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Zadie Smith im Gespräch : Wir waren blind und naiv

  • -Aktualisiert am

Zadie Smith Bild: Dominique Nabokov

Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Zadie Smith über ihren neuen Roman „Swing Time“, die Freiheit der neunziger Jahre, den lächerlichen Tony Blair, den Brexit und Toiletten für Transgender.

          Man hört, während man die Straßen Londons entlang läuft, von allen Seiten dasselbe. Eindeutig ist das der heißeste Sommer seit langem. Der Alltag braucht bei der Hitze viele Momente der Rast; Menschen sitzen kurz mal auf Bürgersteigen oder Gartenmauern, Einkaufstüten, Bürotaschen oder Kinder zu ihren Füßen. Auch am Eingang zu Zadie Smiths Haus – ein historisches Backsteingebäude mit blühendem Vorgarten – hat eine ältere Dame angehalten, um Luft zu holen. Im Wohnzimmer der Schriftstellerin ist es nur wenig kühler, die einzigen, die davon herrlich unberührt scheinen, sind Zadie Smiths siebenjährige Tochter und der vierjährige Sohn. Tür auf, Treppe runter, „Mama, Dein Telefon hat geklingelt“, Treppe rauf, Tür zu, später die Frage „Wie lange dauert das Interview noch, wie viele Minuten genau?“ Es sind Sommerferien.

          Zadie Smith reagiert auf diese Fragen mit derselben Sorgfalt wie auf die des Interviews. Ihr neuer Roman „Swing Time“, der gerade auf die Long List des „Man Booker Prize 2017“ genommen wurde und in dieser Woche in der deutschen Übersetzung erscheint, erzählt von der Freundschaft zweier Mädchen, die im Nordwesten Londons aufwachsen, wo Zadie Smith selbst groß geworden ist und auch heute noch jedes Jahr einige Monate verbringt. Die übrige Zeit lebt sie mit ihrer Familie in New York. Die Protagonistin in „Swing Time“ hat einen weißen Vater und eine schwarze Mutter, ihre Freundin eine schwarze Mutter und einen weißen Vater. Es geht um Tanzen, Talent, Stereotype und Klassengesellschaft, die pure Ungerechtigkeit des Zufalls, das Ringen um Anerkennung und Nähe, Erwartungen von Müttern an Töchter – und umgekehrt.

          ***

          „Swing Time“ spielt so wie Ihr Roman davor im Nordwesten Londons. Was bringt Sie wieder hier her?

          Zwanghaftigkeit, fürchte ich. Früher fand ich Schriftsteller wie Philip Roth mit seiner Besessenheit für New Jersey immer etwas speziell - aber jetzt merke ich: Ich bin genauso. Auch der Roman, an dem ich gerade arbeite, eine Geschichte, die vor 150 Jahren spielt, ist hier angesiedelt: Sicher ist es die Faszination für Viertel wie dieses, die nicht besonders geschätzt werden, deshalb nicht geschützt sind und ständigem Wandel unterliegen. Anders als hübsche historische Stadtzentren, die Menschen so bewahren möchten. Hier geschehen Dinge einfach.

          Den Wandel hier beschreiben Sie in einem Essay aus dem letzten Jahr, anhand eines kleinen Moments: Ihre Tochter freundet sich auf dem Spielplatz mit einem Jungen aus der Nachbarschaft an. Der nächste natürliche Schritt, schreiben Sie, wäre, dass die Mütter eine Verabredung für die Kinder ausmachen, ein Satz auf dem Heimweg, der in dieselbe Richtung führt, mehr wäre dafür nicht nötig. Aber keine von Ihnen beiden sagt ihn.

          Uns beide hinderte wohl die Ungleichheit, die wir spürten. Mich auf jeden Fall.

          Dabei haben Sie immer hier gelebt.

          Die Frau und ihr Sohn wohnen ein Stück weiter die Straße hinauf, in einem der Wohnblocks, einem der kleinen Apartments darin. So bin ich auch aufgewachsen. Typisch für Arbeiterfamilien. 1975 waren die Häuser auf der anderen Straßenseite ...

          ... wie das in dem Sie heute leben...

          ... etwa 20.000 Pfund wert. Inzwischen sind es Millionen und natürlich wissen das alle.

          Und das konnten Sie und die andere Mutter nicht thematisieren und irgendwie zusammenkommen?

          Nein, da habe ich versagt.

          Warum?

          Weil ich die Kluft selbst als so unvorstellbar empfinde. In meiner Kindheit war das anders. In diesem Viertel kamen Kinder der relativ Reichen und der Armen zusammen, Kinder von Muslimen, Juden, Protestanten, Katholiken, Hindus, Sikhs und Atheisten. Es gab ein Gemeinwesen, etwas Gemeinschaftliches, zu dem alle gehörten.

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          Wie in „Swing Time“, wo die Erzählerin zur Geburtstagsfeier in eines der Häuser auf der anderen Straßenseite eingeladen wird.

          So wie ich als Kind. Heute traut man sich nicht mehr aneinander heran. Als ich dieses Haus hier vor mehr als einem Jahrzehnt kaufte, war der Markt dabei, anzuziehen, aber die Situation war noch nicht so extrem. Damals machte ich mir darüber auch gar nicht groß Gedanken. Ich dachte nur: Als Kind der Arbeiterklasse habe ich es geschafft.

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