Nachhaltigkeit ist ein interessantes Wort. Obwohl sich seine Bedeutung auf den ersten Blick erschließt, wird kaum ein anderes Wort in der Politik so oft missbraucht. Nachhaltigkeit ist ein Modebegriff geworden – und wurde häufig genug in den vergangenen Jahren als „Unwort des Jahres“ vorgeschlagen. Dabei beschrieb Konrad Otto die Bedeutung 1999 so einfach: „Regenerierbare lebende Ressourcen dürfen nur in dem Maße genutzt werden, wie Bestände natürlich nachwachsen.“ Das ist nachhaltig.
Politisch ist der Begriff dagegen ein Füllwort, eine hohle Phrase zur alleinigen Begründung eines Gesetzes, einer Maßnahme oder um die Verschwendungssucht eines anderen Vorschlages anzuprangern. Vergangene Woche diskutierte ich auf einem Wirtschaftsforum in Reutlingen unter anderem mit Volker Wissing, dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der FDP im Bundestag, und Meinhard Miegel über „Deutschland auf dem Weg in die Armut“. Einig waren wir uns, dass derzeit keine Gefahr einer tatsächlichen gesellschaftlichen Verarmung besteht. Einerseits geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auf und immer weniger Menschen können von ihrer Arbeit leben, andererseits aber ist unsere Gesellschaft sehr wohlhabend.
Rückzahlung ist Utopie
An diesem Punkt nannte Miegel einen Aspekt, der später leider nicht mehr verfolgt wurde. Er wies nämlich darauf hin, dass wir derzeit ein Vielfaches der nachhaltig verfügbaren Ressourcen verbrauchen. Um unseren aktuellen Lebensstil beizubehalten, verbrauchen wir etwa das 2,7-fache dessen, was unser Planet hergibt. Leider steht uns aber nur eine Erde zur Verfügung. Schon allein das zeigt, dass unsere Verhaltensweise keine besonders nachhaltige sein kann.
Das gleiche Problem sehen wir auch an der offiziellen Staatsverschuldung Deutschlands. Sie liegt bei etwas mehr als zwei Billionen Euro, plus oder minus ein paar Milliarden. Um die genaue Zahl angeben zu können, wächst sie zu schnell. Und das, obwohl bei dieser Statistik noch nicht einmal berücksichtigt wird, dass die Renten- und Pensionskassen leer sind. Rechnet man aus, welche „Nachhaltigkeitslücke“ (schon wieder dieses Wort!) besteht, welche Vorsorgen also gebildet werden müssten, um die entstehenden Kosten zu decken, so fehlen uns dort etwa fünf Billionen Euro.
Meinhard Miegel gab sich verhalten optimistisch und meinte, dass es noch zwei bis drei Generationen gut gehen könnte. Volker Wissing sah gar kein Problem dabei; er verwies auf die Schuldenbremse, die weitere Staatsschulden verbieten würde. Eine solche Schuldenbremse hilft aber nicht bei der Rückzahlung der Schulden. Bereits jetzt müssen wir mehr und mehr Geld aufwenden, um die steigenden Ausgaben für die Zinsen und die Nachhaltigkeitslücke zu decken. Eine Rückzahlung und damit eine tatsächliche Lösung des Problem ist also utopisch.
Diese Blase wird platzen
Natürlich bemühte Wissing nun die Theorie des ständigen Wachstums. Bisher ging das Pyramidenspiel Staatshaushalt gut, da das nominelle Wirtschaftsprodukt jedes Jahr stark genug wuchs, um die steigenden Kosten zu decken. Kosten, die übrigens auch bei sinkenden Leistungen steigen. Dummerweise hat diese Theorie zwei Probleme. Zum einen ist ein nicht gerade kleiner Teil dieses Wachstums tatsächlich nur inflationsbedingt. Wir decken die Nachhaltigkeitslücke in der Pensionskasse also faktisch durch eine Entwertung dieser Pensionen. Zum Zweiten verbrauchen wir jetzt ja schon die Ressourcen von 2,7 Erden. Wenn wir hier unbegrenzt weiter wachsen wollen, wohin wollen wir dann wachsen? Der Mond bietet leider nur begrenzt viele nutzbare Ressourcen, zudem ist er bedeutend kleiner als die Erde.
Insofern kann ich Miegels Optimismus nicht teilen. Ich glaube schlicht nicht, dass diese Luftblase noch zwei bis drei Generationen weiter wachsen wird. Sie wird viel früher platzen. Und gegen diesen Knall wird die aktuelle Wirtschaftskrise wie das Knistern einer Luftpolsterfolie wirken.
An diesen Stoffen wird es mangeln
Wir allen kennen beispielsweise die Projektionen zu den Erdölvorräten. Ob wir nun die Grenze der maximal förderbaren Ölmenge erreicht haben oder nicht, ist dabei unerheblich: Der Ölpreis steigt immer stärker an und zerstört alleine dadurch schon die Theorie des unbegrenzten Wachstums. Aber wir wollen ja „nachhaltig“ agieren und uns vom Erdöl unabhängig machen. Ein wichtiger Punkt ist dabei auch Elektromobilität. Autos fahren in der Zukunft ganz selbstverständlich mit Strom statt mit Benzin, zumindest wenn man der Werbung Glauben schenkt. Allerdings benötigen Elektroautos Akkus. Diese Akkus verbrauchen große Mengen an Lithium und diversen selteneren Erden.
Eine Studie des Fraunhofer Institutes hat gezeigt, dass bei den derzeit bekannten Lithiumvorkommen mit einer um das Jahr 2050 einsetzenden Lithiumknappheit gerechnet werden kann. Ein weiteres Beispiel: Für effiziente Windkrafträder, die ja den Energieverbrauch der Elektroautos zum Teil decken sollen, braucht es große Mengen an Neodym. Auf Basis der derzeit prognostizierten Verbrauchszahlen werden wir 2030 etwa 3,8 mal so viel Neodym verbrauchen wie wir produzieren – eine nicht ganz einfache Situation. Noch stärker zuspitzen dürfte sich die Lage bei Solarzellen. Dafür benötigen wir Gallium – hier wird der Wert dann bereits beim Faktor sechs liegen. Für die alltägliche Politik ist es bis 2030 oder gar 2050 eine bequem lange Zeitspanne. Eine tatsächlich nachhaltige Politik müsste sich dieser Problematik aber jetzt schon stellen – und auch dies zeigt auf, dass wir die Seifenblase nicht beliebig lange immer weiter aufpusten können.
Vom Katzenjammer nach der Feier
Aber aller guten Dinge sind drei: Der demografische Wandel macht dem unbegrenzten Wachstum zumindest in Deutschland ebenfalls einen dicken Strich durch die Rechnung. Durch diesen Wandel arbeiten immer weniger Menschen. Das Verhältnis von Einzahlern der Renten- und Pensionskassen zu den Empfängern verändert sich zu Ungunsten der Zahlenden. Die eingangs erwähnte Nachhaltigkeitslücke bedeutet hier aber, dass dafür bisher nicht vorgesorgt wurde. Die Last auf den Schultern jedes einzelnen Zahlers steigt also an. Umso mehr, wenn man das unbegrenzte Wachstum bei steigender Schuldenlast und schwindenden Ressourcen beibehalten möchte.
Für mich ergibt sich hieraus ein sehr klares Fazit. Wir hatten eine schöne Zeit. Eine Party mit vielen Freunden, auf der wir uns prächtig amüsiert haben. Aber nach jeder guten Party kommt der traurige Moment, in dem es nach Hause geht – gefolgt vom Katzenjammer am nächsten Morgen.
Kein Wachstum um jeden Preis
An diesem Punkt stehen wir jetzt. Wir können ihn natürlichnoch hinausschieben und noch ein letztes Glas für den Weg trinken. Aber eigentlich sollte uns klar sein, dass dieses Glas das berühmte Glas zu viel ist. Wir können nicht einfach so weitermachen, wie es uns gefällt. Wir sitzen auf einer riesengroßen Seifenblase. Und anstatt sie immer weiter aufzupusten, müssen wir versuchen, die Luft langsam herauszulassen. Allerdings ist die Luft verbraucht und sie stinkt.
Es ist ein bisschen wie beim Pflaster: Es langsam abzuziehen tut weh. Nur ist hier die Alternative eben nicht der rasche Ruck, sondern der große (und immer größer werdende) Knall. Dafür braucht es in einem ersten Schritt mehr Ehrlichkeit. Eine Politik, die sich selbst und den Menschen in die Tasche lügt, hilft nichts. Ich möchte an dieser Stelle nicht gegen Wachstum an sich reden, nur gegen Wachstum um jeden Preis. Und sowohl für die FDP als auch für die Endzeitfilm-Fans habe ich noch eine unangenehme Nachricht: Unbegrenztes Wachstum gibt es nicht. Sich vorzugaukeln, dass Wachstum unendlich lange weitergehen kann, funktioniert auf Dauer einfach nicht.
Ein anspruchsvoller Prozess
Um diese Ehrlichkeit zu erreichen, müssen dringend notwendige Reformen im Staat endlich umgesetzt werden. Der ganze Apparat ist so groß und komplex geworden, dass er nicht mehr überschaubar ist. Niemand kann das Steuerrecht noch überblicken. Niemand weiß genau, welche Sozialleistungen es gibt und was wem zusteht. Das ist zum einen ungerecht, zum anderen macht es das System schwer reformierbar. Denn wenn heute an einer Stellschraube gedreht wird, weiß niemand genau, welche Auswirkungen dies morgen haben wird. Das heißt erst einmal nicht, dass wir Leistungen kürzen müssen, aber wir müssen anfangen, sie übersichtlicher zu gestalten.
Daher ist meine Bitte an dieser Stelle: Stellen wir uns der Situation wie sie ist. Hören wir auf, uns selbst etwas vorzulügen und gedankenlos die Ressourcen der Zukunft zu verbrauchen. Beginnen wir ehrlich zu werden. Und als nächstes lösen wir dann den Kleber und ziehen das Pflaster langsam runter. Der Prozess wird nicht einfach werden. Aber je später wir uns ihm stellen, desto schwieriger wird er.
Wir brauchen einen Schlussstrich
Die schwierigste Erkenntnis dürfte vermutlich sein, dass unser derzeitiger Lebensstil und unser materieller Lebensstandard eben nicht nachhaltig ist. Wir verbrauchen zu viel. Und wir bilden uns immer wieder ein, wir hätten ein Perpetuum Mobile gefunden, in dem wir die Rechnung in die Zukunft verschieben – und auf Rohstoffe hoffen, die erst in fünfzig Jahren ausgehen (dann aber endgültig verbraucht sind) oder auf Pensionskassen, für die wir nicht zahlen, weil unsere Kinder sie ja füllen können.
Das ist unsinnig und gefährlich. Und eigentlich wissen wir, dass es falsch ist. Egal, ob es um regenerative Energien geht, bei denen uns seltene Erden ausgehen, oder um Erdöl, bei dem wir gerade die letzten Ex-Dinosaurier in die Autos tanken: Irgendwann gibt es ein Ende. Aber wir müssen jetzt schon den Schlussstrich ziehen und abrechnen. Und wer uns sagt, dass wir genauso komfortabel weiter leben könnten wie bisher, der sagt uns nicht die Wahrheit. Der verschiebt nur die Rechnung auf die nächste Generation.
Zum Glück hat Meinhard Miegel noch etwas erwähnt, das uns zuversichtlich stimmen kann: Wie glücklich und zufrieden Menschen mit ihrem Leben sind, hat ab einem bestimmten Level nichts mehr mit dem materiellen Wohlstand zu tun. Wir müssen wieder lernen, Zufriedenheit abseits des Ressourcenverbrauches zu finden. Dann klappt es auch wieder mit den Nachbarn und der Nachhaltigkeit im eigentlichen, nicht-politischen Sinn des Wortes.
Woher kommt diese Todessehnsucht und Sehnsucht nach Apokalypse? Ganz
einfach, Herr Dr. Jäger:
Achim Detjen (AchimD)
- 22.03.2012, 10:20 Uhr
Wachsen bis zum Platzen
Hartmut Rencker (Hartmut-Rencker-Mainz)
- 21.03.2012, 18:04 Uhr
Ein schöner Beitrag
Stefan Waldburg (Matt513)
- 21.03.2012, 15:45 Uhr
Der alte Wein in neuen Schläuchen
Thomas Ulherr (T.J.Ulherr)
- 21.03.2012, 13:23 Uhr
Kampagne der Piraten will den Diplom-Ingenieur vorm Aussterben retten.
Claudio Serafini (cavalucci)
- 21.03.2012, 12:43 Uhr