als Speer zu Hitler geht, nicht zuletzt, um ihm seine Eigenmächtigkeit zu gestehen. Die Speer-Kennerin Gitta Sereny beispielsweise bestreitet dieses Motiv, ein Geständnis, behauptet sie, habe nie stattgefunden.
Und hat das stattgefunden? In dem Film wird das ja auch dargestellt.
Mir jedenfalls hat Speer ausführlich über diesen Besuch, die Motive und Hitlers Reaktion darauf berichtet. Aber erst nachdem seine „Erinnerungen“ erschienen waren, wo der Vorgang knapp abgetan wird. Warum? Das weiß ich nicht. Aber es ist ein interessanter Hinweis. Und ich erwarte von einem sechsstündigen Film, daß er mindestens Speers merkwürdigen Umgang mit diesem Problem erwähnt. Und weiter: Wie ist zu erklären, daß ein so fatal anlehnungsbedürftiger Mensch wie Speer zunächst in Nürnberg vor Gericht und dann im Spandauer Zuchthaus immer bei seiner Linie geblieben ist. Wo hatte er das plötzlich her?
Welche Linie meinen Sie jetzt?
Er gesteht die Verbrechen und nennt sich vor Gericht mitverantwortlich. Sein Anwalt rät ihm verzweifelt davon ab, die übrigen Angeklagten sind empört. Er bleibt dabei, niemand redet mehr mit ihm, er gilt als ehrlos und als Verräter. Ich habe einmal mit Hitlers Flugkapitän Hans Baur gesprochen, und der meinte, Speer sei eine Art schlimmerer Judas. Tatsächlich war er für die einen seither ein Schurke und für viele andere ein Lügner. Dennoch hat er nicht nachgegeben. Wie hat er es geschafft, ein halbwegs selbständiger Mensch zu werden? Das ist eines der Rätsel Speers. Doch im Film kein Wort darüber.