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Wulff im Berliner Ensemble : Man muss man selbst sein

„Unser gewählter Sinnstifter“ wird befragt: Christian Wulff (rechts) und „Zeit“-Mitherausgeber Josef Joffe Bild: dpa

Alle Autogrammkarten sind vergriffen: Im Berliner Ensemble lässt sich Christian Wulff eineinhalb Stunden befragen und redet über Föderalismus, Toleranz, Vielfalt. Über die Vorwürfe gegen ihn spricht er kaum. Seine letzte Hoffnung: das Urteil der Geschichte.

          Ein typischer Moment an diesem Sonntagvormittag. Josef Joffe, Mitherausgeber der „Zeit“, fragt den Bundespräsidenten, wie lange er dem „bashtainment“ der deutschen Medien eigentlich noch trotzen wolle. Christian Wulff antwortet, er sei Schüler- und Studentensprecher gewesen, Kommunal- und Landespolitiker, er habe drei Wahlgänge als Präsidentschaftskandidat überstanden, er werde auch dies überstehen. Und: „Die Bürgerinnen und Bürger sind das Wichtigste. Am Ende darf man sich selbst nicht so wichtig nehmen.“ - Gegenfrage Joffe: „Aber das Amt ist wichtig?“ - Antwort Wulff: „Ja.“ Dann Schweigen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Christian Wulff hat drei Dinge mitgeteilt in den eineinhalb Stunden dieser „Zeit Matinee“ im Berliner Ensemble, die sich eigentlich der Frage „Typisch deutsch?“ hatte widmen wollen: dass er sich selbst nicht so wichtig nimmt, um seine Verstrickungen in Hannover für eine Staatsaffäre zu halten; dass er gleichwohl etwas „aufarbeiten“ und sich „neu justieren“ will; und dass das Amt des Bundespräsidenten etwas ganz anderes und von diesen persönlichen Problemen völlig Unberührtes ist, eine Art Arkanum, dessen Besitzer bei seinen Auftritten zum siebzigsten Jahrestag der Wannsee-Konferenz oder als Gesprächspartner für holländische Jugendliche seine irdischen Verhältnisse sozusagen hinter sich lässt.

          Die schwarze Schuhspitze wippt im Takt

          Im Mittelalter, in dem wir nach Wulff nicht mehr leben (ein beliebter Satz unter Politikern, denn er schließt eine ganze Reihe von Assoziationen zur Rolle der Medien ein: Pranger, Treibjagd, Hexenverbrennung), hätte man von den „zwei Körpern des Königs“ gesprochen, dem leiblichen und dem symbolischen, und tatsächlich mühte sich Joffe redlich, seinem Gesprächspartner durch eingestreute Bonmots von Friedrich dem Großen ein Bekenntnis zur preußisch-aufklärerischen Geschichtstradition zu entlocken. Aber Wulff ließ sich nicht darauf ein. In seiner leiblichen Präsenz blieb er unerschütterlich - seine Schuhspitze zuckte weder im Schnellfeuer der Fotografen noch bei der Frage „Kann man über dreitausend Euro stürzen?“ -, in seiner symbolischen eisern liberal. Kein Wort also gegen die Presse, auch keins gegen einen Untersuchungsausschuss, der immerhin herausfinden könnte, dass der einstige niedersächsische Ministerpräsident seinen Landtag „nach bestem Wissen und Gewissen“ (Wulff) belogen hat. Und auf die Dreitausend-Euro-Frage nur bekannte Töne: Er wolle, „dass meine Arbeit nach fünf Jahren beurteilt wird“. Letzte Hoffnung: das Urteil der Geschichte.

          Der rhetorische Trick, mit dem Wulff seine ganz persönliche Affäre dann doch wieder ins Unpersönliche schiebt, ist das Wörtchen „man“. Bei ihm erhält es eine majestätische Dimension. „Man“ muss sich anders verhalten, „man“ wird bestimmte Mailboxen nicht mehr vollsprechen. „Man“ kann „ins Stolpern“ kommen, aber auch wieder aufstehen. „Man“ muss die „Irritationen“der letzten Wochen verstehen, in denen es „ein bisschen lebhafter“ zuging. Man kann aber auch - und hier kommt das wie ein Kaninchen im Hut versteckte Präsidentenamt wieder zum Vorschein - stolz sein auf ein „Interesse“, wie es „in den letzten sechzig Jahren“ nicht geweckt worden ist an den Neuigkeiten aus Schloss Bellevue: Alle Autogrammkarten sind vergriffen, selbst der Sternsinger-Empfang wurde live übertragen, die Einschaltquoten sprechen für sich. Aber auch für ihn?

          Nach einer Stunde wendet sich das Gespräch zur Ausgangsfrage zurück und gerät so in ruhigeres Fahrwasser. Jetzt ist Wulff, „unser gewählter Sinnstifter“, wie Joffe ihm schmeichelt, in seinem Element und kann über Föderalismus, Mitbestimmung, Toleranz, Vielfalt und Kurzarbeitergeld reden. Die hellblaue Krawatte unter dem dunkelblauen Anzug hat sich nicht gelockert, doch als er kurz vor Schluss erklärt, er befinde sich „in einer Veränderungsphase“, wirkt er schon sehr entspannt. Die schwarze Schuhspitze wippt dazu im Takt. Aber sofort hat er sie wieder im Griff.

          Quelle: F.A.Z.

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