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Zeitenwende Die Wiederkehr des Verdrängten

Auch nach der Atomkatastrophe in Japan ist wieder der Satz zu hören, nichts werde mehr sein wie zuvor. Dabei belegen alle großen Krisen, dass die Normalität schneller zurückkehrt als gedacht. Die Politik könnte diesen Prozess verändern, tut es bisher aber nicht.

Es ist erstaunlich, in wie vielen Fragen, die ihre Selbsterhaltung betreffen, die Menschheit keinen Schritt vorankommt. Zeitdiagnostiker melden uns seit Jahrzehnten ständig neue Epochenschwellen: vom „Ende der Ideologien“ über die „globalisierte Welt“ bis zum Eintritt in die Wissensgesellschaft. Das „Atomzeitalter“ gehörte auch einmal dazu, war jedoch schon Ende der sechziger Jahre wieder vergessen worden. Mitte der achtziger Jahre kam dann die „Risikogesellschaft“ ins Gespräch, um ihrerseits bald wieder von anderen Epochenbefunden überholt zu werden.

Dieser ständige Wechsel der Schlagworte verschleiert, wie wenig sich tatsächlich ändert. Wie oft ist nicht der Satz schon geschrieben worden, nichts werde nun mehr sein wie zuvor? Alle großen Krisen aber belegen, dass im Bereich unserer Lebensprobleme mit einer ständigen Wiederkehr des Gleichen zu rechnen ist. Was sich ändert, ist nicht Art, sondern Größenordnung der Probleme sowie die technischen Mittel, die sie hervorbringen und die sie zugleich lösen sollen.

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Es ist dieselbe Wirtschaft wie zuvor

Das zeigt die jüngste Finanzkrise genau so wie die nukleare Katastrophe in Japan. Als die Banken kollabierten, hieß es, wir seien an einem Abgrund historisch einmaliger Tiefe gestanden, doch inzwischen beherrsche man derartige Krisen besser als noch 1929. Kurz darauf allerdings schon war der Eindruck nicht von der Hand zu weisen, im Wesentlichen gehe alles den gleichen Gang wie zuvor. Das heißt: Die Zahl und Wirkungskraft der finanz- oder fiskaltechnischen Instrumente ist gewachsen, was das Ausmaß der Krise wie die Möglichkeiten steigert, ihre Folgen zu verwalten. Darüber hinaus jedoch scheint die gesellschaftliche Lernfähigkeit beschränkt. Es ist dieselbe Wirtschaft wie zuvor.

Das Desaster in Fukushima ist ein analoger Vorgang auf einem anderen Krisengebiet. Auch hier werden wir in der Zeit zurückversetzt. Wer wäre denn in der Lage, einem Jugendlichen zu erklären, dass alles, was gerade erörtert wird, genau so auch schon vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren diskutiert wurde? Es gibt kein einziges neues Argument. Man kann jetzt alle Texte – von Anders und Jungk und Steinbuch und Weizsäcker oder wie dergleichen vergessene Sachbuchautoren sonst heißen – noch einmal lesen.

Es gibt nicht einmal entscheidend neues Wissen in der Sache. Denn die Gleichung, nach der äußerst kleine Wahrscheinlichkeiten, wenn sie mit ungeheueren Schadensgrößen multipliziert werden, zu ungeheuren Erwartungen führen, hat keinen historischen Index. Welcher Nutzen solchem Schrecken gegenübergestellt werden könnte, so dass sich beides die Waage hielte, das hat bislang noch kein Politiker oder Wissenschaftler anzugeben vermocht.

Kein einziges Argument zur nuklearen Frage ist neu

Wie kommt es aber, dass der Schrecken eintreten muss, um als möglich zu erscheinen? Wie kommt es, mit anderen Worten, dass denkenden Wesen erst die eingetretene Wirklichkeit ihre Möglichkeit erweist? Für die Bundeskanzlerin enthalten die Geschehnisse in Japan die Lehre, das für unmöglich Gehaltene könne sehr wohl eintreten. Doch wer hat es ernsthaft für unmöglich gehalten, dass ein Erdbeben ein Atomkraftwerk zerstören kann? Auch der Begriff „unmöglich“ kann nicht beliebig verwendet werden.

Dass kein einziges Argument zur nuklearen Frage, welches jetzt in der Diskussion bemüht wird, neu ist, zeigt allerdings, dass es nicht in erster Linie auf Argumente ankommt. Ob die Politik ihrer Pflicht genügt, wenn sie diesen Eindruck verstärkt, indem sie erkennbar das, was sie tut, nicht aus Überlegung in der Sache, sondern aus strategischer Erwägung tut, muss bezweifelt werden.

Wofür sie damit jedenfalls sorgt, ist ein zweiter Verlust an Zeitgefühl. Denn nicht nur liegen alle Bücher über das Atomzeitalter vor uns, als seien sie soeben erst geschrieben worden. Es gibt auch keinen Anhaltspunkt dafür, dass wir sie nicht in, sagen wir: drei oder sechs oder zwölf Monaten längst schon wieder ins Antiquariat getragen haben werden.

Epochal wäre, die Verzichte zu beziffern

Die bemerkenswerte Formel von einem „Aussetzen der Laufzeitverlängerung für drei Monate“ scheint darauf kalkuliert. Das Bedürfnis, in einer normalen Welt zu leben, ist enorm und setzt sich gegen jedes bessere Wissen durch. Die Politik bezieht daraus die Lizenz, auf Zeit zu spielen und Stimmungen abzuwarten.

Normale Welt, das heißt hier: eine Welt, die gar nicht genug an Strom erzeugen kann. Immer wieder ist die nukleare Frage als eine des Friedens oder als eine der Technik gestellt worden. Es gehe darum, wem der Besitz der Bombe zugestanden werden soll, oder darum, ob die Wissenschaft verantworten kann, was sich an technologischen Folgen aus ihren Erkenntnissen entwickelt.

Die Katastrophe von Fukushima enthält aber den Hinweis darauf, dass nicht „Bombe“ oder „Atom“, sondern „Energie“ das entscheidende Wort ist. Die Sicherung des Lebensstandards um jeden Preis – auch um den, Katastrophen für unmöglich zu halten – treibt die politischen wie die technischen Versprechen. Ein Moratorium für diese Handlungsnorm scheint undenkbarer als der Eintritt aller Restrisiken. Insofern wäre erst eine Politik, die es wagte, jene Verzichte zu beziffern, die ein Leben ohne Kernenergie und die Komplettverfeuerung des Planeten bedeuten würde, etwas Neues, etwas Epochales.

Quelle: F.A.Z.

 
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