Wolfgang Leonhard gilt als einer der besten Kenner des Sowjetsystems. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über den Stalinismus, Walter Ulbricht und seine Reise mit der „Gruppe Ulbricht“ nach Deutschland.
Herr Professor Leonhard, was haben Sie am 8. Mai 1945 gemacht?
Ich war Mitglied der „Gruppe Ulbricht“ in Berlin, wir bauten die Bezirksverwaltungen auf. Am 8. Mai hörten wir, daß wir nicht mehr nach Bruchmühle zurückkehren, sondern in Lichtenberg in der Prinzenallee 80 wohnen würden und den zentralen Magistrat für Berlin organisieren sollten. Dann wurden wir Zeugen, wie für die Kapitulation große Triumphbögen hergestellt wurden. Denn die Kapitulation fand ja nach sowjetischer Darstellung nicht am 8. Mai statt, sondern am 9. Mai. Berlin war damals vollständig unter sowjetischer Kontrolle - auch alle Uhren zeigten Moskauer Zeit.
Wie alt waren Sie damals?
Vierundzwanzig.
Wie lange waren Sie schon in Berlin und Umgebung?
Acht Tage. An jenem 30. April, der jetzt so berühmt ist als letzter Tag Hitlers im Führerbunker mit Hochzeit, Testament und anschließend seinem Selbstmord, wurden wir, die „Gruppe Ulbricht“, früh um sieben Uhr in Moskau vom Hotel Lux zum Flughafen gefahren, in ein amerikanisches Flugzeug gesetzt und nach Deutschland gebracht.
Haben Sie sich überlegt, als Sie da nach Berlin flogen, was passieren würde, wenn man Hitler lebend aufgriffe?
Über Hitler wurde überhaupt nicht gesprochen. Auch sein Tod war für uns kein Thema. In typisch kommunistischer Entpersönlichung galt: Es geht um ein System, ein faschistisches System. Hitler selbst hat uns kaum interessiert.
Sie blickten nach vorne und wollten in dem von den Sowjets besetzten Teil Deutschlands einen kommunistischen Staat aufbauen?
Nein, das war eben nicht unsere Aufgabe. Das stellte sich später so dar. Aber damals wurden wir eisern beschworen, daß es sich um ein einheitliches Deutschland handelt. Die Anti-Hitler-Koalition, also das Bündnis der Westmächte mit der Sowjetunion, sei unbedingt zu verteidigen, nur Nazis wollen uns gegeneinander ausspielen. Es würde ein Mehrparteiensystem geben. Es ging sogar so weit, daß in den Instruktionsreferaten in Moskau das Wort Kommunisten nicht mehr vorkam. Wir waren nicht mehr Kommunisten, wir waren plötzlich „antifaschistisch-demokratische Kräfte“.
Wie sind Sie denn überhaupt nach Moskau gekommen? Wie sind Sie in die „Gruppe Ulbricht“ geraten?
Ich bin der Sohn einer kommunistischen Schriftstellerin, Susanne Leonhard, die mit Rosa Luxemburg, vor allem aber mit Karl Liebknecht eng befreundet war, aktives KP-Mitglied, bis sie 1925 aus der Partei austrat, wobei sie aber eine „Nichtparteikommunistin“ blieb. Ich wurde 1931 als Zehnjähriger Mitglied der Jungen Pioniere, bekam das Halstuch, „seid bereit, immer bereit“, sang die kommunistischen Lieder und machte Wahlpropaganda für die KPD, mit so einer besonderen Kreide, die man nicht abwaschen konnte. Ich wurde 1933 sofort aus Deutschland weggeschickt, nach Stockholm in ein Landschulheim. Meine Mutter blieb, um ihrer antifaschistischen Tätigkeit nachzugehen, in Deutschland. 1935 besuchte sie mich, und während der Zeit flog ihre Gruppe auf. Sie konnte nicht mehr zurück, in Schweden konnten wir leider nur noch sechs Wochen bleiben, und da fragte sie mich: „Du bist doch ein großer Junge. Wir können nach Manchester gehen oder nach Moskau?“ Ich habe geantwortet: „Blöde Frage, natürlich Moskau.“
Aber Sie haben Moskau dann ja erlebt. Ihre Mutter ist nach Workuta deportiert worden, nach 1935. Sind Ihnen da keine Zweifel gekommen?
Absolut. Ich habe wahrscheinlich unter den Jugendlichen mit am meisten am Stalinismus gezweifelt. Aber es gab ja zwei Ebenen. Auf der grundsätzlichen Ebene war ich dafür. Marxismus-Leninismus ist die überlegene Weltanschauung, weil sie wissenschaftlich ist. In der Sowjetunion gibt es leider Fehler, Überbleibsel der Vergangenheit, und da passieren dann ungeklärte Dinge. Aber plötzlich gab es die große Säuberung, eine Massenverhaftung, zwischen dreieinhalb und fünfeinhalb Millionen Menschen in zwei Jahren. Das neue und wichtige war, die treuesten Anhänger wurden verhaftet, nicht die Gegner, sondern die Anhänger, die Aktivisten. Darunter dann am 26. Oktober 1936 auch meine Mutter. Man wußte schon immer, was das heißt: Verhaftet, und man hört nichts mehr.
Wie lange haben Sie dann nichts mehr von Ihrer Mutter gehört?
Ungefähr acht Monate. Sie kam Ende 1936 nach Workuta, damals hieß es Workut-stroi. Sie hatte zunächst fünf Jahre bekommen. Das war damals die Mindeststrafe.
Ihre Mutter hat Zwangsarbeit geleistet?
Ja. Workuta, das war Holz und Kohle, Arbeit im Bergwerk unter unglaublichen Bedingungen, aber sie war eben von einer eisernen Konstitution und hat alles überstanden.
Wann haben Sie Ihre Mutter wiedergesehen? An was für einem Tag war das? Können Sie sich daran erinnern?
Im August 1948 hatte ich Urlaub in Zinnowitz, einem Ort an der Ostsee. Ich war damals Lehrer an der SED-Parteihochschule. Plötzlich bekomme ich einen Anruf: „Deine Mutter ist zurückgekommen.“
Sie sind ja, und das ist Ihr Anteil an dieser kafkaesken Situation in Moskau, im Hotel Lux gewesen, in dem sich furchtbare Episoden von Verrat und Denunziation und Infamie ereignet haben, Herbert Wehner ist da das Stichwort. Wie erinnern Sie sich an das Hotel Lux?
Das Hotel Lux war die Zitadelle der Weltrevolution. Davon hatte ich aber keine konkrete Vorstellung. Ich kam erst im Sommer 1943, nach Beendigung der Kominternschule, ins Hotel Lux, als jüngerer, beginnender Nachwuchsfunktionär. Ich wohnte nicht im Haupthaus, sondern in einem recht einfachen Haus im Hof, das aber zum Hotel gehörte.
Haben Sie Herbert Wehner dort gesehen?
Nein, Herbert Wehner gab es überhaupt nicht in der Sowjetunion, der hieß Kurt Funk. Ich habe ihn in der Sowjetunion persönlich nie kennengelernt. Von Kurt Funk hörte ich Ende 1942 in der Kominternschule in Baschkirien: „Der Verrat des Renegaten Kurt Funk“. Persönlich lernte ich ihn kennen im November 1950, als ich in die Bundesrepublik Deutschland kam.
Mitte der vierziger Jahre sind Sie als Nachwuchskader geschult worden, um später nach Kriegsende nach Deutschland geschickt zu werden, oder was war die Perspektive?
Die Kominternschule sollte von 1942 bis 1943 rechtzeitig Funktionäre ausbilden, die nach dem Zusammenbruch des Faschismus in den Ländern tätig zu sein hätten. Darum gab es eine deutsche Sektion, eine österreichische, eigentümlicherweise auch eine sudetendeutsche. Dann Spanier, Italiener, Franzosen und manch andere. Das war Politikwissenschaft in etwas praktischer Art: Wie fälscht man Dokumente, wie überschreitet man Grenzen, wie verhält man sich in der illegalen Arbeit, wie stellt man Flugblätter unter illegalen Bedingungen her? Solche Dinge, die im allgemeinen an westlichen Universitäten nicht zum Bereich Politikwissenschaft gehören.
Sie sind dann in die „Gruppe Ulbricht“ gekommen. Wie sind Sie in die Gruppe gekommen?
Ja, das möchte ich auch wissen. Ich beendete im Sommer 1943 die Kominternschule wie alle anderen auch. Die Komintern wurde ja aufgelöst. Dann kamen wir nach Moskau und wurden aufgeteilt. Man bewirbt sich nicht in der Sowjetunion Stalins, man wird aufgeteilt und stellt niemals eine Frage. Bei mir hieß es: „Du gehst in das Institut Nummer 99.“ Das, stellte sich heraus, war die Moskauer Außenstelle des Nationalkomitees Freies Deutschland. Da meldete ich mich bei Rudolf Herrnstadt. Ich war da so ein besserer Laufjunge oder beginnender Texter der Wochenzeitung „Freies Deutschland“ unter Herrnstadt.
Die erste journalistische Tätigkeit, die mir aufgegeben wurde, war, jede Woche die Bombardierungen zusammenzustellen. Plötzlich, ohne daß ich wußte, warum, nahm Anton Ackermann mich mit und sagte: „Du bist jetzt Rundfunksprecher des Senders Freies Deutschland.“ Wir waren gegen Hitler und das NS-System - aber das Wort Sozialismus kam nicht vor, Marx und Engels kamen nicht vor, Ernst Thälmann kam nicht vor, Kommunisten gab es überhaupt nicht, Sozialdemokraten auch nicht, sondern wir waren national, so national, wie man es heute in Deutschland kaum noch sein kann. So erlebte ich das letzte Kriegsjahr in Moskau.
Als Sie in Moskau zur „Gruppe Ulbricht“ stießen - waren Sie da mit Ulbricht zusammen, und was war Ulbricht für ein Mensch?
Wie immer wurde man ganz spät informiert. Am 27. April 1945, ich sitze im Studio des Nationalkomiteesenders, der Anruf: „Leonhard, sofort zu Ulbricht ins Hotel Lux kommen, das und das Zimmer, sofort nach der letzten Sendung.“ Und da war Ulbricht und sagte: „Ah gut, Genosse Leonhard, also wir fahren nach Deutschland“, völlig gefühllos, wie immer. „Es sind noch ein paar praktische Fragen zu regeln. Du müßtest dich neu einkleiden im Institut 205. Am besten komm doch in zwei Tagen wieder, dann gibst du die ganzen Dokumente ab. Am 29. April werden wir bei Wilhelm Pieck sein.“ Es war der gemütlichste Abend, den ich je in der Sowjetunion verbracht habe. Jeder hatte ein Wodkagläschen, und plötzlich sagte Wilhelm Pieck: „Auf unsere zukünftige Arbeit in Deutschland!“
Was haben Sie in Moskau mitbekommen von den Greueln, die sich unter der Herrschaft des Dritten Reiches abspielten, von Konzentrationslagern und von Massenvernichtung?
1942 und 1943 bekamen wir ziemlich genau mit, was es mit den grauenvollen Konzentrationslagern auf sich hatte, nur etwas verschoben: Die Vernichtung der Juden wurde fast nie erwähnt. Man sprach von der Vernichtung der Slawen, vom antislawischen Terror gegen die Völker, und alle progressiven Kräfte, hieß es, würden besonders verfolgt.
War Ihnen der Name Auschwitz vor 1945 geläufig?
Von Auschwitz haben wir ziemlich spät gehört, aber der Name wurde dann bekannt.
Sie kamen also mit dieser „Gruppe Ulbricht“ in den letzten Tagen und Wochen des Krieges nach Deutschland. Wie war die Situation? Wohin sind Sie von Moskau geflogen?
Am Abend bei Wilhelm Pieck am 29. April, wir sitzen noch zusammen, sagt Ulbricht: „Morgen früh um sechs geht es los, neben dem Eingang Hotel Lux.“ Ich war um sechs Uhr da, und wir fuhren zum Flughafen. Ich wußte überhaupt nicht, wo ich hinkomme. Man stellte ja keine Fragen. Während des Fluges sagte Ulbricht nur: „Das mit dem Wladimir, das ist schlecht, hast du keinen deutschen Vornamen?“ Ich sagte: „Na gut, Wolfgang.“ „Na, dann bist du eben der Wolfgang.“
Das heißt, Sie haben sich diesem stalinistischen System nicht richtig linientreu eingefügt?
Nein, ich war in sehr vielen Dingen kritisch, aber noch nie so hoffnungsvoll wie am 30. April 1945. Die eine Hoffnung war, in Deutschland wird es kein Sowjetsystem geben, sondern eine antifaschistisch-demokratische Republik mit großen Selbständigkeitstendenzen. Die zweite Hoffnung war eigentlich noch stärker: In dem Moment, wo der Hitlerfaschismus besiegt ist, wird es in der Sowjetunion freier, toleranter. Die Lager werden geöffnet, die unschuldig Verhafteten kehren zurück, die Kollektivwirtschaften werden aufgelöst, die Kirchen legalisiert. Es wird keine Parteikontrolle über Kunst und Literatur mehr geben. Das wurde von der Stalinführung sehr geschickt lanciert und war ein Ansporn zu kämpfen: nicht nur für Freiheit und Unabhängigkeit des Landes, sondern für ein anderes, besseres Leben. Daran habe ich geglaubt.
Sie schulden uns noch eine Antwort auf die Frage, wer Ulbricht war. Wenn er hier mit uns am Tisch säße, wie würden wir ihn erleben? Wie würde man diesen Mann beschreiben?
Positiv: sehr fleißig, ein genaues Gedächtnis, interessiert sich für Personalfragen - Lieblingsausdruck: „Den nehmen, den stecken wir“ -, Organisationsfragen, eine gewisse Bauernschläue. Er sieht sich die „Prawda“ an und sagt: „Aha, der Kreml will das und das.“ Also: taktisch, organisatorisch - für alle anderen Sachen kein Interesse. Kein Interesse für Bücher, für Literatur, für Gemälde, für Musik, nichts. Ich denke um Gottes willen nicht, daß jeder für alles Interesse haben sollte, aber vielleicht doch ein Schnippelchen von irgend etwas.
Sie landeten in Deutschland am 30. April.
Am 30. April landeten wir östlich der Oder-Neiße-Linie im polnischen Kalawa, das früher als Calau zu Deutschland gehörte. Wir landeten auf einem Feldflugplatz, dann kam ein Wagen mit einem hohen sowjetischen Offizier, der sah Ulbricht, umarmte ihn, und uns nickte er kurz zu, Hierarchie ist stets wichtig. Dann sagte er: „Genossen, ich fahre jetzt mit Ulbricht weg, keine Angst, ihr werdet bis zur nächsten Kommandantur gefahren, leider in einem Lastwagen, aber von dann an wird alles gut sein.“
Plötzlich kam ein Lastwagen, und von da fuhren wir nach Skwierzyna. Da befand sich eine große Sowjetkommandantur. Alle Soldaten und Kommandeure standen höflich auf, und der Kommandant sagte: „Wir freuen uns sehr, die neue deutsche Regierung begrüßen zu dürfen.“ Mir wurde es heiß und kalt, und Hans Mahle sagte: „Wir sind das nicht.“ Aber nachdem er das gesagt hatte, da glaubten die Offiziere es erst recht. Wir wurden fabelhaft behandelt, und am nächsten Morgen stand für jeden von uns ein Wagen bereit - jeder mit einem sowjetischen Chauffeur, einem sowjetischen Offizier und einem roten Armeewimpel für jeden von uns. Wir fuhren zunächst nach Küstrin und dann über die Seelower Höhen. Das war am 1. Mai. Wir fuhren genau die Strecke, die die sowjetische Armee fünfzehn Tage zuvor erobert hatte, und sahen die vielen Zerstörungen. Dann erreichten wir Strausberg. Strausberg war das Inferno damals, der Hauptknotenpunkt der vorrückenden sowjetischen Armee.
Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Deutschen? Sie kamen ja sozusagen als Triumphator zurück in dieses Land.
Die erste Begegnung war in Bruchmühle. Um neun Uhr klopft zaghaft eine zitternde Frau an und spricht gebrochen, weil sie natürlich denkt, das sind ganz wichtige Russen, die hier angekommen sind, und sagt: „Ich soll hier aufräumen.“ Ich antworte: „Wir können ganz ruhig deutsch sprechen, und aufräumen tue ich selbst. Bitte setzen Sie sich, Sie sind die erste Deutsche, die ich sehe.“ Dann unterhalte ich mich mit ihr. Sie meinte: „Jetzt ist es ja schön, aber die ersten Wochen waren entsetzlich, was wir so durchgemacht haben.“ Ich frage: „Was haben die Nazis noch angestellt?“ Da erzählte sie über die Vergewaltigungen beim Einmarsch der Russen. Das habe ich also schon nach der ersten Nacht in Deutschland gehört.
Wie haben Sie begonnen, mit der „Gruppe Ulbricht“ eine Verwaltung aufzubauen?
Am ersten Tag in Berlin, dem 2. Mai, konnte man überhaupt noch nichts machen. Es brannte überall lichterloh. Abends erklärte uns Ulbricht auf einer Sitzung, was wir zu tun hätten. Wir sollten in allen zwanzig Berliner Bezirken funktionierende Verwaltungen aufbauen nach dem Schema: so viele Sozialdemokraten wie möglich. Zweitens: in allen bürgerlichen westlichen Bezirken einen bürgerlichen Verwaltungsbeamten mit Doktortitel, der bereit ist, mit uns zusammenzuarbeiten, und einen Geistlichen, der den Kirchenbeirat leiten soll. Das alles in möglichst kurzer Zeit.
Irgend jemand fragte: „Und unsere Genossen?“ Darauf Ulbricht: „Unsere Genossen nur auf drei Positionen: den stellvertretenden Bezirksbürgermeister, den Dezernenten für Personalfragen, also Kaderfragen, und den Dezernenten für Bildung.“ Und schmunzelnd: „Die Jugend würde auch noch dazugehören und später natürlich die Polizei. Nun macht mal los!“ Ich bekam den Bezirk Wilmersdorf im britischen Sektor. Der erste auf meiner Namensliste war Wolfgang Harich. Aber ich sollte ja einen Bürgerlichen mit Doktortitel einsetzen, das war gar nicht so einfach. In drei Tagen ist es mir dann gelungen.
Wie lange haben Sie dann in dieser „Gruppe Ulbricht“ und dem, was daraus wurde, gearbeitet, und wann und warum haben Sie sich abgesetzt?
Seit Mitte Juli gab es die interalliierte Kommandantur. Da staunte ich Bauklötze. Denn das erste, was die interalliierte Kommandantur festlegte, war: Befehl Nummer eins. Alle Maßnahmen, die bisher im Einvernehmen mit oder im Auftrag der sowjetischen Militärmacht installiert worden sind, bleiben bis auf weiteres erhalten. Das hatte Ulbricht uns schon vorher gesagt, aber ich sagte mir: „So blöd werden die westlichen Alliierten wohl nicht sein.“ Aber er hatte recht, alles blieb. Ich war am Anfang optimistisch. Ich glaubte, daß ich dabei war, ein antifaschistisch-demokratisches Deutschland mit aufzubauen.
Zum ersten Mal erlebte ich die vier Parteien, das war ja für mich, aus der Sowjetunion kommend, etwas vollkommen Neues. Wir hatten also KPD, SPD, CDU und dann noch die LDPD - vier Parteien mit unterschiedlichen Zeitungen und anfangs noch lockeren Gesprächen. Aber schon im Herbst 1945 begann das kritische Denken bei mir wieder stärker zu werden, besonders bei der Vereinigung von SPD und KPD. Am 21. und 22. April 1946 war ich im Admiralspalast bei der Gründung der SED. Mußte es wirklich eine Einheitspartei sein, wäre nicht freundschaftliche Zusammenarbeit der beiden Linksparteien besser gewesen? Ich begann erneut zu zweifeln. Mit jedem Monat wurde es schlimmer und schlimmer. Immer mehr Sowjetunion, immer häufiger Lenin, schließlich Stalin auf Parteigebäuden. Von September 1947 an bis 1948 kam ein Schlag nach dem anderen.
Und Sie haben sich dann abgesetzt?
Ja, ich habe seit Sommer 1948 unter Lebensgefahr die Flucht vorbereitet. Ob Deutschland gespalten war oder einheitlich, darum ging es mir nicht, sondern: Hier gibt es keine antifaschistische Demokratie, hier wird ein Stalinsystem auf deutschem Boden errichtet. Und da soll ich mitmachen? Nein danke. Ich habe gehofft, irgend jemand wird doch mal dagegen protestieren, und dann kam Tito. Die jugoslawischen Kommunisten weigerten sich, sowjetische Befehle auszuführen. Da war mir klar: Ich bin für die Jugoslawen.
Ich traf mich im geheimen mit Jugoslawen, wobei das groteske ist, daß unser Lieblingstreffpunkt der Bahnhof Zehlendorf im amerikanischen Sektor war. Kritische Kommunisten mußten sich im amerikanischen Sektor treffen, weil man sich sonst nicht treffen konnte. Ich wollte nach Jugoslawien, um zu zeigen, es gibt einen anderen Weg zum Sozialismus. Gott sei Dank hatte ich als hoher Funktionär Geld, und Gott sei Dank wußte ich, wie man illegal Grenzen überschreitet. So bin ich am 12. März 1949 von der SED-Parteihochschule, wo ich damals Lehrer war, nach Dresden und von Dresden in Richtung Bad Schandau, immer näher zur tschechoslowakischen Grenze. An einem bestimmten Ort traf ich mich wie verabredet mit den Schmugglern. Am nächsten Morgen war ich zwar noch nicht in Freiheit, sondern in der Tschechoslowakei. Ich kam am 25. März 1949 in Jugoslawien an, in einem Land mit roten Fahnen und einer kommunistischen Partei - die gegen Stalin war und vollkommen neue Wege ging.
Wolfgang Leonhard, der Sohn einer Kommunistin, die im sowjetischen Exil für insgesamt zwölf Jahre ins Lager kam, hat die Aufschwünge und den Niedergang der marxistischen Utopie wie kaum ein anderer erlebt. Er gilt als einer der besten Kenner des Sowjetsystems. Als Angehöriger der legendären „Gruppe Ulbricht“ gehörte er zu den ersten Emigranten, die - noch vor der Kapitulation - nach Deutschland zurückkehrten, um dort eine neue Ordnung aufzubauen.
Eine antifaschistisch-demokratische, wie man damals glauben konnte, in Wahrheit eine stalinistische, wie sich bald darauf erwies. Leonhard konnte sich Ende der vierziger Jahre zunächst nach Jugoslawien absetzen, das damals in Moskau in Ungnade gefallen war, und den Traum von einem freien Sozialismus noch einige Zeit hegen, bevor er sich zu einer Übersiedlung in die Bundesrepublik entschloß und damit seinen Abschied von der Utopie besiegelte. Zu seinen bekanntesten Büchern gehört das Werk „Die Revolution entläßt ihre Kinder“.
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