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Wulffs Berlinale-Empfang Stille Stunden auf Schloss Bellevue

 ·  Der Bundespräsident lädt deutsche Filmschaffende sowie die international besetzte Jury zu einem Empfang, erntet jedoch sehr viele Absagen. Ein winterliches Stimmungsbild.

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© REUTERS Gähnende Leere: Es wirkte gespenstisch, als Christian Wulff zum Berlinale-Empfang in Bellevue sprach

Die ersten vier Festivaltage lang beschäftigte eine Frage die Gäste der Berlinale, die nichts mit den sonst hier üblichen Debatten über das Wetter, die Goldenen Bären oder die Zu- und Absagen von Weltstars zu tun hatte. Was die Prominenz vielmehr interessierte: Schadet es meinem Ruf, wenn ich den deutschen Bundespräsidenten besuche? Diese Frage mussten sich gleich 250 Filmschaffende stellen, die von Christian Wulff am vorgestrigen Sonntag Abend ins Schloss Bellevue geladen waren, um dort an einem Empfang teilzunehmen, mit dem das Staatsoberhaupt sein persönliches Interesse am Film bekunden wollten - das doch längst notorisch ist.

Dabei drohte diesmal gar keine Finanzierung durch einen Marmeladenhersteller, weil das Staatsoberhaupt ja zu sich nach Hause einlud und die Gäste sowieso zum Festival schon in Berlin weilten. Dennoch hagelte es Absagen, und nur etwa hundert Geladene fanden sich schließlich um 19 Uhr zum Stehempfang mit Crevetten, Edelfisch und kleingeschnittener Currywurst ein. Darunter waren allerdings die Mitglieder der diversen Jurys der Berlinale, und mit Charlotte Gainsbourg, Jake Gyllenhaal, François Ozon, Mike Leigh oder Asghar Farhadi stellte die Hauptjury ein internationales Staraufgebot, wo sich die deutschen Filmschaffenden lieber drückten (und an guten Gründen dafür mangelt es ja während eines Festivals von der Größe der Berlinale nicht). Selbst Veronica Ferres, die Lebensgefährtin des Wulff-Förderers Carsten Maschmeyer, hatte aus „anderen terminlichen Gründen“ abgesagt.

Lieber einladen, als eingeladen zu werden

„Die Veranstaltung war nicht sehr star driven“, sagt denn auch einer der Besucher des Empfangs. Unter den hundert Gästen seien etliche Vertreter der Berlinale-Administration gewesen. Außer Werner Herzog, der auf dem Festival gestern seinen Film „Death Row“ vorstellte, und Andres Veiel, der mit seinem Dokumentarfilm „Black Box BRD“ berühmt wurde und nach eigener Auskunft „aus ethnographischem Interesse“ in Schloss Bellevue erschienen war, sah man keine bekannten deutschen Regisseure. Die drei im Wettbewerb vertretenen Kollegen Matthias Glasner, Christian Petzold und Hans-Christian Schmid hatten Verpflichtungen für ihre Filme zu folgen; gleiches galt auch für Romuald Karmakar, der am selben Abend passenderweise seine Dokumentation „Angriff auf die Demokratie“ auf der Berlinale vorstellte (siehe Seite 31). Der österreichische Regisseur Hans Weingartner hatte zuvor den bösesten Satz für seine Absage gefunden: Er wisse einfach nicht, was er dem Bundespräsidenten erwidern sollte, wenn der ihn nach Freikarten für Weingartners neuen Film „Die Summe meiner eigenen Teile“ fragen würde.

Äußerungen wie diese hält Volker Schlöndorff, der selbst auch verhindert war, für wenig hilfreich. Er habe sich über die Einladung gefreut, sagte der Regisseur und Nestor des deutschen Films dieser Zeitung: „Ich finde es sehr gut, wenn der Bundespräsident sieht, dass es im deutschen Film auch noch andere Leute gibt als Herrn Groenewold.“ Gut sei es auch, wenn Wulff einmal die Richtigen einlade, statt dass er von den Falschen eingeladen werde. Deshalb wäre er selbst, so Schlöndorff, natürlich gern zu dem Empfang ins Schloss Bellevue gegangen. Das habe er zu Zeiten von Wulffs Amtsvorgängern Herzog und Rau wohl auch schon gemacht, aber genau könne er sich daran nicht mehr erinnern; es gebe einfach zu viele Empfänge in Berlin. Der vorgestrige von Christian Wulff aber wird den Anwesenden zweifellos im Gedächtnis bleiben.

Ersatzmann Kosslick?

„Es war einfach eine traurige Veranstaltung: Wulff steht bei seiner Begrüßung am Rednerpult, muss warten, bis die Übersetzerin fertig ist, der offenbar die Rede zuvor nicht vorgelegen hat, und in diesen zehn Sekunden fällt der Mann in sich zusammen“ - so es schildert ein Anwesender, ein anderer beschreibt die Stimmung als „gespenstisch“; beide wollen nicht namentlich zitiert werden. „Wulff redete ohne Emphase, er hat nicht die Gabe, so zu sprechen, dass man glaubt, er habe es selbst geschrieben.“

Dieter Kosslick, der Leiter der Berlinale, antwortete dem Bundespräsidenten dann im Namen des Festivals mit einer sehr politischen Rede - und er muss es so viel besser als Wulff getan haben und in jenem präsidialen Tonfall, wie ihn sonst das Staatsoberhaupt selbst pflegt (das Wesentliche im Kino liege im Umgehenlernen mit Unterschieden und in der Toleranz für Fremdes), dass einer der Gäste Kosslick danach bat, doch selbst den Job des Bundespräsidenten zu übernehmen. Zum Trost für Wulff hatte wenigstens Rainer Rother, der Leiter der Deutschen Kinemathek, eine Gegeneinladung in sein Institut parat.

Nach der Rede ist vor der Revolution

Die geringe Teilnehmerzahl, die nach der Rede des Präsidenten noch weiter schrumpfte, ermöglichte es ihm, beim anschließenden Rundgang durch den Saal mit vielen Gästen ins Gespräch zu kommen, wobei Wulffs Kenntnisse über deren jeweiliges Werk sich bisweilen in Grenzen gehalten haben sollen, dafür aber umso größeres Interesse an privaten Dingen herrschte. „Der Mann ist in so einer Not, dass er nichts mehr zu verlieren hat“, so urteilte einer seiner Gesprächspartner; deshalb wohl Wulffs beschränkte Vorbereitung auf den Abend.

Doch damit brach die letzte Rechtfertigung für den Empfang zusammen. Schlöndorff hatte vor der Einladung seine Berufskollegen aufgerufen, zum „Kotau“ anzutreten, wenn das Staatsoberhaupt schon Interesse am Film bekunde. Diese Wortwahl war verräterisch: Ein Kotau bezeichnete die vollständige Niederwerfung eines Untertanen im Angesicht des chinesischen Kaisers - vor der Revolution. Aber das derart von Schlöndorff gepriesene Interesse Wulffs scheint kein fachliches gewesen zu sein, sondern ein rein gesellschaftliches.

So etwas gehört selbstverständlich im Kinogeschäft dazu. Doch über allem steht die politische Rolle, die der Bundespräsident spielt. Einer seiner Gäste hat das mit berufsbedingt sicherem Blick erkannt: „Man muss es in einem größeren Kontext sehen, und dieser Kontext heißt Angela Merkel.“ Vielleicht werden wir noch einmal selbst sehen, was vorgestern in Bellevue mit Wulff geschah: Der Filmemacher Anno Saul hatte seine Videokamera dabei.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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