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Drachenbrut : Biermann oder Die Kunst der parlamentarischen Beleidigung

Schön mürrisch kann er dreinschauen, unser Wolf Biermann. Beherrscht er auch die Kunst der Beschimpfung? Bild: AP

Die Altmeister der parlamentarischen Beleidigung, Herbert Wehner etwa oder Joschka Fischer, sind entweder verstorben oder in Pension. Nun folgte der mandatlose Wolf Biermann ihrer Spur. Aber betätigte er sich dabei nicht vor allem als Brandstifter?

          Ob man es bedauern soll, dass die, nennen wir sie ruhig: Kultur der parlamentarischen Beleidigung immer mehr an Niveau einbüßt? Ihre Altmeister sind alle tot oder pensioniert, und mit ihnen, so scheint es, ist auch die Vorliebe für jene saftigen Titulierungen verschwunden, die mit „Beleidigungen“ nur unvollständig umschrieben sind. Das gute alte „Arschloch“ (Joschka Fischer) ist dabei einer der wenigen Ausdrücke, mit denen auch Nachgeborene etwas anzufangen wissen. Schwierig wird es, wenn man an die Invektiven Herbert Wehners denkt. Oder hat noch jemand parat, was oder vielmehr wer mit der „Übelkrähe“ gemeint war? Eben.

          Und der gleichfalls legendäre „Düffel-Doffel“? Wikipedia vermeldet in der gebotenen überparteilichen Sachlichkeit, dass es sich hierbei um ein „pejoratives Kunstwort“ handele. (Vergessen wir nicht, wer damals damit gemeint war: Helmut Kohl.) Nur unter dem „Hodentöter“, der auch von Wehner ist, kann man sich etwas vorstellen. Vom Hoden- zum Drachentöter: Es hatte ja den Anschein, dass Wolf Biermann, als er sich im Bundestag so nannte, dies im Bewusstsein dessen tat, der glaubt, historisch auf der richtigen Seite zu stehen. Dagegen ist nichts zu sagen.

          Erstaunlich war es aber doch, wie auf die Titulierung der Linksfraktion als „Drachenbrut“ weder ein Ordnungsruf des gewohnt selbstverliebt agierenden Präsidenten erging noch sonst eine Beschwerde. Dabei war dies eine Beleidigung gewählter Abgeordneter, nach der geltenden Logik öffentlicher Entrüstung sogar auch aller ihrer Wähler. Biermanns eigener Hinweis, eine demokratische Wahl sei ja kein Gottesurteil, trifft zu, irritiert aber aus dem Munde eines Mannes, der wissen müsste, welches Gut diese Wahl ist.

          Wenn man alle Mandatsträger, die nicht direkt von Gott eingesetzt sind, beschimpfen darf, wie es einem passt, dann hätte Norbert Lammert viel zu tun. Dass Biermann nun so gar nichts mehr für sich zu tun sieht in seinem Drachentöter-Wams, weil er ja alle besiegt habe, passt auch nicht so ganz zum gegenwärtigen Aufreger: dem vielleicht bald (ebenfalls demokratisch) gewählten Ministerpräsidenten Ramelow. Obwohl er aus dem Westen stammt, müsste man in Biermanns Diktion sagen: Das Ei war befruchtet doch, aus dem der kroch. Oder so.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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