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Biermanns Auftritt : So isser eben

Wolf Biermann bei seinem Auftritt im Bundestag Bild: dpa

Der elende Rest: Wolf Biermann war in den Bundestag gekommen, um vorzuspielen. Und er blieb, um vorzuführen. Davon hätte man eigentlich ausgehen können.

          Der Bundestag als Zeitmaschine: Bei der Gedenkfeier zum Mauerfall fielen die Hüllen, welche sich um das Jahr 1989 herum gebildet hatten. Jetzt war plötzlich damals. Mit dem Auftritt von Wolf Biermann verschmolz die vergangene Zukunft mit der gegenwärtigen Vergangenheit. So hatten es sich die Aufständischen seinerzeit vorgestellt: Im deutschen Parlament würden eines Tages die Knastlieder aus der DDR als Erinnerungskultur vorgetragen.

          Und genau so, gleichsam in Echtzeit kurzgeschlossen, ist es gestern gewesen. Biermann hatte es mit seiner unumwundenen Performance von vornherein darauf angelegt, den Zeitenabstand zu überspringen und mit ihm alle Nuancierungen, Kontextualisierungen, Relativierungen, die das Vergehen von Zeit mit sich bringt. Sein Auftritt fiel programmatisch aus der Zeit – aus unserer Zeit, nicht aus der Zeit von 1989. Diesem Auftritt fehlten alle Ablagerungen von Interpretation, von gerechtfertigter oder ungerechtfertigter Zähmung, welche die Jahre seit 1989 geschaffen haben.

          Für heutige Ohren, die dem diktatorischen Terror entwöhnt sind oder ihn nie vernommen haben, schlug der 1976 ausgebürgerte Liedermacher wie ein Kassiber aus dem „Gelben Elend“ – so der Name von Bautzens berüchtigtem DDR-Knast politischer Häftlinge – ins Parlament ein.

          Dort nannte Biermann die Vertreter der Linksfraktion „Drachenbrut“ und „elenden Rest“ dessen, was überwunden sei. Aber dabei zeigte sich Biermann naturgemäß selbst als ein Restposten von damals, er tritt im Quellenschema des Historikers Droysen als „Überrest“ vor uns hin, als eine jener unabsichtlichen Quellen, über die man stolpert und die erst durch aufwendige methodische Bearbeitung für historische Fragestellungen verwertbar gemacht werden müssen.

          Zu Recht betitelte Biermann den Hausherrn des Parlaments, Norbert Lammert, gestern als „Ironiker“: Statt den Abgeordneten als zentralen Programmpunkt ihrer Gedenkfeier (denn das war Biermanns Auftritt allemal) ein quellenkritisch gesichertes Denkmal zu präsentieren, entschied sich Lammert für einen ungeschlachten Überrest, den der schmähende und lustvoll auf die Pauke hauende Liedermacher mit Bravour abgab – also für einen kräftigen Schuss wildes Gedenken.

          Doch Ironie ist wenig belastbar. So bekommt auch ein wildes Gedenken im Deutungsapparat von Politik und Medien sofort eine eindeutige Lesart verpasst. Im Falle Biermanns wird dann die Formel „So isser eben“ bemüht, wie sie nach seinem Auftritt allenthalben von Politikern und Journalisten zu hören war. Ach so, dachte man sich, dann war er ja so, wie er ist. Biermann – so isser eben – hielt sich seinerseits an den parlamentarischen Auftrag zum wilden Gedenken, indem er meinte, die Geschäftsordnung des Bundestags überspringen zu sollen.

          Und so sang er nicht nur, sondern sprach (in seinem wüsten Sieger-der-Geschichte-Ton dem späteren Luther nicht unähnlich), obwohl ihm Lammert zuvor in einer Fiktion der Gleichzeitigkeit gesagt hatte, sprechen dürfe Biermann im Parlament erst, wenn er gewählter Abgeordneter sei. Aber was, bitte schön, kümmerte das den Biermann von 1989, hier und jetzt?

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