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Zehn Jahre mit Angela Merkel : Und jetzt?

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Zehn Jahre Angela Merkel - und jetzt? Bild: Reuters

Vor zehn Jahren, am 22. November 2005, wurde Angela Merkel Bundeskanzlerin. Was hat dieses Jahrzehnt mit uns gemacht? Wir haben deutsche Schriftsteller und Regisseure gefragt.

          Lesen Sie hier die Antworten von Frank Witzel, Monika Maron, Maxim Biller, Martin Walser, Ingo Schulze, Nora Bossong, Imran Ayata, Wolf Wondratschek, Doris Dörrie, Dominik Graf, Adriana Altaras, Joachim Lottmann, Mely Kiyak und Volker Schlöndorff.

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          Frank Witzel
          Frank Witzel : Bild: Frank Röth

          Ein erstes Gefühl für die symbolische Bedeutung Angela Merkels bekam ich am Morgen des 22. September 2013, als ich in einer Tageszeitung ein Foto der Bundeskanzlerin sah, das sie am Abend vor der Wahl zu ihrer dritten Amtszeit an der Kasse eines recht durchschnittlichen Supermarkts zeigte. Da ich dieses eindringliche Bild zwar unwillkürlich begriff, jedoch nicht zu entschlüsseln wusste, begleitete es mich über viele Wochen und Monate, bis mir eines Tages und eher zufällig die Abhandlung des deutsch-amerikanischen Historikers Ernst Kantorowicz über die zwei Körper des Königs wieder einfiel.

          Die von Kantorowicz 1957 beschriebene persona mixta des antiken und mittelalterlichen Königs vereinigt in sich zwei voneinander unterschiedene Körper, von denen der eine sterblich, der andere hingegen unsterblich ist. So wurde bereits der römischen Kaiser an seinen menschlichen Körper erinnert, wenn ihm auf dem Weg zum Capitol, wo er die Rolle des übermenschlichen deus praesens einzunehmen hatte, von einem Sklaven immer wieder die Worte memento quod es homo vorgesagt wurden.

          Da in unserer scheinbar aufgeklärten Gesellschaft die entsprechenden Riten für den zweifachen Körper der Herrscherin fehlen, Angela Merkel aber in konsequenter und bescheidener Zurückstellung ihrer Person diesen Herrschertypus im 21. Jahrhundert erneut etabliert hat, musste sie sich an diesem Vorabend zur Bestätigung ihrer unsterblichen Macht selbst an die menschliche Seite ihrer Existenz erinnern, wofür es kaum einen besseren Ort als einen Supermarkt gibt.

          Nimmt man den doppelten Körper der Kanzlerin als gegeben, so lösen sich die scheinbaren Widersprüche im Verhalten von Angela Merkel auf. Wie Alexander, der in seinen Beziehungen zwischen einem Freund Alexanders und einem Freund des Königs unterschied, kann die Bundeskanzlerin einem Minister das Vertrauen aussprechen und ihn doch wenige Tage später entlassen, da sie ihm nur als Angela Merkel vertraute, nicht aber als Kanzlerin.

          Ebenso kann sie aus ganzem Herzen sagen: „Wir schaffen das“, um im selben Moment unter ihrer Regentschaft die Asylgesetzgebung verschärfen zu lassen: einmal spricht der menschliche Körper, einmal der unfehlbare Amtskörper.

          Deshalb will auch kein Beiname an ihr haften, weder (Kohls) „Mädchen“, noch „Angie“ oder „Mutti“, denn Merkels zweifacher Körper verweigert sich naturgemäß der eindeutigen sprachlichen Zuordnung. Wie sie sich selbst im Supermarkt an ihre menschliche Seite erinnerte, so ersetzte sie auch eigenständig den oft einschränkenden Beinamen durch das unerschöpfliche Symbol der mittlerweile nach ihr benannten Raute: zwei Hände, Symbol für die zwei Körper der Herrscherin, umschließen das Unfassbare, das nicht zu benennende numen der auszufüllenden Funktion, der sich Angela Merkel in großer Selbstbescheidung unterordnet, damit die göttliche Wirkmacht umso stärker hervortrete.

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