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© Andreas Pein

Bin in einer Stunde zurück

Von Julia Encke

20. Februar 2016 - Wolf Wondratschek gab sein letztes Manuskript an einen Privatmann. In einer kleinen feinen Ausstellung haben Eingeweihte jetzt noch einmal die Möglichkeit ihren eigenen Wondratschek zu erwerben. Sie findet in Berlin statt an einem geheimen Ort.

Wer in den letzten Wochen durch Berlin lief, konnte an den verschiedensten Orten auf ein Plakat stoßen, das etwas geheimnisvoll daherkam. An den Türen des Aufbau-Hauses am Moritzplatz hing so eines oder an der der „Paris Bar“ in Charlottenburg: „Bin in einer Stunde zurück“ stand auf dem Plakat. Ein Foto zeigte den Schriftsteller Wolf Wondratschek, und als Kontakt war eine E-Mail-Adresse angegeben, an die wir sofort eine Nachricht schickten und fragten, was das sei. Es meldete sich ein Freund des Dichters, der, gemeinsam mit dem Fotografen und Wondratschek-Leser Jim Rakete, in einer leerstehenden Ein-Zimmerwohnung an einer befahrenen Straße in Schöneberg eine kleine Ausstellung mit Wondratschek-Originalen zusammenstellen wollte. Originale, die man sich jetzt angucken und, wenn man mag, sofort kaufen, von der Wand nehmen und mitnehmen kann. Also nichts wie hin.

Der Dichter sitzt, kurz vor der Eröffnung, auf einem hellen Sofa in diesem Zimmer, dessen einzige Einrichtung seine eigenen Bilder sind: Drei gerahmte Gedichtmanuskripte (Stück 9800 Euro), Collagen aus Fotos oder Zeitungsausschnitten, die er gesammelt, in einem Moment der Eingebung zusammengestellt und mit einem Titel versehen hat. Weiße Seiten, auf denen ganz schwach nur Schriftzüge zu erkennen sind, die Gedichtzeilen sein könnten – so, als würden sie gerade verschwinden oder im Begriff sein, zu erscheinen.

Wolf Wondratschek raucht natürlich und wirkt sehr froh in diesem hellen Dichter-Zimmer, das man als kleines Museum auch für immer so belassen könnte. Er spricht mit tiefer sonorer Stimme.

„Bin in einer Stunde zurück“ könnte eine Gedichtzeile sein.
Richtig.

Müsste ich es kennen, das Gedicht?
Nein, das gibt es auch nicht. Es könnte aber eine Gedichtzeile sein. „Bin in einer Stunde zurück“, das flog mir so zu, das gefiel mir, weil ich am Liebsten gar nicht da wäre. Sie kennen doch diesen Satz, „Der Künstler ist anwesend“, das steht doch immer da. Es ist eine Erwiderung auf diesen Standardsatz. Es gefällt mir so gut, denn eigentlich will ich nicht da sein. Ich will in keiner Weise da sein, auch in der deutschen Literatur nicht. Deswegen bin ich irgendwann nach Wien gegangen, um nicht mehr da und nicht mehr verfügbar zu sein.

© Film: Jim Rakete, Schnitt: Kjell Peterson: Musik: Beckmann (cinesong.de)

Sie wollten nicht mehr der Darsteller von Wolf Wondratschek sein?
Es war mein Empfinden nach über zwanzig Jahren München, dass die Leute mich nur noch in diesen Klischees wahrnehmen. Und dass ich eigentlich gegen diese Klischees hilflos bin. Immer wurde ich nach Domenica gefragt, nach St. Pauli, ich wurde gefragt, was ich zu Klitschko sage – und ich habe mich gefragt: Was ist hier eigentlich los? Dann kam ja damals noch mein Buch „Einer von der Straße“ mit Staudinger, das groß verrissen wurde im Literarischen Quartett. Die Löffler sagte: Ich weigere mich, über diesen Dreck zu reden, gehen wir zum nächsten Buch über. Dann sagte Ranicki: Moment! Und dann sagte Karasek auch noch was Unangenehmes, wie ein Autor sich hinreißen lassen könne, eine Festschrift für einen Zuhälter zu schreiben.

Kann man das nicht auch als Adelung verstehen?
Überhaupt nicht.

Ist es kränkend?
Kränkend ist zuviel. In Paris gibt es gerade eine Ausstellung über Prostituierte in der Malerei. Die ganzen Bilder von Renoir oder Toulouse-Lautrec. Van Gogh hat nur mit Huren verkehrt, er hat sogar sein Ohr ins Bordell geschickt. Würden diese Kritiker jetzt dahergehen und sagen: Dieser Schmutzfink?

Sie sind ja nun schon sehr viele Jahre in Wien. Ist Ihnen die Flucht geglückt oder überleben die Klischees?
Die Klischees überleben, aber im Nachbarstaat. Die bleiben in Deutschland. Da sind sie unzerstörbarer als Atome. In Wien ist es mir gelungen, ein paar Bücher zu schreiben, die ich in München nicht hätte schreiben können. Ich bin in ein ganz anderes Milieu eingedrungen, in das der Musik.

Meinem Empfinden nach haben die Romane, die Sie in den vergangenen Jahren geschrieben haben, „Mara“ oder „Mittwoch“, mit dem harten Männlichkeitsdarsteller Wondratschek gar nichts zu tun haben.
Überhaupt nicht. Ich habe aber nie harte Literatur geschrieben und war auch nie ein Darsteller von diesen Dingen.

Sie haben mal gesagt, dass Sie in den siebziger Jahren beschlossen haben, kein Intellektueller vom Typ Enzensberger zu werden, weil Sie den Geschmack der Erde nicht verlieren wollten. Sind Sie in Wahrheit nicht doch ein Intellektueller?
Ein Intellektueller kann kein Gedicht schreiben.

Warum nicht?
Das geht nicht. Er kommt nicht in den Zustand der Trance, wo Poesie sich ereignet. Das geht nicht. Die siebziger Jahre waren in München ja gar nicht so schlecht. Weil ich keine Wohnung mieten wollte, habe ich etwas getan, was mir wirklich nicht liegt. Ich habe in Wohngemeinschaften gewohnt. Zum Frühstück gab’s zwei Joints, und dann war der Tag gelaufen. Und da muss man ja eine Entscheidung treffen: Will ich dieses Leben führen, oder warte ich, bis das neue „Kursbuch“ auf dem Markt ist?

In dem Film, den Jim Rakete zu dieser Ausstellung gemacht hat, sagen Sie, Ihnen gefalle die Idee, dass man nach Ihrem Tod etwas findet, was das gesamte Wondratschek-Bild revidiert.
In der Hoffnung, dass dieser Fund die Leute zu einem gewissen Ernst anhalten würde, ja.

Werden die Besucher Ihrer Ausstellung vielleicht schon jetzt fündig, hier, zu Lebzeiten?
Schauen Sie sich um!

  • © Andreas Pein „Diese Bilder habe ich gemacht, ja. Sie entstehen aus Fotos und Zeitungsausschnitten, die ich gesammelt habe.“

Wolf Wondratschek
Bin in einer Stunde zurück
Originale
20. Februar bis 9. April in Berlin
Infos und Anmeldung unter
wondratschek-originale@gmx.de

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 20.02.2016 14:23 Uhr