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Veröffentlicht: 19.12.2016, 22:33 Uhr

Wolfgang Tillmans als Musiker Das könnte den Herren der Welt ja so passen

Raus aus der Galerie, rein in den öffentlichen Raum: Wolfgang Tillmans ist das Dasein als Fotograf nicht mehr genug. Jetzt macht er auch noch Musik, und zwar ziemlich gute.

© dpa „Mir wachsen da im Moment ziemliche Kräfte, über die ich auch selbst staune“ sagt Wolfgang Tillmans.

Wolfgang Tillmans zeigte sich überrascht, als er Ende August einen von ihm produzierten Techno-Track in voller Länge auf dem Album „Endless“ des Rappers Frank Ocean wiederhörte. Die beiden hatten sich in Berlin bei einem Fototermin für das Magazin „Fantastic Man“ kennengelernt und sich bei einem Berghain-Besuch über Musik ausgetauscht, worauf Tillmans dem Gast ein paar Stücke geschickt hatte. Ocean hatte daraufhin gefragt, ob er einen Teil des Tracks „Device Control“ als Intro für sein visuelles Album verwenden dürfe. Tillmans fühlte sich geehrt. Dass Ocean das Stück auch noch am Ende des Albums in voller Länge ausspielen würde, ahnte Tillmans nicht. Eine bessere Anschubhilfe für die Zweitbetätigung des international gefragten Fotografen als Musiker hätte es kaum geben können.

„Device Control“, produziert in den Berliner Trixx-Studios, ist auch wirklich ein tolles Stück. Mit charmant-kantigem deutschem Akzent reiht Tillmans über einem stumpfen Stampfbeat und einem frivol hüpfenden Synthie-Muster in kehlig-verträumter Intonation erfundene Werbeslogans für Smartphones hintereinander: „With this Apple device / you can blur the border / between still and motion pictures“, oder: „The new Samsung Galaxy / allows you / to livestream your life“. Die Mischung aus Spott und Affirmation klingt erst mal beknackt, aber indem Tillmans sich intim-autoritär euphorisierende Werbesprache aneignet und an die Stelle subjektiven Ausdrucks stellt – was eine klassische Pop-Art-Geste ist –, entfacht er einen sardonischen Schauder darüber, wie weit die fetischisierten Spionagewerkzeuge in den eigenen Affekthaushalt eingegangen sind.

© YouTube/Wolfgang Tillmans Musikvideo Wolfgang Tillmans – Device Control

Schon im Juni hatte Tillmans, weitgehend unbemerkt, die EP „1986“ mit dem lässigen Disco-Knaller „Make It Up As You Go Along“ veröffentlicht. Nun hat er das Album „Fragile“ nachgereicht, auf Vinyl und zugleich als visuelles Album auf Youtube. Fragile ist auch der Name von Tillmans Bandprojekt, das Anfang des Jahres aus spontanen Jams mit einem Literaturwissenschaftler und einem Künstlerkollegen in New York hervorging.

Die libidinöse Beziehung zwischen Kamera und Performer

Die Aufnahmen für das Video entstanden in einer korridorförmigen Rauminstallation Tillmans’ in einer Ausstellung in Los Angeles mit gecasteten Performern, die spontan vor der Kamera zur Musik improvisierten. Mit einem schwerelos schönen Hula-Hoop-Tanz eröffnet die androgyne Karis Wilde das New-Wave-Stück „That’s Desire“, in dem Wolfgang Tillmans monoton auf einer Tonhöhe Liebesentzug beklagt, bevor die grandiose Rapperin Ash. B mit rauher Stimme einen kraftvoll swingenden Refrain hinpfeffert. In der Folge ist es vor allem das Model Hari Nef, das mit seinem eindringlichen „teenage angst“-Blick Ehrfurcht einflößt. Auch Tillmans selbst ist singend zu sehen, beim Rennen auf der Stelle und beim Bruce-Nauman-mäßigen In-die-Ecke-Beugen.

Eine enge Raumflucht, eine Boombox und eine Lichtprojektion mit wechselnden Pastelltönen genügten für die Produktion bewusst armer Bilder, die die libidinöse Beziehung zwischen Kamera und Performer offenlegen. Das passt zur Musik, die im Geiste der offenen Form einen teils fast unbeholfenen Amateurcharakter bewahrt, als sollte sie sagen: Ich hab das hier jetzt mal gemacht, aber Ihr könnt das auch.

© YouTube/Wolfgang Tillmans Musikvideo Wolfgang Tillmans - Make It Up As You Go Along

Gegen Geschlossenheit arbeiten auch die eklektischen Stilwechsel an, auch wenn als Folie zwischen den Joy-Division-haften Bass- und Gitarren-Pickings klar Tillmans’ musikalische Sozialisation durch Punk und New Wave durchklingt: Nach dem nervösen Stück „Fast Lane“, das Tillmans 1986, also als Achtzehnjähriger, aufnahm, geht das Tempo runter, und die Sprache wechselt: „Das könnte den Herren der Welt ja so passen / wenn erst nach dem Tod Gerechtigkeit käme / erst dann die Herrschaft der Herren / erst dann die Knechtschaft der Knechte / vergessen wäre für immer!“ Es handelt sich um das „Andere Osterlied“ des heute 95-jährigen Schweizer Pfarrers und Schriftstellers Kurt Marti, dessen Aufgreifen hier durchaus vor den Zeitereignissen Brexit und Trump-Wahl zu verstehen ist.

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Im Sommer hatte der langjährige Wahllondoner mit einer Reihe selbstgestalteter Plakate die stilbewusste Jugend Großbritanniens aufgerufen, gegen den Brexit zu stimmen. Das letzte Stück des Albums „Naive Me“ handelt vom Schock, dass „das Unvorstellbare“ eingetroffen sei. Wie die Posterkampagne ist das Veröffentlichen von Musik ein weiterer Schritt in einer Öffnung von Tillmans künstlerischer Praxis zu Formen, die das Ausstellungsformat und die Rolle des Bildenden Künstlers überschreiten. Mit seinem Umzug von London nach Berlin 2014 eröffnete er dort auch seinen Projektraum „Between Bridges“ neu und lud zunächst zum Hören von Musik auf einer herausragenden Musikanlage. Seit Anfang dieses Jahres widmet er den Raum politischen Diskussionen.

Dass all diese Aktivitäten parallel zu den zahlreichen Ausstellungen stattfinden – im Februar eröffnet etwa seine Retrospektive in der Londoner Tate Modern –, wundert Tillmans selbst: „Mir wachsen da im Moment ziemliche Kräfte, über die ich auch selbst staune.“ Wie man solche Kräfte in Zeiten des Selbstverlags und des mobilen Aufnahmestudios einfach laufen lassen und dabei einen Funken Wahrhaftigkeit schaffen kann, ohne das Rad neu erfinden zu müssen, führt Tillmans beispielhaft vor.

© YouTube/Wolfgang Tillmans Musikvideo Wolfgang Tillmans – Fragile
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