01.12.2008 · Das Erstaunliche an Woolworth ist weniger der Bankrott der Kette als die Tatsache, dass ein derart schlecht geführtes Unternehmen so lange überleben konnte. Der Niedergang aber trifft die Briten in der Seele.
Von Gina Thomas„Diamantenarmbänder verkauft Woolworths nicht, Baby, ich kann dir nichts als Liebe schenken“, hieß es in dem Schlager aus den späten zwanziger Jahren, eines von mehreren Liedern, zu denen die Ladenkette inspirierte. Luxusgüter gab es bei dem Discountverkäufer wahrlich nicht, dafür lauter Billigware, die ihren Zweck vorübergehend erfüllte wie die Lichterkette für den Weihnachtsbaum, die noch während der Festtage versagte.
Generationen von lernfaulen Schulkindern wuchsen mit der Drohung auf, dass sie hinter dem Tresen von Woolworth landen würden, wenn sie sich nicht anstrengten. Aber die schlechte Qualität der Läden mit ihrer grellen Neonbeleuchtung, den Polyesteruniformen der Verkäuferinnen und dem lieblos ins Regal gestellten Angebot hatte ihren eigenen Reiz. „Woolies“, wie die Kette zuneigungsvoll genannt wurde, ist, obwohl aus Amerika stammend, eine britische Institution geworden, nicht nur, weil man in der Kleinstadt oder im Vorort von der Glühbirne über Reißzwecken, Kinderkleidung und Küchentöpfe bis zum Adventskalender mit Schokolade fast alles in dem Laden fand. Bei Woolworths fühlten sich die Briten zu Hause, weil die Kette jene Wesenszüge spiegelte, die in den nüchternen Nachkriegsjahren den Aufschwung hemmte: eine gewisse Nachlässigkeit, um nicht zu sagen Apathie, die einherging mit der Bereitschaft, sich mit Minderwertigem abzufinden.
Schöne Kindheitserinnerungen
Das Erstaunliche an Woolworths ist weniger der Bankrott als die Tatsache, dass ein derart schlecht geführtes Unternehmen so lange überleben konnte. Der Niedergang aber trifft die Briten in der Seele. Er macht ihnen erst recht bewusst, wie schlecht es ihnen geht. Sie hatten damit gerechnet, auf den Luxus verzichten zu müssen, an den sie sich in den Jahren gewöhnt hatten, in denen ihnen die Kreditangebote hinterhergeworfen wurden. Nun, da sie den Gürtel enger schnallen müssen, glaubten sie gerade auf Läden wie Woolies zurückgreifen zu können.
Mit der Kette verbinden sich zudem für eine Vielzahl der Bevölkerung schöne Kindheitserinnerungen: wie man mit dem ersten Taschengeld vor den Pick- 'n'-Mix-Süßigkeiten stand und sich im Schlaraffenland wähnte, wie man als Teenager die erste Single-Schallplatte kaufte und glaubte, den Schritt ins Erwachsensein getan zu haben. Die Zuneigung für Woolworths empfand auch George Orwell. 1944 schrieb er ein paar Zeilen über „die guten alten Zeiten, als nichts bei Woolworths mehr als sechs Pennies kostete“ und er besonderen Gefallen fand an den jungen Rosenbüschen, die, wenn sie wuchsen, selten das waren, was auf dem Etikett gestanden hatte, ihm aber trotzdem viel Freude bereiteten. Woolworths stand bis heute für die „guten alten Zeiten“, die es vielleicht nie gegeben hat.