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Wissenschaftsdrama Manches über meine Mutter

31.01.2012 ·  Was verraten die Gene über die kulturelle Identität eines Menschen? Nicht so viel, wie einmal versprochen wurde. Das zeigt das Experiment eines Berliner Wissenschaftstheaters.

Von Thomas Thiel
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© Braun/drama-berlin.de Genetik als Drama der Identität: Miriam Yung Min Stein auf der Bühne des Berliner HAU 3

Wer spricht, wenn die Gene sprechen? Es muss zumindest jemand anderes als sie selbst sein. Denn Gene, für sich betrachtet, sind stumm. Die Rede von der Sprache der Gene und dem Buch des Lebens ist metaphorisch. Es waren Mathematiker, Physiker, Kybernetiker, die in den fünfziger Jahren die Sprache der Informationstheorie in die Biologie importierten und dem Reich des Lebendigen seinen geheimdienstlichen Zuschnitt eintrugen. Weil diese Wissenschaftler vorher mit Kaltem Krieg und Kryptographie zu tun hatten, wollten sie jetzt biologische Codes knacken. Aber hinter der geöffneten Tresortür liegt die Genkarte erst einmal nur wie eine weitere Geheimschrift.

In der zuständigen Wissenschaft ist die Gen-Euphorie abgeklungen, mittlerweile steht sogar die Idee des Gens selbst in Frage. Der Blick richtet sich auf die Umgebung und die vielen Wechselwirkungen bei der Genexpression. In der Laienwelt glimmt hingegen noch der Glaube, den genetischen Code wie eine Schicksalsschrift in der Hand zu halten. Vor zehn Jahren verkündete Craig Venter, jeder könne mit dem entzifferten Genom sein Leben selbst in die Hand nehmen. Heute ist der Einblick in die Gene so billig und schnell zu haben wie nie zuvor. Was liest man dort?

Jedem sein Narrativ

Die Berliner Akademie der Wissenschaften hat sich in diesem Jahr dem Thema Kunst und Wissenschaft verschrieben. In der Wissenschaft wird das Lebendige in Begriffe gefasst, die keine Geschichte mehr haben. Wie gelingt es, diese Begriffe wieder in Biographien zu verschränken? Am Berliner Theater "Hebbel am Ufer" versucht man es im Zusammenspiel mit der Laiengruppe "Black Tie" als Dokumentarspiel, nach dem dramatischen Konzept von "Rimini Protokoll". Das Wissenschaftsdrama ist eine schwierige und eher schwach besetzte Gattung. Ihr Problem liegt darin, dass sie zwar an den Wissenschaftler als Typus und die Wissenschaft als Handlungssystem inmitten ihrer politischen Umstände herankommt, aber nicht an die Erkenntnisform selbst.

Im Hebbel-Theater steht die Südkoreanerin Miriam Yung Min Stein, Mitte Dreißig, Adoptivkind, auf dem Boden ihrer genetischen Identität. Ihre Genkarte hebt sich wie ein Kontinent leicht vom Bühnenboden ab, über Text und Tabellen sind rote Symbole für Chromosomen wie Bilderrätsel verstreut. Einige Dinge, die sie von sich weiß: Man fand sie vor dem Rathaus von Seoul in einem Schuhkarton liegend, in Zeitungen gewickelt. Der Erscheinungstag ließ auf ihr Geburtsjahr schließen: 1977. Fünf Monate später wurde sie von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Aus Yung Min Park wird Miriam Yung Min Stein.

Die junge Frau, heute Musikjournalistin, lässt biographische Dokumente auf einer Leinwand passieren. Sie sucht ihren Ort in Bildcollagen aus dem Familienleben und in der Zeitgeschichte und berechnet die Summe, die sie ihre Adoptiveltern kostete, 100 000 Euro. Sie wird sie nicht zurückzahlen können. Ihre Verachtung für den Adoptionsphilanthropismus, den umgestülpten Egoismus, die Gier nach guten Gefühlen ist deutlich.

Auskünfte aus dem Gen-Orakel

Nach 22 Jahren fuhr sie nach Seoul, später nach Daegu, wo sie wirklich herzukommen scheint, ohne dort letzten Aufschluss über ihre leiblichen Eltern zu finden. Sie wählte nicht den Weg über die grotesken Fernsehshows, in dem es zu tränenreichen Wiederbegegnungen zwischen Adoptivkindern und ihren südkoreanischen Eltern kommt, die sich wortreich erklären. Stattdessen nimmt sie tausend Euro in die Hand und lässt sich von einer amerikanischen Online-Firma eine Gendiagnose erstellen. "Welcome to you" verspricht man ihr.

Bald weiß sie, dass ihre Mutter zu einer genetischen Gruppe gehört, die vor sechzigtausend Jahren von Afrika nach Asien übersetzte, dass sie erhöhtes Alzheimerrisiko habe, dass sie und ihre Mutter in der gleichen Gruppe wie U2-Sänger Bono sind. Es wächst der Verdacht. Ein Vergleichstest bei einer irischen Firma, die angeblich die halbe irische Bevölkerung ohne deren Wissen genetisch kartiert hat, bringt widersprechende Ergebnisse. Lactose-Unverträglichkeit. Leicht erhöhtes Prostatarisiko. Eineinhalbtausend Euro verschwendet. Eine Farce, aus der sie eine einfache Lehre zieht: Es hilft kein Blick ins Gen-Orakel. Die Identität muss man sich selbst erschließen. Yung Min sucht die ihre in Orten und Musikstücken.

Das alles läuft dem Stand der Forschung nicht nur in gemessenem Abstand hinterher, es ist auch eine recht seminarhafte Moral, die in einer unaufdringlichen, aber auch etwas einfach gestrickten Inszenierung (mit Taschenlampen wird die Genkarte im Dunkeln nach der Identität abgesucht) in Szene gesetzt wird, der man aber immerhin zugutehalten kann, einen aufklärenden Beitrag zur Wissenschaftspopularisierung zu leisten. Emanzipierung des Individuums von wissenschaftlichem Positivismus, Requiem auf wissenschaftliche Hybris, und etwas Verbraucherschutz: Wissenschaft und Kunst treffen sich im didaktischen Zusammenspiel.

Danach sprechen Experten der Akademie mit der Schauspielerin und der Regie. Die Analogie zum Fernsehkonzept gesellschaftspolitisch brisanter Spielfilm plus anschließende Talkshow-Expertenrunde liegt nahe. Das Gespräch ist instruktiv, bricht aber den ästhetischen Zauber und deckt Schwächen der Inszenierung auf. Die Online-Diagnostik ist eher dramatische Idee als drängende biographische Frage. In der Wissenschaft sind diese Tests, die aus bruchstückhaften Beständen generierte statistische Werte liefern, ohnehin verrufen, nach dem deutschen Gendiagnostikgesetz, das Beratung verpflichtend macht, nicht einmal zulässig. In ihrem Datenhunger und ihren kaum zu überblickenden Vertragsbedingungen erinnern sie an soziale Netzwerke wie Facebook. Die Genkarte als Teil eines sozialen Netzwerks, die Krankengeschichte als Chat: die nächste Regieidee für das Wissenschaftsdrama steht schon im Raum. Sollten sich die rudimentären Bestände der Genkarten erweitern, könnten sie aber tatsächlich einmal eine Basis für die Suche nach unbekannten Verwandten sein.

Vorerst taugen die seriösen Anwendungen der Humangenetik nicht zum biographischen Aufschluss, sie beschränken sich auf den medizinischen Bereich. Die wachsende Zahl von Adoptierten und in anonymen Samenbanken Gezeugten, die von der genetischen Euphorie dazu getrieben wurden, ihre Identität im Biomedizinischen zu suchen, können den Blick wieder auf ihre Umgebung richten. "Jeder Mensch kann sein Leben selbst in die Hand nehmen." Wenn man die Ideologie von diesem Satz abzieht, gilt das auch so. 

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Jahrgang 1975, Redakteur im Feuilleton.

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