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Veröffentlicht: 13.04.2016, 20:16 Uhr

Exit-Strategie Herrndorfs Revolver

Seit wenigen Wochen liegt die Waffe, mit der sich der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf 2013 das Leben nahm, im Tresorschrank des Literaturarchivs in Marbach. Was hat sie dort zu suchen?

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© F.A.Z. Umrisse einer 357er Magnum Smith & Wesson

Nachdem bei Wolfgang Herrndorf im Februar 2010 ein Hirntumor diagnostiziert worden war, er also damit rechnete, nicht mehr lange zu leben, suchte er nach einer „Exitstrategie“. Alle, die damals im Internet seinen Blog „Arbeit und Struktur“ lasen, wussten das. Dreieinhalb Jahre schrieb Herrndorf ein Tagebuch für seine Freunde, die ihn überredeten, seine Notizen öffentlich zu machen. Und so konnte, wer wollte, von Herrndorfs Leben mit der Krankheit lesen und dabei zusehen, wie er gleichzeitig eine unglaubliche Produktivität entfaltete. Wie er, der sonst Tage damit hatte verbringen können, ein einziges Komma hin und herzuschieben, in wenigen Monaten seinen Roman „Tschick“ fertigstellte. Wie die Druckfahnen kamen, ihm das Geschriebene belanglos erschien, was aber nicht unbedingt am Roman oder an seinem Zustand liegen musste, sondern beim Fahnenkorrigieren vielleicht immer so war. Wie er 500 Seiten „Sand“ schrieb und dann den Isa-Roman anfing, in dem das verwahrloste Müllmädchen, das man aus „Tschick“ kannte, ihre eigene Geschichte erzählte.

Julia  Encke Folgen:

Wer „Arbeit und Struktur“ mitverfolgte, erfuhr auch von der Waffe. Herrndorf war sich nach seiner Diagnose darüber im Klaren, dass die „Exitstrategie“ für ihn „nur eine Waffe“ sein konnte. Wenn es so weit war, wollte er „die Sache“ hinter sich bringen, nicht in einem Moment der Verzweiflung, sondern der Euphorie und ohne Probleme. Voraussetzung dafür war, dass zwischen Entschluss und Ausführung nicht mehr als eine Zehntelsekunde liegen durfte. „Ich wollte ja nicht sterben, zu keinem Zeitpunkt, und will es auch jetzt nicht“, schrieb er am 30. April 2010. „Aber die Gewissheit, es selbst in der Hand zu haben, war von Anfang an notwendiger Bestandteil meiner Psychohygiene. Ich muss wissen, dass ich Herr im eigenen Haus bin. Weiter nichts.“

Ein sicherer Halt

Herr im eigenen Haus sein, wo er es schon längst nicht mehr war: Man muss das, wie so vieles in „Arbeit und Struktur“, schon ironisch verstehen. Mutwillig kehrte Wolfgang Herrndorf Sigmund Freuds Satz vom Ich, das nicht mehr Herr ist im eigenen Haus, um – und sicherte sich so einen letzten Rest von Kontrolle, bevor die Krankheit seine Persönlichkeit verändern würde. Als er sich am 26. August 2013 am Ufer des Hohenzollernkanals in Berlin erschoss, seine Frau und seine Eltern wussten von der Entscheidung, waren seine Koordination und räumliche Orientierung bereits beeinträchtigt. Es dürfte, wie sein Lektor Marcus Gärtner und die Autorin Kathrin Passig, mit der er eng befreundet war, festgestellt haben, einer der letzten Tage gewesen sein, an denen er noch zu der Tat imstande war.

Seit er sich die Waffe besorgt hatte (er verfügte über die entsprechenden Kontakte), schien er sich sicherer zu fühlen: „Ich schlafe mit der Waffe in der Faust, ein sicherer Halt, als habe jemand einen Griff an die Realität geschraubt.“ Und mehr noch. Er fing, wie man in der um den Nachlass ergänzten Buchversion von „Arbeit und Struktur“ nachlesen kann, an, die Waffe zu fetischisieren, fand sie schön, fand es aufregend, sie zu besitzen: „Das Gewicht, das feine Holz, das brünierte Metall. Mit dem MacBook zusammen der schönste Gegenstand, den ich in meinem Leben besessen habe.“ Er spielte mit ihr herum: „Die Waffe kann ich problemlos in die Hand nehmen. Trommel rausschwenken, Finger in den Rahmen halten, der Lauf, die Züge, Trommel rein, Hahn spannen, Hahn vorsichtig zurückrasten. 357er Smith & Wesson, unregistriert, kein Beschusszeichen. Aber als ich eine Patrone in die Hand nehmen soll, zittert meine Hand, ich fühle ein spitzes, silbernes Ziehen im Hinterkopf.“

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