Home
http://www.faz.net/-gqz-6vu2a
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.12.2011, 16:48 Uhr

Wulffs Schweigen Der Kredit des Präsidenten

Dieser Bundespräsident wird künftig schweigen müssen: Spätestens am 17. August erfuhr Christian Wulff, dass die Presse in der Sache seines Hauskaufs recherchierte. Am 24. August sprach er im Kreis von Nobelpreisträgern über Bonität und Bürgschaften. Es war seine erste und letzte Rede über das Schicksalsthema unserer Zeit.

© dpa Verlust der Autonomie durch Schulden: das Beispiel Christian Wulff

Vernichtung von Kapital: das kennen wir. Vernichtung von symbolischem Kapital: das lernen wir jetzt kennen. Dass das deutsche Staatsoberhaupt in eine dubiose Kreditaffäre stürzt, während ein ganzer Kontinent erlebt, was die Abhängigkeit von Krediten und Ratings bedeutet, das ist einfach nur furchtbar. Dass Christian Wulff nicht verstanden hat, dass es ausschließlich darauf ankommt, wie er mit der Affäre umgeht, also: wie er redet, ist bizarr. Die Frage, ob ihn der Freundesdienst abhängig machte, ist durch das Verschweigen im Landtag bereits beantwortet. Die Frage, ob sich daran etwas geändert hat, durch die rabulistische Erklärung des Präsidialamts auch: Wir können nicht beantworten, so die Botschaft, was nicht gefragt wurde. Man hätte auch „Hamlet“ zitieren können: „Die Dinge so betrachten, hieße, sie zu genau zu betrachten.“

Aber das muss man: genau betrachten. Das Staatsoberhaupt muss in der größten Kredit- und Finanzkrise der Jetztzeit in der Lage sein zu reden, ohne dass die Leute anfangen zu lachen. Kreditfragen, das wissen wir nun, sind moralische Fragen. Es geht um Glauben und Vertrauen. Damit sind sie das Äquivalent zum höchsten Staatsamt. Es lebt vom moralischen Kredit. Dass Kredite Moral in Geld übersetzen, zeigen die präsidialen Begriffe, die sie begleiten: Kreditwürdigkeit auf der ökonomischen, der moralische Kredit auf der gesellschaftlichen Seite. Innerhalb von 24 Stunden ist dem amtierenden Bundespräsidenten eine ganze moralische Kategorienwelt abhandengekommen. Wie will er, der bislang wenig zur Krise zu sagen hatte, jetzt eigentlich überhaupt noch etwas sagen?

Für wen soll man bürgen?

Es gibt eine einzige Rede des Bundespräsidenten zur Finanz- und Schuldenkrise. Sie wurde auf der Nobelpreisträger-Tagung in Lindau gehalten. Das Echo, das ihr damals versagt bliebt, kommt nun, vier Monate später, dröhnend zurück.

Der Präsident sagte: „Was man selbst nicht machen würde, sollte man auch nicht von anderen verlangen. Was wird da eigentlich verlangt? Mit wem würden Sie persönlich gemeinsam Kredit aufnehmen? Auf wen soll Ihre Bonität, die Sie sich mühselig erarbeitet haben, zu Ihren Lasten ausgedehnt werden? Für wen würden Sie persönlich bürgen? Und warum? Für den Partner, die eigenen Kinder – hoffentlich ja! Für die Verwandtschaft – da wird es gelegentlich schon schwieriger. Vielleicht würden wir bürgen, wenn nur so der andere die Chance bekommt, wieder auf die eigenen Füße zu kommen. Sonst doch nur dann, wenn wir wüssten, dass wir uns nicht übernehmen und die Bürgschaft in unserem, dessen und dem gemeinsamen Interesse ist. Selbst der Bürge kann sich unmoralisch verhalten, wenn er die Insolvenz nur hinauszögert.“

Treffen der Wirtschafts-Nobelpreisträger in Lindau © Müller, Andreas Vergrößern Christian Wulff bei seiner einzigen Rede über die Finanzkrise am Bodensee

Wenn irgendwas, dann bedeuten diese Sätze, dass Kredite ein solches Abhängigkeitsverhältnis begründen, dass man sie außerhalb von Banken noch nicht einmal Verwandten ohne weiteres zukommen lassen würde – und dann auch nur, damit der Bedürftige die Chance hat, „wieder auf die eigenen Beine zu kommen“.

Investition in einen Ministerpräsidenten

Wollte Christian Wulff wieder auf eigene Beine kommen? In der politisch-ökonomischen Sprache, die Politiker seit Jahr und Tag im Munde führen, müsste man sein Verhalten anders beurteilen: Der Bundespräsident hat über seine Verhältnisse gelebt. Das ist kein guter Befund in Zeiten, da dieser Vorwurf zum politischen Kampfbegriff geworden ist. Er wollte ein Haus, aber er konnte es sich nicht leisten und auf normalen Wegen auch keinen Kredit für 120 Prozent der Kaufsumme bekommen. Das lag an den Umständen. Es war der Höhepunkt der durch die Immobilienblase ausgelösten Lehman-Krise, einer Krise, die dadurch gekennzeichnet war, dass Menschen 120 Prozent Kreditsumme für Häuser bekamen, die sie sich nicht hatten leisten können. Ein amerikanisches Wahnsinnsmodell, worauf die deutschen Politiker seinerzeit nicht müde wurde hinzuweisen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Amerikanische Vorwahlen Der heimliche Sieger Rubio

Er ist zwar nur Dritter bei den Vorwahlen der Republikaner in Iowa geworden, das aber überraschend stark. Das Establishment der Partei atmet auf. Und mächtige Geldgeber öffnen ihre Taschen für den Republikaner, der amerikanischer Präsident werden will. Mehr Von Winand von Petersdorff

02.02.2016, 20:48 Uhr | Wirtschaft
Davos Gauck: Begrenzung von Flüchtlingszuzug ist nicht unethisch

Eine Begrenzungsstrategie kann moralisch und politisch sogar geboten sein, um die Handlungsfähigkeit des Staates zu erhalten", sagte Bundespräsident Gauck in einer Rede vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Mehr

20.01.2016, 15:46 Uhr | Wirtschaft
Kurstief Banken werden zu Prügelknaben der Wall Street

Ihre Aktienkurse fallen gerade besonders stark. Dabei scheinen die faulen Kredite der Energiebranche, für die zahlreiche Banken Rückstellungen bilden mussten, noch beherrschbar. Mehr Von Norbert Kuls, New York

26.01.2016, 13:30 Uhr | Finanzen
Davos 2016 Soziale Unternehmer im Porträt

Jahr für Jahr konzentriert sich die Berichterstattung des Weltwirtschaftsforums auf die Mächtigen in Davos: auf Präsidenten oder Wirtschaftsführer. Verschiedene Unternehmer stellen ihre Projekte vor, die auf Nachhaltigkeit setzen. Mehr

20.01.2016, 12:35 Uhr | Wirtschaft
Fall Litwinenko Dissident, das war doch mal ein Ehrentitel

Von russischen Dissidenten ist man im Westen immer ganz hingerissen, wie der Fall Litwinenko zeigt. Aber sollte der Geheimdienst wirklich so dumm gewesen sein, ihn in aller Öffentlichkeit sterben zu lassen? Mehr Von Jüri Reinvere

29.01.2016, 21:40 Uhr | Feuilleton
Glosse

Großer Wildwechsel

Von Michael Hanfeld

Darf ein Redakteur einen Jäger als „Rabauken“ bezeichnen, oder ist das schon justiziabel? In Mecklenburg-Vorpommern erhitzt der Fall die Gemüter – und nimmt kein Ende. Um heftige Polemik geht es dabei nur vordergründig. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“