http://www.faz.net/-gqz-77fgx

Wissenschaftliche Zählung von NS-Lagern : Leben oder Tod ist keine akademische Frage

  • -Aktualisiert am

Der Holocaust hatte seinen Ort in den Konzentrationslagern (hier im Bild Buchenwald nach der Befreiung im April 1945). Davon gab es 20, mit 1200 Außenstellen Bild: BYRON H. ROLLINS

Amerikanische Historiker haben die nationalsozialistischen Lager gezählt und kommen auf 42.500. Diese Zahl trifft vermutlich zu. Falsch ist es aber zu behaupten, man könne jetzt den Holocaust besser verstehen.

          Das Lager war im Verlaufe der zwölf Jahre langen NS-Herrschaft eine alltägliche, fast unvermeidbare Erscheinung. In der Vorkriegszeit beherbergten allein die Lager für die erwerbslosen Arbeiter im „Reichsarbeitsdienst“ ebenso wie die Lager der Arbeiter, welche zunächst die Reichsautobahnen, dann den „Westwall“ an der Grenze zu Frankreich errichteten, Hunderttausende von jungen Männern. Sogar Fortbildungskurse und Lehrgänge für Studenten, Ärzte oder Rechtsanwälte wurden nun „lagermäßig“ organisiert, Schüler fuhren im Sommer ins Ferienlager, Sportler ins Sportlager - und immer sollte sich darin das Provisorische, das Kollektive, das Militärische ausdrücken. Im nationalsozialistischen Deutschland wurde das Lager zur Lebensform, zum Ausdruck unentwegter Mobilisierung und zum Symbol des permanenten Ausnahmezustands.

          Während des Krieges stieg die Zahl der Lager in Deutschland wie in dem von ihm beherrschten Europa ins schier Unermessliche. Neben den großen Lagersystemen - den Konzentrationslagern, den Lagern für ausländische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene - gab es alle Arten von Durchgangs-, Zwischen- und Aufenthaltslagern, Lager für politisch Verdächtige, Polizeilager für „Asoziale“, Sonderlager für spezielle Häftlinge, Straflager für deutsche Wehrmachtsangehörige, „Kinderpflegestätten“ für die Kinder von ausländischen Zwangsarbeiterinnen, Bordell-Lager hinter der Front, Durchgangslager für Umzusiedelnde. Fast jede Sondermaßnahme der NS-Behörden, und davon gab es überaus viele, war mit einem solchen Lager verbunden.

          Konzentrationslager

          Das Center for Advanced Holocaust Studies des United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington hat nun eine Berechnung vorgestellt, wie viele Lager es im deutschen Machtbereich insgesamt gegeben hat. Gezählt wurden dabei alle Arten von Einrichtungen, in denen Menschen „verfolgt, zur Arbeit gezwungen, gefoltert, inhaftiert oder ermordet wurden“, wie der zuständige Referent im USHMM, Geoffrey Megargee, erläutert hat. Die dabei summierte Gesamtzahl von 42.500 ist zweifellos realistisch, vermutlich sogar noch etwas zu gering, weil die Zahlen der Kriegsgefangenenlager und der Lager in den von Deutschland besetzten Ländern nicht genau erfassbar sind. Um das zu illustrieren, sei hier eine Überschlagsrechnung auf der Grundlage unserer Freiburger Unterlagen angestellt. Man kann die nach den Kriterien des USHMM erfassten Lager grob in vier Kategorien einteilen.

          Erstens die zwanzig Konzentrationslager des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes der SS mitsamt ihren etwa 1200 Außenlagern. Hinzu kamen zahlreiche, vielleicht ein- oder zweihundert ebenfalls „Konzentrationslager“ genannte Einrichtungen anderer NS-Dienststellen vor allem in Osteuropa. In diesen Lagern waren politische Gegner, Angehörige „feindlicher“ Gruppen aus-ländischer Staaten, Juden, Sinti und Roma sowie aus rassehygienischen Gründen Inhaftierte eingesperrt. In diesem Kontext stehen auch die Zwangsarbeiterlager für Juden, die in Polen meistens bestimmten Bauprojekten angeschlossen waren und nach deren Fertigstellung aufgelöst wurden. Auch von solchen Lagern gab es gewiss einige hundert. Am Ende des Krieges wurden mehr als 500.000 Häftlinge in den Konzentrationslagern gezählt. Insgesamt waren mehr als eine Million Menschen für kürzere oder längere Zeit in Konzentrationslagern eingesperrt. Unter den europäischen Juden gehörten dazu aber nur jene, die überhaupt als Lagerinsassen registriert wurden und nicht, wie die Mehrheit, nach ihrer Ankunft in den Vernichtungszentren wie Auschwitz oder Majdanek sofort umgebracht wurden.

          Weitere Themen

          Gespräche über Gespräche Video-Seite öffnen

          Regierungsbildung : Gespräche über Gespräche

          Die Spitzen von Union und SPD haben sich am Mittwochabend über mögliche Sondierungsgespräche beraten. CDU und CSU wollen diese, die SPD wartet ab.

          Trump ist nicht schuld am Hass auf die Juden

          Antisemitismus in Europa : Trump ist nicht schuld am Hass auf die Juden

          Die antijüdischen Vorfälle in Berlin und anderen europäischen Städten haben nichts mit Donald Trumps Entscheidung zu tun, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Die wirklichen Ursachen für den europäischen Antisemitismus liegen viel tiefer. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Städtisches Leben soll auch Sicherheit und Geborgenheit vermitteln: Wohnneubauten in Berlin-Friedrichswerder

          Innovative Stadtplanung : Man möchte wissen, wo man ist

          Wollen wir mehr Überwachung, oder soll der Stadtraum die Tugenden der offenen Gesellschaft widerspiegeln? Ideen für eine Stadt, in der man gut und gerne leben könnte.

          Antisemitismus in Europa : Trump ist nicht schuld am Hass auf die Juden

          Die antijüdischen Vorfälle in Berlin und anderen europäischen Städten haben nichts mit Donald Trumps Entscheidung zu tun, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Die wirklichen Ursachen für den europäischen Antisemitismus liegen viel tiefer. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.