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Wulffs Berlinale-Empfang Stille Stunden auf Schloss Bellevue

Der Bundespräsident lädt deutsche Filmschaffende sowie die international besetzte Jury zu einem Empfang, erntet jedoch sehr viele Absagen. Ein winterliches Stimmungsbild.

© REUTERS Vergrößern Gähnende Leere: Es wirkte gespenstisch, als Christian Wulff zum Berlinale-Empfang in Bellevue sprach

Die ersten vier Festivaltage lang beschäftigte eine Frage die Gäste der Berlinale, die nichts mit den sonst hier üblichen Debatten über das Wetter, die Goldenen Bären oder die Zu- und Absagen von Weltstars zu tun hatte. Was die Prominenz vielmehr interessierte: Schadet es meinem Ruf, wenn ich den deutschen Bundespräsidenten besuche? Diese Frage mussten sich gleich 250 Filmschaffende stellen, die von Christian Wulff am vorgestrigen Sonntag Abend ins Schloss Bellevue geladen waren, um dort an einem Empfang teilzunehmen, mit dem das Staatsoberhaupt sein persönliches Interesse am Film bekunden wollten - das doch längst notorisch ist.

Andreas Platthaus Folgen:    

Dabei drohte diesmal gar keine Finanzierung durch einen Marmeladenhersteller, weil das Staatsoberhaupt ja zu sich nach Hause einlud und die Gäste sowieso zum Festival schon in Berlin weilten. Dennoch hagelte es Absagen, und nur etwa hundert Geladene fanden sich schließlich um 19 Uhr zum Stehempfang mit Crevetten, Edelfisch und kleingeschnittener Currywurst ein. Darunter waren allerdings die Mitglieder der diversen Jurys der Berlinale, und mit Charlotte Gainsbourg, Jake Gyllenhaal, François Ozon, Mike Leigh oder Asghar Farhadi stellte die Hauptjury ein internationales Staraufgebot, wo sich die deutschen Filmschaffenden lieber drückten (und an guten Gründen dafür mangelt es ja während eines Festivals von der Größe der Berlinale nicht). Selbst Veronica Ferres, die Lebensgefährtin des Wulff-Förderers Carsten Maschmeyer, hatte aus „anderen terminlichen Gründen“ abgesagt.

Lieber einladen, als eingeladen zu werden

„Die Veranstaltung war nicht sehr star driven“, sagt denn auch einer der Besucher des Empfangs. Unter den hundert Gästen seien etliche Vertreter der Berlinale-Administration gewesen. Außer Werner Herzog, der auf dem Festival gestern seinen Film „Death Row“ vorstellte, und Andres Veiel, der mit seinem Dokumentarfilm „Black Box BRD“ berühmt wurde und nach eigener Auskunft „aus ethnographischem Interesse“ in Schloss Bellevue erschienen war, sah man keine bekannten deutschen Regisseure. Die drei im Wettbewerb vertretenen Kollegen Matthias Glasner, Christian Petzold und Hans-Christian Schmid hatten Verpflichtungen für ihre Filme zu folgen; gleiches galt auch für Romuald Karmakar, der am selben Abend passenderweise seine Dokumentation „Angriff auf die Demokratie“ auf der Berlinale vorstellte (siehe Seite 31). Der österreichische Regisseur Hans Weingartner hatte zuvor den bösesten Satz für seine Absage gefunden: Er wisse einfach nicht, was er dem Bundespräsidenten erwidern sollte, wenn der ihn nach Freikarten für Weingartners neuen Film „Die Summe meiner eigenen Teile“ fragen würde.

Äußerungen wie diese hält Volker Schlöndorff, der selbst auch verhindert war, für wenig hilfreich. Er habe sich über die Einladung gefreut, sagte der Regisseur und Nestor des deutschen Films dieser Zeitung: „Ich finde es sehr gut, wenn der Bundespräsident sieht, dass es im deutschen Film auch noch andere Leute gibt als Herrn Groenewold.“ Gut sei es auch, wenn Wulff einmal die Richtigen einlade, statt dass er von den Falschen eingeladen werde. Deshalb wäre er selbst, so Schlöndorff, natürlich gern zu dem Empfang ins Schloss Bellevue gegangen. Das habe er zu Zeiten von Wulffs Amtsvorgängern Herzog und Rau wohl auch schon gemacht, aber genau könne er sich daran nicht mehr erinnern; es gebe einfach zu viele Empfänge in Berlin. Der vorgestrige von Christian Wulff aber wird den Anwesenden zweifellos im Gedächtnis bleiben.

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