Home
http://www.faz.net/-gqz-6zyoz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Yogalehrer Hans-Peter Hempel Was tue ich hier eigentlich gerade?

 ·  Verträgt sich Yoga mit dem modernen Berufsleben, ist er die richtige Antwort auf die Schnelllebigkeit unserer Zeit? Das haben wir den Politikwissenschaftler und Yogalehrer Hans-Peter Hempel gefragt - mit überraschendem Ergebnis.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)

Nördlich des Ku’damms, in einer der Historikerstraßen, wohnt Hans-Peter Hempel. Vor Jahren hat er zwei Yoga-Einführungen geschrieben, die sich dadurch auszeichneten, den alten indischen Weltzugang über die Yogamatte hinaus gesellschaftlich und politisch weiterzudenken. Nach der Lektüre fühlte man sich entspannt, ohne die Welt, wie sie ist, aus den Augen zu verlieren - ein Zustand wie geschaffen für die Tage der Finanz- und Schuldenkrise. Galt Yoga früher eher als Freizeitbeschäftigung, wird er neuerdings in Büchern und Magazingeschichten als Überlebensstrategie in der Arbeitswelt empfohlen. Zukunftsforscher prognostizieren eine Verdopplung der Arbeitsleistung unter den verbliebenen Vollbeschäftigten bis zum Jahr 2030, und da jeder weiß, dass wir das mit unserer gequetschten Körperhaltung und der vor dem Computer praktizierten Flachatmung, mit der wir permanent CO2 unter die Schultern pumpen, nicht schaffen werden, sehen wir plötzlich Yoga mit anderen Augen.

Kann die fernöstliche Lebenspraxis, in die wir viel Freizeit investieren müssen, die Lösung unserer Probleme sein, ist Selbstoptimierung überhaupt der richtige Weg? Oder führt uns Yoga geradewegs in eine tiefenentspannte Verweigerungshaltung gegenüber den nahwestlichen Verhältnissen? Vielleicht weiß Herr Hempel Rat, am Telefon war er gleich Feuer und Flamme gewesen nach unserer Anfrage und hatte in seine Wohnung mit den Worten eingeladen: „Hier ist es so schön - einmal da, wollen Sie nicht mehr weg.“

Atemlose Ankunft

Es ist ein Besuch aus Neugier. Das Klingeln an der Eingangstür des Gründerzeithauses wird von einem leichten Summen beantwortet. Hempel, der 77 Jahre alt ist, lebt mit seiner Frau, die früher für die Bankenaufsicht gearbeitet hat, im fünften Stock, die Wohnung haben sie erst vor einiger Zeit gekauft, einen Aufzug gibt es scheinbar nicht. Auf einem roten Läufer geht es vorbei an Klingelschildern mit den Namen bekannter Schauspieler, die niedrigen Treppenstufen verleiten zum schnellen Aufstieg, was sich als Fehler erweist, denn spätestens im vierten Stock wird der Atem knapp. Hempel erscheint mit seiner schwarzen Haarmähne in Sichtweite: Schmunzelt er?

Hans-Peter Hempel ist kleiner, als er auf Bildern wirkt, er trägt ein weißes T-Shirt und eine weiße Hose. Er sieht aus wie ein Masseur, geht auf Socken und begrüßt den Besucher mit junger, unerwartet heller Stimme. Der zieht die Schuhe aus und darf sich im lichten Haus mit viel hellem Holz einen passenden Gesprächsort aussuchen. Gleich links ist das Yoga-Zimmer für den Privatunterricht, es folgt der Wohnbereich mit Balkon und Blick über die Dächer. Dann kommt der Essbereich mit gläsernem Tisch, großem Fenster, Blick in alle Richtungen, hier passt es. Wirklich schön hier, die Dachwohnung ist mit leichter Hand und ·einem Gespür für Licht und Sichtachsen entworfen.

Eigentlich drei Geschichten

Ein Mönch sprach einst Meister Kegon an: „Ich bin von weither gekommen, euch zu sehen. Würdet ihr mir gütigst ein Wort der Unterweisung geben?“ Kegon antwortete: „Ich werde alt, und mein Rücken tut mir heute weh.“ Diese Zen-Anekdote steht in einem der Bücher Hempels, so dass man als Besucher mit ähnlichem Ansinnen auf einiges gefasst ist. Doch dann bietet uns Frau Hempel erst mal einen Tee an, ganz ohne Ingwer und indisches Kraut, einen Earl Grey, der in leicht kolorierten KPM-Tassen serviert wird, und während sie ein Schälchen mit exzellentem Gebäck dazu stellt, eröffnet Hempel kauend und ohne Guru-Attitüde das Gespräch.

Im Grunde müsste man drei Geschichten über Herrn Hempel erzählen. In der einen ginge es um den jungen Hans-Peter, Sohn einer deutschen Mutter und eines abwesenden indischen Vaters, der, bevor er von Felix Hempel, dem Stiefvater, adoptiert wird und zu seinem deutschen Namen kommt, die Bombenangriffe auf Hannover und Berlin erlebt. Er verbringt eine kurze Zeit im Heim und beginnt zu stottern, bis Atemübungen ihn aus seinem Trauma befreien, das bis heute nachwirkt.

Keine Lösung, aber Klarheit

Die zweite Geschichte wäre die seiner Karriere: Er absolviert nach der Schule eine Ausbildung zum Pfleger am jüdischen Krankenhaus in Berlin, studiert anschließend Politologie, engagiert sich in der SPD und der Gewerkschaft und wird persönlicher Referent des Regierenden Bürgermeisters Heinrich Albertz, des Nachfolgers von Willy Brandt. Beim Schah-Besuch am 2. Juni 1967 steht er wenige Meter von dem persischen Staatsoberhaupt entfernt und blickt auf die brodelnde Menge der Studenten auf der anderen Seite der Absperrung. „Eine wahnsinnige Irrealität war das“, sagt er.

Die politische Welt erlebte er als eine der Atemlosigkeit: „Vom morgendlichen Betreten des Schöneberger Rathauses, das Albertz immer durch lautes Türenknallen einleitete, bis zum späten Abend konnte er nicht einmal durchatmen.“ Nach dem Rücktritt von Albertz, der für den Mord an Benno Ohnesorg die Verantwortung übernimmt und anschließend wieder als Pfarrer arbeitet, verlässt Hempel die Politik und baut die Pressestelle der TU Berlin auf, erlebt, wie das Rektorat zum Präsidialamt wird, und muss seinen Vorgesetzten die Achtundsechziger-Bewegung vor der eigenen Haustür erklären. Er wird Referatsleiter für Auslandsbeziehungen und hat parallel eine Dozentur mit dem Schwerpunkt Außenpolitik inne. Er erkennt, dass die Universitätsreform scheitert, und entfernt sich innerlich immer weiter vom „Milieu der Knesebeckstraße“, wie er sagt, trennt sich von seiner ersten Frau, zieht die Kinder groß, gerät in eine persönliche Krise, wird krank und steigt abermals aus. Er beginnt eine Ausbildung als Masseur, doch erst als ihn eine Freundin mit zur Yogastunde nimmt, erkennt er auf der Matte liegend: „Das ist es! Das mache ich.“ Inzwischen unterrichtet er - seine dritte Geschichte - seit zwanzig Jahren Yoga, gibt drei Kurse an der TU und einen täglichen zu Hause, einige seiner ersten Schüler sind ihm bis heute treu geblieben. Als Gesprächspartner ist er perfekt.

Bis zum nächsten Yogakurs sind es noch zwei Stunden, wir müssen zur Kernfrage vordringen: Kann man Yoga im heutigen Berufsleben praktizieren, verträgt sich das? „Ja, es geht“, sagt Hempel, „wenn Sie immer mal wieder dazu bereit sind, durch eine anständige Krise zu gehen. Wenn nicht, lassen Sie die Hände davon.“ Der Weg des Yoga sei einer der Bewusstwerdung. „Ich sage meinen Schülern immer: ,Ihr müsst euch jederzeit fragen: Was tue ich hier eigentlich?’ Und wenn Sie sich das permanent fragen, lassen Sie irgendwann bleiben, was nicht gut für Sie ist.“ Jammern die mittleren Generationen heute zu viel im Vergleich mit den Kriegsjahrgängen? „Ihre Generation hat die Schwierigkeit, dass sie neben dem Berufsstress gleichzeitig keine Orientierung hat, da kann die Beschäftigung mit der Lehre Buddhas Klarheit schaffen, keine Lösung, aber Klarheit über die eigene Situation.“

Die momentane Yogalandschaft? Desaströs

Für Hempel, der sich nicht für einen Linken hält, ist die moderne Arbeitswelt gänzlich desorientiert, ganz im Sinne Buddhas geprägt von „Gier, Hass und Verblendung“. „In der Globalisierung startet der Kapitalismus voll durch“, sagt Hempel, „nach dem Ende des Sozialismus heißt die Devise wieder, aus dem Einzelnen das Maximale herauszuholen, bis zur psychischen Erschöpfung. Das ist Ihre Generation.“ Was gab ihm seine Orientierung? „Ich habe mich immer als Vierunddreißiger bezeichnet, wir haben noch den heißen Atem des Krieges gespürt, Auschwitz war für uns keine Metapher. Unsere Generation hat aber 1948 die Erklärung der Menschenrechte erlebt, ein ganz großes Ereignis, das man leider zu schätzen verlernt hat. Die auch im Grundgesetz festgeschriebene ,Würde des Menschen’ war ein Atemholen, eine Richtlinie, die auch heute noch gilt, aber Ihre Generation muss sie sich erst wieder erkämpfen.“

Ein yogageleitetes, stressloses Einssein mit sich selbst in jeder Lebenslage schließt Hempel aus. „Das mag in der asiatischen Agrargesellschaft noch möglich gewesen sein, aber für eine hochindustrialisierte, digitalisierte Welt glaube ich nicht daran. Gleichwohl geht etwas, wenn Sie bereit sind, den Yoga-Weg zu beschreiten - entschlossen, nicht weil es im Augenblick gerade Mode ist.“ Die momentane Yogalandschaft bezeichnet er als desaströs, als organisiertes Nachturnen von Asanas, den Körperübungen des Yoga.

Wo ist mein Atem gerade?

Auf der Suche nach einem Buch zeigt Hempel den Rest der Wohnung, zu der auch ein lichthofartiges Arbeitszimmer gehört. Ein letzter Rat von ihm: „Was immer Sie tun, wo immer Sie sich gerade drehen und wenden: Fragen Sie sich: Wo ist mein Atem? Die Inder waren so schlau, den Zusammenhang von Atmung und Körper zu erkennen, der Atem war für sie etwas Göttliches, wie im Alten Testament eigentlich auch.“ Unter Hempels Yogalehrern waren Katholiken, die im Buddhismus und Hinduismus eine verlorene Spiritualität des Christentums wiederfanden.

„Fangen Sie mit Yoga an“, sagt er beim Abschied, „aber nehmen Sie sich einen Lehrer, der vernünftige Atemübungen macht. Jeden Tag zwanzig Minuten vor der Arbeit, dann gehen Sie raus in die Welt, und mit der Zeit merken Sie, wie sich Ihre Sichtweise verändert hat. Sie werden aufmerksamer, kommen immer wieder auf sich selbst zurück. Dann praktizieren Sie Yoga auch im Beruf.“ Die Zeit der Unterweisung ist abgelaufen. „Wo ist mein Atem gerade?“ Die Treppe abwärts ist er ganz in seinem Element, jetzt sehen wir auch den Fahrstuhl. Was war das gerade? Eine überzeugende Aufforderung zum Yoga und eine vielleicht noch dringlichere zum kritischen Bürgerengagement.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1971, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Regen in Paris

Von Nils Minkmar

Acht Monate lang durfte Regisseur Patrick Rotman den französischen Präsidenten Hollande begleiten. Entstanden ist ein Film über Regen und Depression. In Frankreichs Kinos scheint er zu floppen. Mehr 1 7