http://www.faz.net/-gqz-qclf

Wolfgang Leonhard : Du gehst in das Institut Nummer 99

  • Aktualisiert am

Wolfgang Leonhard im Jahre 1956 Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Wolfgang Leonhard gilt als einer der besten Kenner des Sowjetsystems. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über den Stalinismus, Walter Ulbricht und seine Reise mit der „Gruppe Ulbricht“ nach Deutschland.

          Wolfgang Leonhard gilt als einer der besten Kenner des Sowjetsystems. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über den Stalinismus, Walter Ulbricht und seine Reise mit der „Gruppe Ulbricht“ nach Deutschland.

          Herr Professor Leonhard, was haben Sie am 8. Mai 1945 gemacht?

          Ich war Mitglied der „Gruppe Ulbricht“ in Berlin, wir bauten die Bezirksverwaltungen auf. Am 8. Mai hörten wir, daß wir nicht mehr nach Bruchmühle zurückkehren, sondern in Lichtenberg in der Prinzenallee 80 wohnen würden und den zentralen Magistrat für Berlin organisieren sollten. Dann wurden wir Zeugen, wie für die Kapitulation große Triumphbögen hergestellt wurden. Denn die Kapitulation fand ja nach sowjetischer Darstellung nicht am 8. Mai statt, sondern am 9. Mai. Berlin war damals vollständig unter sowjetischer Kontrolle - auch alle Uhren zeigten Moskauer Zeit.

          Wie alt waren Sie damals?

          Vierundzwanzig.

          Wie lange waren Sie schon in Berlin und Umgebung?

          Acht Tage. An jenem 30. April, der jetzt so berühmt ist als letzter Tag Hitlers im Führerbunker mit Hochzeit, Testament und anschließend seinem Selbstmord, wurden wir, die „Gruppe Ulbricht“, früh um sieben Uhr in Moskau vom Hotel Lux zum Flughafen gefahren, in ein amerikanisches Flugzeug gesetzt und nach Deutschland gebracht.

          Haben Sie sich überlegt, als Sie da nach Berlin flogen, was passieren würde, wenn man Hitler lebend aufgriffe?

          Über Hitler wurde überhaupt nicht gesprochen. Auch sein Tod war für uns kein Thema. In typisch kommunistischer Entpersönlichung galt: Es geht um ein System, ein faschistisches System. Hitler selbst hat uns kaum interessiert.

          Sie blickten nach vorne und wollten in dem von den Sowjets besetzten Teil Deutschlands einen kommunistischen Staat aufbauen?

          Nein, das war eben nicht unsere Aufgabe. Das stellte sich später so dar. Aber damals wurden wir eisern beschworen, daß es sich um ein einheitliches Deutschland handelt. Die Anti-Hitler-Koalition, also das Bündnis der Westmächte mit der Sowjetunion, sei unbedingt zu verteidigen, nur Nazis wollen uns gegeneinander ausspielen. Es würde ein Mehrparteiensystem geben. Es ging sogar so weit, daß in den Instruktionsreferaten in Moskau das Wort Kommunisten nicht mehr vorkam. Wir waren nicht mehr Kommunisten, wir waren plötzlich „antifaschistisch-demokratische Kräfte“.

          Wie sind Sie denn überhaupt nach Moskau gekommen? Wie sind Sie in die „Gruppe Ulbricht“ geraten?

          Ich bin der Sohn einer kommunistischen Schriftstellerin, Susanne Leonhard, die mit Rosa Luxemburg, vor allem aber mit Karl Liebknecht eng befreundet war, aktives KP-Mitglied, bis sie 1925 aus der Partei austrat, wobei sie aber eine „Nichtparteikommunistin“ blieb. Ich wurde 1931 als Zehnjähriger Mitglied der Jungen Pioniere, bekam das Halstuch, „seid bereit, immer bereit“, sang die kommunistischen Lieder und machte Wahlpropaganda für die KPD, mit so einer besonderen Kreide, die man nicht abwaschen konnte. Ich wurde 1933 sofort aus Deutschland weggeschickt, nach Stockholm in ein Landschulheim. Meine Mutter blieb, um ihrer antifaschistischen Tätigkeit nachzugehen, in Deutschland. 1935 besuchte sie mich, und während der Zeit flog ihre Gruppe auf. Sie konnte nicht mehr zurück, in Schweden konnten wir leider nur noch sechs Wochen bleiben, und da fragte sie mich: „Du bist doch ein großer Junge. Wir können nach Manchester gehen oder nach Moskau?“ Ich habe geantwortet: „Blöde Frage, natürlich Moskau.“

          Weitere Themen

          Russland rechnet mit Merkel

          Bundestagswahl : Russland rechnet mit Merkel

          In Moskau wird über die Bundestagswahl in viel milderem Ton gesprochen, als über die Präsidentenwahlen in Amerika und Frankreich. Man will Berlin schließlich wieder als Partner gewinnen.

          Topmeldungen

          Merkels CDU siegt schwach : Krampf statt Zauber

          Merkel kann Kanzlerin bleiben, wenn es ihr gelingt, ein schwarz-gelb-grünes Bündnis zu schmieden. Das wird nicht einfach werden. Merkels Flüchtlingspolitik erwies sich schon für die untergegangene große Koalition als Ballast, der beiden Partnern schwere Verluste einbrachte. Ein Kommentar.
          Spitzenkandidat Gauland

          Dritte Kraft im Bundestag : Tabubrecher AfD

          Nun ist die AfD im Bundestag, mit demokratischem Gütesiegel und Millionen an Staatsgeldern. Doch im Parlament wären sie nicht die erste Partei, die vorgeführt wird. Ein Kommentar.

          FAZ.NET live um 19:30 Uhr : Deutschland hat gewählt - was jetzt?

          Volksparteien schwach, AfD und FDP stark. Was bedeutet das für die Republik? Im FAZ.NET-Livestream beantworten Jasper von Altenbockum, Ressortleiter Politik Inland, und Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur digital die wichtigsten Fragen zur Bundestagswahl.

          Hochrechnungen : Merkel kann weiter regieren, SPD geht in Opposition

          CDU und CSU verlieren laut Hochrechnungen viele Stimmen, werden aber wieder stärkste Kraft. Die SPD erzielt ein historisch schlechtes Ergebnis und geht in die Opposition. Die AfD ist Dritter und die FDP wieder im Bundestag. Grüne und Linkspartei legen zu.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.