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Veröffentlicht: 15.03.2016, 16:47 Uhr

Wladimir Putin Märchenheld mit Rambo-Komplex

Wer in meinem Land als Staatschef populär sein will, muss Stalins Vorbild folgen: Wladimir Putin besitzt den Schlüssel zur Seele des russischen Volkes. Ein Gastbeitrag.

von Viktor Jerofejew
© AP Verzerrte Perspektiven verstehen sich von selbst: Die Moskauer Andenkenläden wissen, was sich zum Ruhme des Landes gut verkaufen lässt.

Neulich fahre ich von der Datscha zurück nach Moskau, da sehe ich im Strom der Autos einen dicken Geländewagen, auf dessen Heckklappe ein eindrucksvolles Bild prangt: Stalin und Putin, einander zugewandt vor dem Hintergrund einer sowjetischen und einer russischen Flagge, demonstrieren mit gebieterischem, nur angedeutetem Lächeln ihre Einheit als politische Himmelsbewohner. Alle fahren einfach weiter, keiner reagiert. Ich guckte in ihre beseligten Gesichter und begriff: Russland war niemals und wird niemals Europa sein, wir ähneln niemandem, Europa lebt in einer sich wandelnden Geschichte, wir aber leben in einem ewigen Märchen. In Europa sind die Grundlagen des Lebens Zeit und Bewegung, in Russland ist es der verwunschene Raum.

Martin Heidegger schrieb in seinem Essay „Was ist das - die Philosophie?“, dass „das Abendland und Europa, und nur sie, in ihrem innersten Geschichtsgang ursprünglich ,philosophisch‘“ seien. Im Unterschied zu Europa ist Russland antihistorisch, es hatte nie eine Geschichte, die philosophische Bedeutung besitzt.

Archaisches Russland

Russland wurde zum Raum für ein Zaubermärchen, in dem jede Handlung unterschiedliche, oft genau entgegengesetzte Bedeutungen hat. Wir sind bis heute nicht sicher, ob es in der mittelalterlichen Rus das mongolisch-tatarische Joch, welches dreihundert Jahre währte, tatsächlich gegeben hat oder nicht oder ob das ein kluger politischer Kompromiss mit den Tataren war. Wir haben noch immer nicht unseren Streit mit den Polen ausgefochten, die in der Zeit der Wirren Anfang des siebzehnten Jahrhunderts die Macht in Moskau übernahmen und dann von dort vertrieben wurden. Wer war Zar Peter der Große? Ein Diktator oder ein Reformator? Ereignete sich die bolschewistische Revolution von 1917 zufällig oder folgerichtig? Und dann gibt es unter den Russen die unterschiedlichsten Ansichten über die Sowjetunion, Lenin, Gorbatschow, Jelzin und so weiter. Was aber erstaunlich ist: Bei all diesen Unterschieden existiert Russland ohne eine einheitliche historische Zeit, vielmehr in verschiedenen Zeiten zugleich. Es hat Elemente vom Lebensstil und der Denkweise unterschiedlicher Epochen, beginnend mit dem siebzehnten Jahrhundert.

In Russland triumphiert eine archaische Denkweise, die alles aus der Perspektive „unser - nicht unser“ bewertet und fest daran glaubt, dass man Eigenes auf keinen Fall verraten dürfe, Fremdes dagegen schon, dass man dazu sogar verpflichtet sei. Zu diesem Fremden gehört auch der Westen, den wir als Lieferanten innovativer Technologien brauchen, der zugleich aber eine ideologisch feindlichere Zivilisation ist als der islamische Iran. Selbst der in Russland verbotene IS hat verdächtige Ähnlichkeit mit dem Russland des Bürgerkriegs (1918 bis 1920) mit all seinen Greueltaten, seinem Klassenhass, den Hinrichtungen und den Vergewaltigungen von Tausenden Frauen. Wir sind die Nachfahren dieser grausamen Ideologien, die in unseren Köpfen zermahlen wurden und Sklavenpsychologie, Angst und Misstrauen gegenüber Veränderungen erzeugt haben.

Michail Gorbatschow © dpa Vergrößern Russischer Anti-Held: Michail Gorbatschow bei einem Treffen mit Ronald Reagan in Reykjavik

Der Westen fragt jetzt, warum Russland nach irgendwelchen eigenen Gesetzen lebt und die Gesetze der zivilisierten Welt missachtet. Diese Frage zeigt, dass der Westen die Lektion „Was ist Russland?“ nicht gelernt hat. Russland glaubt fest an die Einzigartigkeit seines Zaubermärchens, in dem von Gott auserwählte Menschen leben, die sich für unvergleichlich viel besser halten als diese seelenlosen Europäer. Im Märchen kann es Bösewichte, Antihelden und Provokateure geben, die wie Gorbatschow (Ich wünsche Ihnen, Michail Sergejewitsch, anlässlich Ihres kürzlich gefeierten 85. Geburtstags gute Gesundheit!) unsere verhexte Welt vernichten wollen, doch unser märchenhaftes Volk widerstand ihm. Wir haben uns nicht auf den Weg der Geschichte begeben, weder unter Gorbatschow noch während der Moskauer Protestbewegung von 2011/12. Wir sind im Märchen stecken geblieben, unserem grausamen, schrecklichen, aber ureigenen, vertrauten Märchen.

Putin lacht!

Wer begreift, dass der russischen Welt das Märchen von Größe und Glück innewohnt, das ganz bestimmt wahr wird, der wird für viele Jahre Herr in Russland sein. So war es mit Stalin. Stalin hat Millionen Landsleute umgebracht, aber heute hält ihn fast das halbe Land für einen positiven Helden. Er selbst hat sich aus einer politischen Figur in eine Märchengestalt verwandelt, das mythologische russische Bewusstsein hat ihn von allen Sünden gereinigt, das Blut abgewaschen, ihn gefiltert und zum russischen Gott erklärt (ungeachtet seiner georgischen Herkunft). Und so landete er auf der Heckklappe des Geländewagens!

Putin folgte Stalins Vorbild. Auch er empfand den russischen Raum als Märchen, identifizierte die Feinde dieses Raums und schickte sich an, die russischen Gebiete einzusammeln, die beim Zerfall der Sowjetunion verlorengegangen waren.

Viele westliche Politiker und Journalisten meinen, er sei verrückt geworden. Ich denke: Er ist bereit, sie alle auszulachen. Und er lacht! Er ist sich sicher, dass er absolut recht hat, wenn er die russische Märchenwelt vor den schlimmen Hexenmeistern und Dämonen Europas und Amerikas beschützt. Vielleicht steht zum ersten Mal, seit Russland existiert, ein Mann an der Spitze des Landes, der den Schlüssel zur Psychologie des Volkes gefunden hat. Und Stalin? Nein, Stalin wollte die menschliche Natur nach einem abstrakten imperial-kommunistischen Ideal umkrempeln. Er wollte aus dem einen russischen Märchen ein anderes machen, und das ging nicht ohne großes Blutvergießen ab. Putin aber will die archaische Dekoration gar nicht ändern. Im Gegenteil, in der derzeitigen Kreml-Propaganda bei den staatlichen Fernsehsendern wird emsig am Märchen gebaut: Alles funktioniert nach dem Prinzip „das Eigene - das Fremde“, „Freund - Feind“, „unser - nicht unser“. Feinde müssen vernichtet werden, man kann mit ihnen kommunizieren, wenn sie stark sind. Ein schwacher Feind ist ein toter Feind.

39071928 © AFP Vergrößern Reingewaschener Märchenheld: Stalin Porträt in einer Kirche seines Geburtsorts Gori

Die Macht und die Bedeutung des archaischen russischen Märchens mit dem festen Glauben an unsere nationale Einzigartigkeit sind der Grund für die Unvorhersehbarkeit der Handlungen des heutigen Russlands. Ein bestimmter Teil der Einwohner der großen russischen Städte, besonders Moskaus und Petersburgs, mit einer mehr oder weniger formierten Mittelschicht, träumt davon, aus dem Märchen auszusteigen. Aber die außerparlamentarische proeuropäische Opposition glaubt nicht an das russische Märchen, bemerkt es gar nicht, denn das Märchen besetzt kein politisches, sondern ein metaphysisches Feld des Landes. Die Opposition hält die Kreml-Herrscher für Diebe und Verrückte und glaubt naiv, das Volk werde, wenn die nächsten Parlamentswahlen ehrlich durchgeführt würden, für Demokraten und Liberale stimmen. Das ist eine Utopie. Unser Volk ist in allem gut, nur besitzt es keinerlei politisches Bewusstsein, weshalb es ein hervorragendes Ziel für Manipulationen abgibt.

Im Ernst, die einzige Form, mit der Bevölkerung zu arbeiten, ist Aufklärung. Wenn die staatlichen Fernsehsender mit ihrer Propaganda unglaubliche Resultate erzielen konnten und die Russen zum Beispiel glauben, dass der Majdan das Werk der Amerikaner war, dann ist es zwar schwieriger, aber dennoch realistisch, unserer Bevölkerung zu erklären, dass im 21. Jahrhundert das archaische Märchen unser Land in die vollkommene Selbstisolation führen wird und nur eine Annäherung an Europa Russland gesund machen kann. Ja, die Kreml-Propaganda bemüht sich mit ganzer Kraft, Europa als schwach und hilflos vorzuführen, es als potentiellen Gegner Russlands hinzustellen - wobei Amerika immer noch Feind Nummer eins bleibt -, dabei haben wir keine Zukunft ohne Europa, und die Fortsetzung des russischen Märchens ist, gelinde gesagt, ein nicht gerade weitsichtiges Projekt.

Noch aber gibt es ein Potential für das russische Märchen mit einigen Elementen des sowjetischen Imperialismus, ungeachtet der Wirtschaftskrise, der Sanktionen und anderer ungünstiger Faktoren. Die Kreml-Herrscher sind sich sicher, das Volk wird sie nicht im Stich lassen, besonders dann nicht, wenn man ihm so großes Kino bietet wie die Eroberung der Krim, den Krieg im Donbass oder die Rückkehr auf die internationale Bühne in Syrien. Natürlich besteht das Risiko eines großen Krieges, wie die Krise in den Beziehungen zwischen Russland und der Türkei gezeigt hat. Aber unsere Fernsehmacher haben keine Angst vor Krieg - sie propagieren, dass wir es sind und unser Atompotential, wovor man Angst haben muss. Noch nie habe ich einen großen Krieg als so nah und möglich empfinden müssen. Das ist wie ein nächtlicher Albtraum.

Zerbrechlichkeit des europäischen Humanismus

Wenn ich darüber nachdenke, wie man überhaupt mit diesem Horror spielen kann, fällt mir der Herostrat-Komplex ein. Mir scheint, dass sich dieser Komplex im Kreml eingenistet hat. Die allmählich alternde Obrigkeit scheint nicht das Gewöhnliche „Nach uns die Sintflut“ beschlossen zu haben, sondern das Außergewöhnliche: „Nach uns atomarer Staub.“

All das besagt, dass Präsident Putin, unser derzeitiger Alleinherrscher, ein interessantes Phänomen ist. Weder die europäische Geschichte noch das russische Zaubermärchen werden ihn je vergessen, das ist sicher. Dass er starke Gefühle von Furcht und Faszination bei Millionen Menschen in der Welt weckt, zeugt nicht so sehr von seiner Größe, als von der Zerbrechlichkeit des europäischen Humanismus, der Schwäche der aufgeklärten Demokratie, dem Niedergang der allgemeinmenschlichen Werte in unseren Tagen. Putin, das ist die Welt hinter den Spiegeln der Menschlichkeit.

Es gibt auf der Welt Rambos und Romantiker, aber Putin fällt in das ganz eigene Genre des romantischen Rambos, der das russische Volk damit verführt, dass er einer von uns ist. Was die Russen nicht mögen: Einschränkung durch Gesetze und die Verantwortung der Freiheit. Sie bevorzugen eine Selbstdarstellung auf unberechenbare, oft ziemlich suspekte Weise, zumindest aus der Sicht polizeilicher Ordnung. Zudem glauben sie als Träumer und Utopisten an die romantische Transformation der Wirklichkeit. Möglicherweise zum ersten Mal in der Geschichte Russlands stimmt sein Präsident in Seele und Charakter mit der angestammten Bevölkerung des Landes überein.

A woman walks past the print "2007" showing Russian political and religious figures at an exhibition in Moscow © Reuters Vergrößern Galerie russischer Persönlichkeiten am Winzavod Kunstzentrum in Moskau

Michail Gorbatschow wurde vom Volk für seine unverständlichen Reformen gehasst, Jelzin war ein Trinker, und da tauchte sozusagen aus dem Nichts Putin auf, der Junge aus dem Petersburger Hinterhof, der Sohn einer Putzfrau und eines Pförtners, arm, klein gewachsen, mit nervösen Lippen.

Seine erste Schule für Romantik und Rambotum war die Turnhalle. Sein Sambo-Lehrer war ein ehemaliger Häftling. Gefängnis in Russland, das ist ebenfalls Extremromantik, Banditen sind angesehene Leute in der Welt des Untergrunds.

Seine zweite Schule für Romantik und internationales Rambotum war der KGB. Unser Volk liebt die Romantik der Spione. Eine der populärsten Fernsehserien aus den siebziger Jahren, „Siebzehn Augenblicke des Frühlings“, handelt von sowjetischen Geheimagenten. Die Hauptfigur ist der blendend aussehende, hochintelligente Maxim Issajew, der im Frühjahr 1945 in Berlin als sowjetischer Geheimagent wirkt.

Putin durchlief noch eine wichtige Schule der Rambo-Romantik: die Arbeit bei der Petersburger Stadtverwaltung in den neunziger Jahren. Hier begann ein wahrer Goldrausch - Putin deckte sich ein mit Geld, Freunden und zwielichtigen Bekanntschaften.

Plötzlich roch es nach Krieg

Danach hatte der Bursche unglaubliches Glück. Er stieg nicht etwa einfach die Karriereleiter hoch, nein, göttliche Bestimmung hatte die Hand im Spiel. Verdient hatte er das nicht, und als bescheidener Junge aus dem Hinterhof wollte er sogar ablehnen. Aber dann wurde er doch Präsident des Riesenlandes.

In den ersten Jahren ähnelte der Präsident einem Schauspieler, der nicht weiß, welche Rolle er spielen soll. Das Land kam mit der Modernisierung nicht zurecht. Unsere Leute sind ja keine Chinesen, sondern Romantiker. Sie sind Putin sehr ähnlich. Außerdem brauchte der Ex-KGBler Feinde und fand sie im Westen.

Wäre Russland eine große Ente und nach Europa gelaufen, um sich zu europäisieren, wären die kleinen Entchen, die Länder des postsowjetischen Raums, ihr nachgelaufen. Aber unsere Ente hielt sich abseits, und da rannten alle Entchen in Richtung Westen. Sie suchten dort Schutz vor der großen Ente. Und die russische Ente war beleidigt und erklärte, man habe ihr ihre Entchen weggenommen.

Da entstand das Putin-Thema der Rückkehr zur Sowjetunion. Plötzlich roch es nach Krieg. Der Westen half Putin moralisch. Putin sah, dass George W. Bush ungestraft die ganze Welt belügen konnte, indem er von irakischen Massenvernichtungswaffen redete. Er sah außerdem, was mit dem Kosovo geschah, und inszenierte im Gegenzug einen kleinen georgischen Krieg.

Militärübung in Syrien

Er ist aufrichtig davon überzeugt, dass Washington für den Majdan verantwortlich ist, und verstand es meisterhaft, der Ukraine die Krim zu stibitzen. Er war sicher, der Westen würde das schlucken. Und der Westen schluckte es auch beinahe, aber da beschloss Putin, ein neues Land im Osten der Ukraine zu gründen, Neurussland. Damit verrechnete er sich ein bisschen. Der Westen, durchaus kein großer Freund der Ukraine, verteidigte halbherzig die europäische Ordnung. Putin ließ den Krieg in der Ukraine einfrieren. Um aber den im Volk vorhandenen Mobilisierungsschwung nicht zu vergeuden, trat er mit der militärischen Mission in Syrien auf den Plan, die er einfach als Militärübung bezeichnete.

Wozu führt er Krieg? Die russische Opposition hält ihn für einen Abenteurer und Verbrecher. Wenn meine Frau vom Einkaufen kommt, sagt sie jetzt immer: „Ich habe einen Haufen Geld ausgegeben und kaum etwas dafür gekriegt.“ Das hat in den trostlosen Sowjetjahren meine Großmutter auch immer gesagt. Eine allumfassende Krise drängt sich durch die russische Tür herein.

Nichtsdestoweniger hält die Mehrheit des Volkes Putin für einen tollen Kerl. Dieser Kerl, der über sechzig ist, glaubt, die russische Welt wäre das Beste, was die Menschheit je hervorgebracht hat. Er ist der Ritter, der Verteidiger dieser Welt vor den Amerikanern. Der Rest der Welt, der Amerika nicht allzu sehr liebt, ist fasziniert vom Phänomen Putin, der gegen Amerika aufsteht und niemanden fürchtet. Und wirklich: Wer kann ihn übertreffen?

Glosse

Wer liest denn schon noch?

Von Kerstin Holm

Selbst Menschen, die öffentlich über Bücher sprechen, erklären häufig, sie hätten ja gar keine Zeit zum Lesen. Der Bazillus des nichtinformierten Diskurses verbreitet sich zusehends. Mehr 4

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