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Videospiel „Wolfenstein“ : Toter Nazi, guter Nazi

  • -Aktualisiert am

Amerika als faschistisches Imperium: Szene aus „Wolfenstein II: The New Colossus“. Bild: Zenimax

Nackte Brüste voller Blut, zerhackte Nazis, jetzt auch noch Kritik an der Neuen Rechten: Das Videospiel „Wolfenstein II“ scheint sich mit allen brisanten Debatten der Zeit auseinanderzusetzen.

          Vor dem Töten reißt sie sich erst noch die Kleider vom Leib. Anya ist nicht die Hauptfigur von „Wolfenstein II: The New Colossus“, begleitet den Spieler aber die lange und teils verworrene Geschichte hindurch. Am Ende schaut man ihr, ohne eingreifen zu können, dann zu, wie sie zu den Waffen greift. Genau genommen zu zwei Sturmgewehren, eins in jeder Hand. Nackt und blutverschmiert metzelt sie alles nieder. Man mag sich gar nicht entscheiden, wie viele kulturelle Bilder hier so brutal wachgerufen werden – Walküre, Medusa, Jeanne d’Arc? Oder doch bloß dummer Trash, maximal als Zitat des Films „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ tauglich?

          Der kurze Moment aus einem Spiel, das mindestens sechs Stunden dauert, enthält alles, womit es derzeit – nur wenige Tage nach seinem Erscheinen – so verstört. Eine Schwangere in Filmen oder Games zu sehen, die nicht als leidendes Mäuschen dargestellt wird, ist auch 21 Jahre nach „Fargo“ noch eine seltene Freude. Aber ob es auch noch als Feminismus durchgeht, wenn die Brüste entblößt werden müssen, bevor jemand zur Tötungsmaschine wird, führt das Denken in gefährliche Endlosschleifen. Und nicht nur das: Auch Nazis niedermetzeln ist immer noch Menschen niedermetzeln. Wenn zudem die ganze Gestik der des Feindes gleicht – Heroismus, das Strotzen vor Kraft, der Körperkult und zu allem Überfluss auch noch die Verherrlichung der Mutterschaft –, ist kaum auszumachen, was die Widerstandskämpfer noch zu vermeintlich „Guten“ macht.

          Kleine Pixelmänner schrien „Heil!“

          Solche Fragen waren Videospielen fremd, als sie noch harmlos und niedlich wirkten. Das galt sogar einst für die Urahnen dieses Spiels. Die „Wolfenstein“-Reihe ist alt und war von Anfang an als Provokation konzipiert. Im Jahr 1981 erschien der erste Teil, lief unter anderem auf dem C64. Kleine Pixelmänner reckten den Arm in die Höhe und schrien „Heil!“, man konnte sich vor ihnen verstecken oder alle erschießen. Nichts weiter als ein „Pac-Man“ für böse große Brüder. Trotzdem wurde das Spiel indiziert, was zur Folge hatte, dass es bald jeder Teenager besaß. Die alberne Nazijagd hat eine ganze Altersgruppe geprägt. In späteren Teilen musste man eine Bombe plazieren und Hitler töten.

          Videospiele wurden erwachsener, Geschichten wurden komplexer und Spielfiguren echter. Und so startete vor drei Jahren eine neue „Wolfenstein“-Reihe mit neuer Hintergrundgeschichte, die an Philip K. Dicks „Das Orakel vom Berge“ erinnert. Die Nazis haben darin den Krieg gewonnen, eine Atombombe auf New York hat alles entschieden, Amerika ist eine deutsche Kolonie.

          So haben wir das Lincoln-Memorial noch nie gesehen.

          Im ersten Teil der (als Trilogie angelegten) neuen „Wolfenstein“-Spiele musste man General Totenkopf besiegen, ein erschütternd popkulturelles Abziehbild irgendwo zwischen Josef Mengele und Darth Vader. Im neuen Teil ist nun der ganz aktuelle Zeitgeist auf verdrehte Art im Spiel angekommen: der erzböse Antiheld ist eine Frau, die grausame Irene Engel. Die Dystopie spielt 1961, man wird ins verstrahlte New York reisen, dann in die Area 51, schließlich auf die Venus, wo der Führer residiert (natürlich haben die Nazis Roboter und Raumschiffe.) Man steuert in diesem Spiel ein fiktives Mitglied des Kreisauer Kreises, den Soldaten William Blazkowicz. Als wäre die Story nicht ohnehin schon übervoll, wird man dabei auch noch Kindheitserinnerungen an seinen brutalen Vater durchspielen – und ihm dann in der Gegenwart noch einmal zum Endkampf gegenübertreten.

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