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Wowereit in der Kritik Auf der falschen Party

Der neue Berliner Flughafen ist nur eine von vielen Baustellen in der Hauptstadt. Die Bewohner sehen das Debakel als Symptom und fragen sich, ob ihre Stadt überhaupt regiert wird.

© dpa Vergrößern Klaus Wowereit auf der Baustelle des Berliner Flughafens

Es gibt für all die Bewohner Berlins, die es nicht fassen können, dass die Eröffnung des neuen Flughafens auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, nur einen, schwachen Trost: dass die Eröffnung auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Noch lieber, so ist die Stimmung in der Stadt, wäre es den Berlinern, wenn die Eröffnung für immer abgesagt würde - kaum jemand freut sich auf den gigantischen Bau, der ja vor allem zu einem Zweck gut sein soll, nämlich die Reisezeiten, welche der Mensch, indem er das Flugzeug nimmt, verkürzen möchte, wieder zu verlängern: einerseits, weil die Anfahrtswege für die meisten Passagiere weiter werden; und andererseits, weil der Reisende, bevor er in das Flugzeug steigen darf, an all den Ladenzeilen und Duty Free Shops vorbei muss, welche die wahre Existenzgrundlage solcher Großflughäfen sind.

Gibt es überhaupt jemanden, der die Stadt regiert?

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Eine Politik, welche die Bedürfnisse der Menschen ernster nähme als die Absicht, sich selbst ein Denkmal zu errichten, hätte die drei Flughäfen, die es in Berlin noch gab, als Klaus Wowereit sein Amt antrat, behutsam modernisiert und besser miteinander verbunden. Und der Zorn, der Berlins Regierenden Bürgermeister so viel wuchtiger trifft als zum Beispiel jene, die fürs Debakel der Hamburger Elbphilharmonie verantwortlich sind, hat genau darin seine Ursache: dass man Leuten, die nicht einmal in der Lage sind, den Bau ihres eigenen Denkmals zu beaufsichtigen, auch sonst nicht mehr zutraut, die Probleme der großen und armen Hauptstadt in den Griff zu bekommen.

Der Flughafen ist nicht nur ein Desaster: er wird auch als Symptom gedeutet von all den Bewohnern Berlins, die sich immer ärgerlicher fragen, ob es überhaupt jemanden gibt, der diese Stadt regiere. Im Sommer rief eine Berliner Zeitung bei diversen Behörden an, um sich zu erkundigen, ob es einem diabolischen Plan entspreche, wenn nicht nur eine zentrale Ost-West-Verbindung durch Baustellen blockiert sei, sondern die Ausweichroute gleich mit. Sie bekamen die Auskunft, dass das noch niemandem aufgefallen sei. Es werde jetzt aber eine externe Agentur damit beauftragt, diese Planungen besser zu koordinieren.

Pampige Antworten

Die prominenteste Straßenkreuzung der Stadt, die Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden, bleibt, wenn alle pünktlich arbeiten, noch mindestens bis zum Herbst gesperrt. Man baut dort eine U-Bahn, die keiner braucht, weil einen Steinwurf entfernt die S-Bahn fährt. Dass eine der Hauptverkehrsadern, die Straße des 17. Juni, ungefähr hundert Tage im Jahr für den Verkehr geschlossen ist, weil jeder, der dort etwas zu feiern hat, dafür eine Genehmigung bekommt, daran haben sich die Berliner fast schon gewöhnt. Und dass es in diesem Winter noch zu keinem S-Bahn-Chaos kam, hat, genau wie die geringe Zahl gebrochener Beine auf vereisten Bürgersteigen, mehr mit dem milden Winter als mit dem Können der Verwaltung zu tun.

Und wer den Regierenden Bürgermeister aufs größte Problem der Stadt aufmerksam macht, der bekommt nur pampige Antworten zu hören: Die Immobilienpreise in den zentrumsnahen Vierteln steigen fast schon auf Münchner Niveau, die Mieten ziehen nach - ohne dass sich irgendwo die Aussicht auf Münchner Verdienstmöglichkeiten eröffnete. Der Senat nimmt die Entwicklung, die alle Kennzeichen einer Blase hat, als Vorahnung eines wirtschaftlichen Aufstieges hin. Und der grün regierte Bezirk Pankow möchte die Gentrifizierung des längst komplett gentrifizierten Prenzlauer Bergs damit verhindern, dass er Wohnungsbesitzern verbietet, ein Gästebad einzubauen.

Flughafen Berlin-Brandenburg Willy Brandt Die Baustelle am neuen Berliner Flughafen © dapd Bilderstrecke 

Mit Klaus Wowereit, dem Party-Bürgermeister und Urheber des Satzes, Berlin sei „arm, aber sexy“, hat sich einst die Hoffnung verknüpft, dass das alte, provinzielle, meist West-Berliner Establishment sich inspirieren ließe von all den absolut unprovinziellen Köpfen, die in den vergangenen zwanzig Jahren in die Stadt gekommen sind. Wenn Wowereit tatsächlich so aktiv am sozialen Leben der Stadt teilnähme, wenn er so lässig und unhierarchisch mit Menschen ins Gespräch käme, dann, so durfte man erwarten, würde er doch zwangsläufig die Architekten und Stadtplaner, die Urbanisten und Soziologen treffen, die ihm von Londoner oder New Yorker Erfahrungen berichten würden. Dann würde er doch erfahren, welche wundervollen Möglichkeiten der unvollendete und unfertige Zustand seiner Stadt für einen tatkräftigen Regierungschef bedeuteten.

Reizvolle Möglichkeiten

Anders als München oder Hamburg platzt Berlin eben nicht aus allen Nähten, weshalb dort Platz genug wäre, beides zu schaffen: die Viertel behutsam aufzuwerten und bezahlbaren Wohnraum für die vielen Armen zu erhalten. Anders als in anderen Hauptstädten ist die Autodichte sehr gering, weshalb moderne Verkehrskonzepte von den Bürgern dankbar angenommen würden. Und eine Stadt, die vor allem von Touristen und weniger von Geschäftsreisenden angeflogen wird, braucht auch ein anderes Flughafenkonzept, als es Frankfurt oder München braucht.

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Wenn es von all diesen reizvollen Unterschieden und Möglichkeiten ein Bewusstsein gibt, dann bekommt man es, als Bürger Berlins, jedenfalls nicht mit. Was den Zorn schürt, ist weniger, dass Wowereit auf so vielen Partys war. Er war anscheinend auf den falschen.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 10.01.2013, 11:49 Uhr

Geldregenmacher

Von Swantje Karich

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