25.12.2011 · Die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten bot wie angekündigt kein Wort zur Kreditaffäre. Überraschenderweise aber doch etwas Privates: eine rührende Szene mit dem vorlesenden Vater auf der Bettkante des Sohnes.
Von Patrick BahnersIn einer großen Stadt, wo der Wind pfeift, lebt ganz allein mit seiner Frau und seinen Kindern ohne einen einzigen Freund Christian Wulff. Wie viele Leute verschickt Christian Wulff zu Weihnachten Weihnachtsgrüße. Aber Christian Wulffs Weihnachtsgrüße sind nicht wie die Weihnachtsgrüße der meisten Leute. Sie sind irgendwie anders.
Die meisten Leute schicken zu Weihnachten Grüße an ihre Freunde und Geschäftspartner. Christian Wulffs Weihnachtsgrüße sind an Leute adressiert, mit denen er keine Freundschaft unterhält. Und geschäftliche Beziehungen schon gar nicht! Aber auch der Inhalt ist anders. Wer Weihnachtspost verschickt, berichtet gerne von seinen Lieben, erzählt, was die Frau oder der Mann und die Kinder im ablaufenden Jahr Schönes gemacht und gelernt haben. Auch Christian Wulff lässt sich unter dem Weihnachtsbaum fotografieren und sogar filmen. Aber er darf in seiner Weihnachtsbotschaft nichts Privates erzählen.
Das gebietet der Respekt vor dem Amt, das erklärt, warum er ganz allein mit seiner Familie in der großen Stadt lebt, wo der Wind pfeift, und warum er nur selten in dem gemütlichen Haus ist, das er sich in einer anderen, nicht ganz so großen Stadt gebaut hat. Dort stehen viele andere gemütliche Häuser eng beieinander, und auch sonst ist das Klima milder.
Dass Wulff durch sein Amt und durch die Haltung, in der er sein Amt ausübt, am Einflechten privater Betrachtungen in seine Festtagsgrüße gehindert ist, das sagen jedenfalls diejenigen, die für ihn in seiner amtlichen Eigenschaft sprechen. Daher erwähnte der Bundespräsident in der Weihnachtsansprache aus dem Schloss Bellevue, deren Aufzeichnung am Abend des ersten Feiertags im Fernsehen gesendet wurde, die „Staatsschuldenkrise“, aber nicht seinen bei einer staatlichen Bank zu bemerkenswerten Konditionen aufgenommenen Kredit. Und daher wandte er sich zwar namenlosen Spendern zu, die den „guten Ruf“ Deutschlands fördern, kam aber nicht auf die Krise des eigenen Ansehens zu sprechen.
Nun ist ja im Zuge dieser Krise vor ein paar Tagen der Mann aus dem Amt entfernt worden, der den Worten des Präsidenten die amtliche Deutung hinzuzufügen hatte. Vielleicht gehört es zu den noch kaum zu überblickenden Folgen dieses Ereignisses, dass die Ankündigung, Christian Wulff werde in seinen Weihnachtsworten nicht über Privates reden, sich im Licht der tatsächlich gehaltenen Ansprache dann doch als Irreführung darstellt.
Christian Wulff sprach Privates an, ja, er schilderte eine intime Szene: das abendliche Vorlesen am Bett seines Sohnes. Damit die Millionen Empfänger der Weihnachtsgrüße sich die Szene ausmalen konnte, gab er das Alter des Sohnes auf das halbe Jahr genau an. Die Verhinderung fremdenfeindlicher Mordserien, hatte Wulff gesagt, beginnt daheim, denn „auch von mir selbst“ hängt ab, „welches geistige Klima in meiner eigenen Familie“ herrscht. „Mein dreieinhalbjähriger Sohn freut sich, wenn ich ihm abends das Buch ,Irgendwie anders’ vorlese. Er schläft dann selig ein, weil er weiß, es ist gut, dass wir alle verschieden sind.“
„Irgendwie anders“ ist ein Kinderbuch von Kathryn Cave mit Illustrationen des bekannten englischen Karikaturisten Chris Riddell. Es erschien 1994 in deutscher Übersetzung und wurde 1997 von der Unesco mit einem Preis für Toleranz im Kinderbuch bedacht. In deutscher Sprache liegt auch eine große Menge didaktischer Sekundärliteratur zu „Irgendwie anders“ vor. Auf der Titelseite sieht man ein ganz kleines blaues Wesen mit schwarzer Nase, abstehenden Ohren und einem noch viel kleineren blauen Püppchen im Arm, das in einem gemütlichen, aber viel zu großen Ohrensessel sitzt. Der erste Satz des Buches lautet: „Auf einem hohen Berg, wo der Wind pfiff, lebte ganz allein und ohne einen einzigen Freund Irgendwie Anders.“
Es geht um jemanden, der vergeblich versucht, mit irgendjemandem Freundschaft zu schließen. Der blaue Winzling ist brav und freundlich, verrät keinerlei destruktiven Ehrgeiz, sondern will sich mit allen Kräften Liebkind machen. „Irgendwie Anders tat alles, um wie die anderen zu sein.“ Aber seine Anpassungsbemühungen werden nicht honoriert. Er lächelt wie die anderen. Er grüßt die anderen so, wie die anderen einander grüßen. Er eifert den anderen in ihren Hobbys nach. Er spielt bei den Spielen der anderen mit. Aber die anderen haben keine Verwendung für ihn. Sie tun ihm den Gefallen nicht, etwas mit ihm anfangen zu können.
Auf einem wunderschönen Bild von Chris Riddell sieht man das Männlein als Rückenfigur im Schatten, ihm gegenüber die dichtgedrängte Menge der anderen, die alle ebenso individuelle wie edle Freizeitkleidung tragen. In der Sekundärliteratur wird zu diesem Bild ausgeführt: „Die Tennisschläger der Giraffen verweisen ebenso wie die Turnschuhe der Vögel auf Sportlichkeit, die übergroß gezeichneten Brillen deuten auf Gelehrsamkeit oder Weisheit, d.h. auf ein hohes Bildungsniveau hin.“ Im Hintergrund dieser Geschichte vom verwehrten Einstieg zeichnet sich ein Klassengegensatz ab.
Irgendwie Anders findet am Ende einen Freund, den er nicht gesucht hat. Eine Moral von der Geschichte: Freundschaft ist alles andere als ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.
Der dreieinhalbjährige Sohn von Bettina und Christian Wulff schläft also, das hat uns sein Vater erzählt, beruhigt ein, wenn ihm der Vater diese Geschichte vorgelesen hat. Ja, ausdrücklich heißt es, dass der Junge selig einschläft, im Vollbesitz der kindlichen Unschuld gleich dem Christkind im Weihnachtslied. Es wäre ein Sinnbild des Bösen, ein Kind aus dem Schlaf zu reißen, um ihm zu sagen, dass etwas nicht stimmt an der Geschichte, die der Vater erzählt hat. Beim ersten Sommerfest im Schloss Bellevue ließ sich Christian Wulff mit seinem kleinen Sohn auf dem Arm fotografieren. Er verlangte aber, dass die Nachrichtenagenturen das Gesicht des Zweijährigen unkenntlich machten. Dabei pfiff der Wind damals noch gar nicht durch die große Stadt.
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