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Erbe und Identität : Worauf können die Europäer stolz sein?

  • -Aktualisiert am

Aufnahme aus dem Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel Bild: dpa

Schämen sollen sie sich: Die Ausstellung im neuen Haus der Europäischen Geschichte ist nicht nur fehlerhaft, sondern der Idee einer gemeinsamen Identität sogar abträglich. Ein Gastbeitrag.

          Was ist das Erbe, was ist die Identität Europas? Worauf dürfen, worauf sollten wir stolz sein? Welche Werte haben Europa geprägt, wie wir es kennen? Im Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel erhält der Besucher auf diese Fragen leider keine umfassende Antwort. Stattdessen bekommt er ein neomarxistisches Narrativ vorgesetzt, das die komplexe Geschichte unseres Kontinents und die Vielfalt seines Erbes nicht widerspiegelt.

          Das Haus der Europäischen Geschichte, das unlängst eröffnet wurde, wurde auf intransparente Weise und ohne eine ernsthafte öffentliche Debatte vorbereitet, und bis heute ist unbekannt, wer der Autor des Drehbuchs war.

          Im Jahre 2012, in einer frühen Phase des Projekts, traf sich seine Chefin Taja Vovk van Gaal mit der Führung der „Plattform für das Gedächtnis und das Gewissen Europas“. Die Plattform vereint 55 Institutionen aus 19 Ländern Europas, den Vereinigten Staaten und Kanada, die sich mit der Erinnerung an die totalitären Systeme befassen; unter ihnen sind mehrere deutsche, darunter die Stasi-Unterlagen-Behörde BStU, vergleichbare Institutionen in den Ländern Mitteleuropas, Museen und Nichtregierungsorganisationen. Die Plattform bat damals ihre Zusammenarbeit an, Unterstützung bei der Erarbeitung der Dauerausstellung und der Nutzung des Potentials und der Erfahrung vieler Fachleute in verschiedenen Ländern. Dieses Angebot wurde jedoch abgelehnt.

          Ein niederschmetterndes Bild

          Im August dieses Jahres besuchten neunzehn Wissenschaftler aus neun Ländern im Rahmen einer Studienreise, von der Plattform organisiert, das Haus der Europäischen Geschichte. Nach einem mehrstündigen Aufenthalt in der Ausstellung konnten die Gäste, darunter ich selbst, ein Formular zur Evaluierung ausfüllen. Auf dieser Grundlage wurde ein umfassender Bericht erstellt, der am 6. November der Öffentlichkeit vorgestellt werden wird. Trotz ihrer Bitte an das Brüsseler Haus erhielten die Besucher keinen Zugang zur Gesamtheit der Texte der Dauerausstellung, die im Museum nur im Audio-Format abzurufen sind. Andere Interessierte, darunter auch Abgeordnete des Europäischen Parlaments, stießen auf ähnliche Probleme.

          Dennoch ließen sich viele Eindrücke zusammentragen. Das Bild, das sich aus der Analyse der Ausstellung ergibt, ist leider niederschmetternd. Ihre Schöpfer definieren ihre raison d’être folgendermaßen: „Das Ziel des Hauses der europäischen Geschichte besteht darin, zu einem besseren Verständnis der gemeinsamen Vergangenheit und der verschiedenen Erfahrungen der Menschen in Europa beizutragen. An diesem Ort können Sie unterschiedliche und gemeinsame Standpunkte in der europäischen Geschichte entdecken. Auf diese Weise wird dieses Haus zu einem Treffpunkt für Menschen aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten.“

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          Diese richtigen Worte werden in der Ausstellung leider nicht widergespiegelt. Sie ist das Gegenteil von Vielfalt und keine Darstellung verschiedener Standpunkte. Stattdessen erhält der Besucher ein stark ideologisiertes Narrativ, das sich auf eine neomarxistische Vision der Geschichte Europas stützt. In deren Sinne befindet sich Europa seit der Französischen Revolution auf dem Weg eines unaufhaltsamen Fortschritts mit Richtung auf eine ideale, klassenlose und der Nationen entledigte Gesellschaft.

          In einer solchen Erzählung gibt es praktisch keinen Raum für das, was vor der Französischen Revolution stattfand – etwa für die berühmte Trias der Grundlagen unserer Zivilisation, die griechische Philosophie, das römische Recht und den jüdisch-christlichen Geist. Zwar kommt jeder dieser Begriffe in der Ausstellung vor, jedoch nur als völlig marginale Erscheinung. Zwar wird die Philosophie als einer von vierzehn Begriffen anerkannt, die die Wurzeln Europas ausmachen, doch wird sie auf geradezu kuriose Weise vorgestellt: Die Gesamtheit philosophischen Denkens repräsentieren die Porträts zweier Gestalten, Aristoteles und Slavoj Žižek. Für Sokrates, Platon, Descartes, Kant, Hume oder Wittgenstein war kein Platz mehr.

          Fundamentale Begriffe fehlen

          Die Reihe der Begriffe, die den Ausstellungsmachern zufolge Erbe und Gedächtnis Europas definieren, ist ebenfalls überraschend. Es sind: Rechtsstaatlichkeit, Kapitalismus, Humanismus, Philosophie, Demokratie, Aufklärung, die Allgegenwart des Christentums, Staatsterror, Nationalstaat, Revolutionen, Kolonialismus, Völkermord, Sklavenhandel sowie Marxismus, Kommunismus und Sozialismus. Es ist schwer, für diesen Satz von Begriffen verschiedener Ebenen einen gemeinsamen Nenner zu finden; ebenfalls ist unverständlich, warum hier so fundamentale Begriffe wie Freiheit oder Liberalismus fehlen. Während Marxismus, Kommunismus und Sozialismus in der ganzen Ausstellung immer wieder auftauchen, zumeist mit sehr positiven Konnotationen, sind Adam Smith und John Locke völlig abwesend.

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