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Ab- und Umläufe : Da geht noch was

Was so seine Bahnen zieht: Der Kapitalismus läuft rund, erklärt Wolfgang Streeck. Die Gesellschaft selbst sollte dies eigentlich auch, doch läuft sie eher im Kreis.

          Älterwerden heißt, dass mehr aufhört als anfängt. Der berühmte, stockende Satz von Hanno Buddenbrook, „Ich glaubte..., ich glaubte..., es käme nichts mehr“, war darum so anrührend, weil ihn ein Kind sagte, für das doch das meiste eigentlich erst noch kommen sollte. Im Roman bezog er sich auf das Familienunternehmen. Jetzt wird in Bezug auf die ganze Gesellschaft geglaubt, da komme nichts mehr. Wolfgang Streeck, einst soziologischer spin doctor der Agenda 2010, hat einen Aufsatz geschrieben, den die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ unter dem unfreiwillig heiteren Titel „Das Ende des Kapitalismus in zwei Teilen: Blätter 3+4/2015 – nur zehn Euro!“ bewerben.

          Darin erklärt Streeck zwar, nicht über die Fähigkeit der Vorhersage zu verfügen, wann und wie der Kapitalismus verschwinden wird und was danach kommt. Aber dass er verschwinden wird, ist ihm klar. Denn für Streeck leidet die Gesellschaft an zu vielen von ihrer Wirtschaft ausgelösten Krisen, als dass sie so bleiben könnte, wie sie ist. Die Tatbestände sind bekannt: Klimawandel, Staatsbankrotte, Wachstumsschwäche, ungleicher Wohlstand, Erosion der Demokratie. Jeder Triumph, den der Kapitalismus feiere, zerstöre die Gegenkräfte, deren er bedürfe, um akzeptabel zu sein: nichtkommerzialisierte Zonen, steuerungsfähige Politik, kollektiv organisierte Interessen.

          Das alles werde nicht durch eine Revolution samt neuer Gesellschaftsordnung beendet. Der Kapitalismus werde nur immer unhaltbarer. Im Grunde ist das die geschichtsphilosophische Variante eines von keiner Jenseitshoffnung und keinem Zutrauen in die Nachkommen beleuchteten und zudem in jeder Erwartungsdimension enttäuschten Älterwerdens. Man weiß nicht, wie es kommt und wann es kommt; man weiß nur, dass es irgendwann endet und jedenfalls so nicht immer weitergeht. Und man denkt an Zeiten, in denen die eigenen Illusionen – keynesianische Fiskalpolitik, Sozialdemokratie mit starken Umverteilungseffekten – wenigstens noch unverloren waren.

          Eigentlich lebt solch ein Denken auf interessante Weise mehr (enttäuscht) in der Vergangenheit und (verzweifelt) in der Zukunft als in der Gegenwart. Von ihr sieht es nur die völlige Unkenntnis, wie zu erreichen wäre, dass der Kapitalismus „wieder rundlaufe“ (Streeck). Hier steht er vor uns, der Melancholiker. Die Gesellschaft selbst soll wieder rundlaufen. Als hätte sie es jemals getan. Als wäre sie ein aus der Bahn geratener Planet, dem nun Schlimmeres als eine temporäre Sonnenfinsternis droht, nämlich ewige Götterdämmerung. Es sind nur deine Götter, die Sonnen deiner Jugend, möchte man ihm zurufen, die da verdämmern. Bleibe darum Forscher, zweiteiliger Halbprophet, korrigiere die Erwartungen.

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