17.03.2004 · Durch immer mehr erfolgreiche Klagen ist die heile Welt der Regenbogenhefte gefährdet. Sie sollen ihre blühende Phantasie bändigen müssen.
Von Jörg ThomannTragödie um die deutschen Frauenzeitschriften: Die Blätter sind in schrecklicher Gefahr. "Die Stimmung ist verzweifelt", sind sich Insider sicher. Ein enger Freund eines Chefredakteurs meint: "Er ist am Ende, weiß nicht, wie es weitergehen soll." Der Mann, der einst so elanvoll seinem Tagwerk nachging, ist unter der seelischen Last zerbrochen. Schlimme Gerüchte besagen, daß kein Yellow-Press-Heft dieses Jahr überleben wird.
Nicht auszuschließen, daß uns im obigen Absatz eine Fehldeutung unterlaufen ist; falls dem so ist, wollen wir uns dafür entschuldigen. Wie aber soll man eine Situation richtig einschätzen, wenn, wie es anfänglich schien, kaum jemand offen darüber sprechen möchte? Wenn ein Chefredakteur am Telefon mitteilt, in der aktuellen Lage nichts sagen zu wollen, wenn mehrere andere, denen man die Nummer hinterlassen hat, nicht zurückrufen? Gut, daß letztlich doch ein paar Leute mit sich reden ließen, sonst hätten wir, wie es die Frauenblätter selbst wohl schwer lassen können, drauflosfabulieren müssen. Artikel zu verfassen, ohne mit den entscheidenden oder überhaupt mit irgendeiner Person gesprochen zu haben, ist ein mißliches Unterfangen, die Regenbogenblätter aber haben daraus eine eigene Kunstform gemacht. Es hat ihnen freilich großen Ärger eingebracht.
Ein besonders liebevolles Verhältnis
So sah sich kürzlich Kai Winckler, der Chefredakteur des "Neuen Blatts", veranlaßt, sich bei seinen Lesern, die in erster Linie Leserinnen sind, für einen "unerfreulichen Lesestoff" zu entschuldigen, dessen Botschaft eigentlich höchst erfreulich war: "Keine Tragödie um Victoria! Nicht verraten, verlassen, verzweifelt. Keine Krebserkrankung", teilte das Heft auf seiner Titelseite mit. Unerfreulich war, daß "Das neue Blatt" das Gegenteil behauptet hatte. Man habe sich "leider immer wieder auf Fehlinformationen" über das schwedische Königshaus verlassen, schreibt der Chefredakteur. Im Widerruf heißt es: Sollte durch die Artikel der Eindruck entstanden sein, die schwedische Thronfolgerin sei an Krebs erkrankt, so sei "dieser falsch. Entsprechend gibt es auch keine Tragödie um die Kronprinzessin, wie diese uns jetzt mitgeteilt hat."
Auch das trifft die Sache nicht ganz. Keineswegs nämlich hat sich beim "Neuen Blatt" die Prinzessin persönlich gemeldet, um die frohe Botschaft zu überbringen, sondern ihr Anwalt Matthias Prinz. Der ist zum ärgsten Feind der deutschen Herzblätter geworden, seitdem er sie im Auftrag des schwedischen Königshauses mit Gerichtsverfahren überzieht. Vorläufiges Ergebnis: Auf etwa zwanzig Titelseiten der Yellow Press sind nach Angaben von Prinz bislang Gegendarstellungen, Widerrufe, Richtigstellungen und/oder Entschuldigungen erschienen, bei denen rund vierzig Geschichten korrigiert wurden. Solcherart dementiert wurden unter anderem eine Verlobung Victorias ("Neue Post"), eine Hochzeit ("Frau mit Herz"), Schwangerschaften der Kronprinzessin oder ihrer Schwester Madeleine ("Das Neue", "Echo der Frau", "Das neue Blatt", "Frau mit Herz"), eine Fehlgeburt Victorias ("Das Neue"), eine Ehekrise des Königspaars ("Das neue Blatt"). Frisch am Kiosk präsentieren sich gerade zwei Hefte mit Titel-Widerrufen: "Vida" sowie "7 Tage", wo gleich vier Geschichten um die vermeintlich große Liebe zwischen Madeleine und Prinz William korrigiert werden. Man bedaure dies sehr, schreibt die Redaktion, da man "gerade zum schwedischen Königshaus ein besonders liebevolles Verhältnis" pflege. Zudem mußten mehrere Blätter gestehen, daß Bilder, die die Königstöchter im Hochzeitskleid oder mit einem Baby im Arm zeigten, Fotomontagen waren. Weitere Fälle werde man "sukzessive abarbeiten", kündigt der Anwalt an: "Wir sind noch nicht fertig."
Notorisches Recherchepech
Die Klagewelle zeigt Wirkung. Die Redaktionen seien "sensibler" geworden, sagt Ulrich Plöger, Leiter des Westdeutschen Zeitschriften-Verlags ("Frau aktuell", "Das goldene Blatt"). Nach den Worten Georg Rateikes, Verlagsgeschäftsführer des Yellow-Press-Marktführers Bauer, hat sich das "Neue Blatt" mit dem Widerruf auf dem Titel "etwas schlechter" verkauft als üblich. "Zum Glück nehmen uns die Leser das nicht so übel, daß sie in der nächsten Woche das Heft nicht mehr kauften." Chefredakteur Peter Viktor Kulig, dessen "Woche der Frau" Victorias Hochzeit mit einem griechischen Prinzen widerrufen mußte, berichtet, die Leserreaktion auf den Widerruf habe sich auf drei Anrufe und zwei Briefe beschränkt. "Die Leser scheinen Verständnis zu haben, daß man Opfer einer Fehlinformation werden kann." In diesem Fall sei man den Informationen einer "durchaus seriösen Athener Tageszeitung" aufgesessen. An das notorische Recherchepech der Regenbogenpresse mag Anwalt Prinz allerdings nicht glauben: Für ihn ist eine Vielzahl der Geschichten "vorsätzlich erfunden worden".
Die Klatschblätter sind derzeit nicht zu beneiden. Woche für Woche möchte ihre Leserschaft en detail erfahren, wie es um das Privatleben von William, Caroline oder Mette-Marit steht, die das dummerweise von sich aus nicht mitteilen. Was also tun? Als Quellen tauchen in den meisten Artikeln nie namentlich genannte Hofschranzen auf sowie immer wieder "gute" und "enge" Freunde, die offensichtlich nichts dabei finden, ihre teure Freundschaft mit den Hoheiten durch ständige Indiskretionen aufs Spiel zu setzen. Die wenigsten deutschen Yellow-Press-Blätter verfügen über feste Korrespondenten mit Kontakten zum Hofe, sondern arbeiten mit freien Informanten. Kommt auch von denen nichts, schaut man in ausländische Klatschblätter. "Wir machen keinen investigativen Journalismus, das können wir auch gar nicht", sagt Burkhard Voges, Geschäftsführer des Klambt-Verlages, der Hefte wie "Woche der Frau", "7 Tage" und "Frau mit Herz" herausgibt.
Konkurrenz ist härter geworden
"Wir haben nie einen Mangel an Bildern, aber einen Mangel an Texten", sagt Voges. Zahlreiche Bildagenturen liefern tagtäglich neue Fotos der königlichen Familien, und wenn es sonst keinen Stoff gibt, muß für einen Artikel auch mal ein Foto reichen. Dann beschränkt sich die journalistische Arbeit aufs Gesichtszügelesen. "Was Letizia wohl über das Werk ,Madonna mit Kind' denkt? Fest steht, daß sie ihren Verlobten Prinz Felipe nach längerer Bild-Betrachtung ganz verliebt und mit sehnsuchtsvollem Blick ansah", liest man also in der "Neuen Post". Überschrift: "Ihre große Sehnsucht nach einem Baby". Je nachdem, wie der Fotograf ihn gerade getroffen hat, wünscht sich der Royal also Nachwuchs, ist frisch verliebt oder zu Tode verzweifelt.
"Was soll's, wir machen moderne Märchenblätter": Dieser Satz Franz Burdas gelte noch heute, sagt Kulig. Man entführe die Leserinnen "aus dem oft grauen Alltag in eine entspannende bunte Traumwelt". In keinem anderen Land ist das Genre so erfolgreich wie in Deutschland, wo die Hefte eine lange Tradition haben; die "Neue Post", von Bauer als "Mutter aller Yellows" bezeichnet, erscheint seit 1952. Nach dem Zweiten Weltkrieg, vermutet Voges, hätten sich die Menschen wohl nach der guten alten Kaiserzeit gesehnt, Gefühle, die die Blätter gern bedienten; anfänglich wurde über die Hohenzollern und Welfen berichtet, später gab man sich internationaler. Und auch wenn die Hefte heute, wie Georg Rateike betont, zu siebzig Prozent mit Service-Elementen gefüllt werden, mit Rätseln, Rezepten und Ratgebern, sind die Prominenten-Storys doch das wichtigste. Die Konkurrenz jedoch ist - durch Billigzeitschriften und die Boulevardsendungen des Fernsehens - härter geworden. Fünfundzwanzig verschiedene Yellow-Press-Titel kämpfen Woche für Woche um die Leser, und sie sind sich, wie Ulrich Plöger zugibt, "schon sehr, sehr ähnlich". Kaufentscheidend sind daher vor allem die Titelgeschichten, und da ist der Adel nach wie vor unverzichtbar.
Kein Mangel an Streitfällen
Dort aber sind der Phantasie inzwischen juristische Grenzen gesetzt. Das Vorgehen gegen die Zeitschriften "tut uns wirklich weh", sagt Burkhard Voges. Mit Texten über Schwedens Königsfamilie sei man nun "extrem vorsichtig" und weiche aus auf Niederländer oder Spanier. Leider sind die Schweden ungleich populärer. Im Jahr 2003 widmeten die sechs Yellow-Press-Blätter von Klambt ihnen etwa hundert Titelstorys: "Das entfällt im Augenblick", sagt Voges und hofft, "daß es Herrn Prinz nicht gelingt, noch weitere Königshäuser als Klienten zu gewinnen".
An Streitfällen wäre gewiß kein Mangel. Oder darf man dem "Echo der Frau" glauben, wenn es im Wortlaut wiedergibt, wie der kranke Fürst Rainier die Nachricht von Prinzessin Stephanies vermeintlicher Schwangerschaft aufgenommen hat? "Fortwährend tätschelte er sanft Stephanies Hand. ,Das ist eine gute Nachricht, das ist schön. Ich freue mich sehr', sagte er immer wieder. Dann blickte Fürst Rainier lange auf das Grün vor seinem Fenster und lächelte, so versonnen, als wäre er mit seinen Gedanken ganz woanders", zitiert das Blatt den üblichen "Angestellten". Die Grenzen zwischen Journalismus und Groschenroman sind hier fließend. Ein Widerruf jedoch steht nicht zu befürchten: Anders als ihre Schwester Caroline zählt Stephanie nicht zu den Klienten des Herrn Prinz, mit dessen Interpretation der nicht anzutastenden Privatsphäre seiner Mandanten freilich nicht nur Frauenblätter nicht konform gehen dürften.
Schnelles Ende für Märchen
Das englische Königshaus geht traditionell nicht gegen Presseberichte vor, folglich auch nicht gegen diese vom "Echo der Frau" verbreitete Schlagzeile: "Charles: Er wird Opa!" Der Artikel beginnt wie folgt: "Die Nachricht schockiert ihn. Charles wird Großvater! Damit hatte der 55jährige nun wirklich nicht gerechnet. Die Kinder waren doch gerade selbst noch so klein." Charles' Freundin Camilla aber, und jetzt aufgepaßt, "freut sich. Denn es ist ihr Sohn Tom Parker Bowles, der Vaterfreuden entgegensieht." Doch nicht einmal das ist belegt, sondern wird "in der Londoner Szene" nur "gemunkelt". Die Geschichte, gibt sich Verlagsleiter Plöger selbstkritisch, sei "hart an der Grenze. Die Leser nehmen das auch übel."
Vielleicht aber ist es den Lesern auch egal. Vielleicht sind sie weniger naiv als angenommen und begreifen die Regenbogenblätter gar nicht als ernstzunehmende Informations-, sondern als reine Unterhaltungsmedien, als unermüdliche Verfasser eines niemals endenden Frauenromans, die ihrem adligen Personal immer wieder neue, klassische Rollen zuteilen: die unschuldig Leidende, der Verräter, der Traumprinz, die Prinzessin der Herzen.
Und weil man auf die beliebtesten Charaktere doch nicht ganz verzichten mag, war soeben auf dem Titel der "Woche der Frau" endlich mal wieder eine Schwedin zu sehen: "Madeleine ist Williams Traum-Königin", frohlockte das Blatt, war aber, den Anwalt vor Augen, vorsichtig genug, die Traumhochzeit noch auf derselben Seite platzen zu lassen und zu beichten, daß es sich um das Ergebnis einer Abstimmung in England handele. Ein so schnelles Ende fanden die Märchen zu früheren Zeiten nicht.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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