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Wissenschaft für Kinder Wir bauen einen Wasserberg

 ·  Mit weißen Kitteln und Schutzbrillen sind sie wie ausgewechselt: Berliner Initiativen versuchen, Kindern den Spaß an der Wissenschaft zu vermitteln - und entlocken den kleinen Forschern ungeahnte Fähigkeiten.

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Die Lehrerin staunt: „So habe ich diese Klasse noch nie erlebt.“ Im Alltag unterrichtet Wiebke Danielson an der Berliner Anna-Lindh-Grundschule Naturwissenschaft und muss mit Sprachproblemen und Zerstreutheit der Schüler kämpfen. Doch heute ist kein Alltag angesagt. Ihre sechzehn Schützlinge, alle in der fünften Klasse, alle aus Einwandererfamilien im Bezirk Wedding, hängen einem jungen Mann in weißem Kittel förmlich an den Lippen, werfen begeistert ihre Arme hoch und beantworten seine Fragen nach Erlenmeyerkolben und Tiegelzangen.

Wenig später stehen die Kinder an der Laborbank, konzentrieren sich darauf, die Temperatur einer wässrigen Gipslösung zu messen, stellen blaue Pigmente her und färben Baumwolle. Gespannt folgen sie den Anleitungen für ihre Experimente und erklären sie sich gegenseitig, meistens sogar in vollständigen deutschen Sätzen. Der Besuch am „NatLab“, dem speziell für Schüler konzipierten Mitmach- und Experimentierlabor der Freien Universität (FU) Berlin, entlockt den Kindern aus dem Wedding offenbar ungeahnte Fähigkeiten. Seit sie sich ihre kleinen weißen Laboranzüge übergezogen und die Schutzbrillen anprobiert haben, sind sie wie ausgewechselt.

Überlebenswichtige Strategie

Kinder in die Wissenschaft - was vor wenigen Jahren noch abwegig oder exotisch erschien, wird in deutschen Forschungseinrichtungen heute als überlebenswichtig betrachtet. Schon jetzt absolvieren zu wenige junge Deutsche ein Studium in den Natur- und Ingenieurwissenschaften, um die Nachfrage nach hochqualifiziertem Personal decken zu können. Der demographische Umbruch verschärft das Problem: Die Zahl der Kinder schrumpft, der Anteil von Kindern aus oftmals bildungsfernen Einwandererfamilien wächst stark. In einigen Großstädten hat bereits die Hälfte der Erstklässler einen „Migrationshintergrund“. Wer nicht Hochqualifizierte teuer aus anderen Ländern importieren will, muss sich jetzt um den akademischen Nachwuchs des Jahres 2020 kümmern.

Aus der Bildungsforschung kommt die Einsicht hinzu, dass Weichen für spätere Studien- und Berufsentscheidungen viel früher gestellt werden als bisher erwartet. Zum einen müssen die meisten Kinder mathematische und andere analytische Fähigkeiten früh im Leben erwerben, um sie voll entfalten zu können. Zum anderen stellt sich die Begeisterung für die Wissenschaft nicht über Nacht nach dem Abitur ein. Sie muss rechtzeitig geweckt werden.

Die Lust am Experimentieren

In keiner anderen deutschen Stadt gibt es dafür so viele und so vielfältige Initiativen wie in Berlin. Sie versuchen, bei Kindern und Jugendlichen die Lust am Experimentieren zu stärken und den Drang, Phänomene der Natur zu verstehen. Das 2002 gegründete „NatLab“ der FU ist nur eine von neun solchen Einrichtungen in der Hauptstadt, in die Schulklassen zu halb- oder ganztägigen Experimentierkursen kommen. Das im Chemiegebäude der FU angesiedelte NatLab baut bei Kindern die Scheu vor der Forscherwelt ab und erlaubt es angehenden Schullehrern, ihre pädagogischen Fähigkeiten auszuprobieren.

Der Lehramtsstudent Stephan Schmidt ist an der Begeisterung der Kinder aus dem Wedding nicht ganz unschuldig. Für ein paar Stunden vermittelt er ihnen das Gefühl, echte Wissenschaftler zu sein. Als ein Team mit grundfalschen Messwerten aufkreuzt, gestaltet er die Suche nach der Fehlerquelle zu einem Abenteuer für alle. Seine herzliche, den Kindern zugewandte Art qualifiziert ihn nicht nur für den Schulunterricht, sondern auch für die „Sendung mit der Maus“ oder die „Pusteblume“. Stephan Schmidt bringt den Kindern alles nahe, was sie über Chemie lernen sollen. „Das wird einige Wochen nachwirken“, sagt Wiebke Danielson, die Lehrerin.

Tag der jungen Forscher

Andere Wissenschaftseinrichtungen wetteifern mit der FU um das Interesse des Berliner Nachwuchses: Das Robert-Koch-Institut lädt zum „Tag der jungen Forscher“ ein, im Bezirk Prenzlauer Berg gibt es sogar ein „Mitmach-Museum“; die Humboldt-Universität bietet Arbeitsgemeinschaften für besonders begabte Schüler in Informatik, Biophysik, Mathematik, Chemie an. Die Technische Universität offeriert „Schüler-Technik-Tage“, für Mädchen einen „Techno-Club“ und für alle von der neunten Klasse an die Möglichkeit, in ein Studium einzusteigen.

Auch private Initiativen wirken in Berlin, wie etwa der „Experimentierclub“, den engagierte Eltern aus dem Südwesten der Stadt gegründet haben. Kinder vom fünften Lebensjahr an dürfen am Nachmittag eine Bäckerei besuchen, um anschließend die Chemie beim Backen verstehen zu lernen. „In den Schulen werden die Kinder viel zu spät mit wissenschaftlichen Phänomenen konfrontiert, und oft geht es über Krach und Blitz nicht hinaus“, klagt die Initiatorin Almuth Kröger.

Ein wackeliger Wasserberg

Die Helmholtz-Gemeinschaft, deren fünfzehn Zentren Deutschlands größte Forschungsorganisation bilden, wendet sich sogar schon an Kleinkinder. Das „Haus der kleinen Forscher“ schlägt Stephan Gühmann an diesem milden Wintermorgen in Berlin-Neukölln, im „Ina-Kindergarten“ auf, einer Ganztagseinrichtung für zweihundert Kinder. Das geht ganz einfach. Gühmann, den die Helmholtz-Gemeinschaft als hauseigenen Pädagogen angeheuert hat, stellt eine Gießkanne mit Wasser auf einen Tisch und zückt eine Handvoll Pipetten. Zehn Kinder laufen zusammen und greifen nach den Pipetten, ohne genau zu wissen, was nun kommt. „Wir bauen einen wackeligen Wasserberg“, sagt Stephan Gühmann. Dann dürfen die Kinder Wasser in einen Becher spritzen, bis dieser mehr als randvoll ist.

Eine labile Haube aus Wasser sitzt nun obenauf, das Produkt von Oberflächenspannung und Anziehungskräften zwischen den Wassermolekülen. Alle gemeinsam bringen den Wasserberg zum Wackeln. „Warum fällt das Wasser nicht herunter?“ Die Kinder wundern sich, doch keines weiß eine Antwort. Gühmann bittet sie, einen Kreis zu bilden, sich an den Händen zu fassen und zurückfallen zu lassen: Der Kreis hält, und kein Kind fällt um. „Jeder von euch ist jetzt ein Wasserteilchen“, sagt er, „und die echten Teilchen halten genauso zusammen wie ihr.“ Mehr als eine Stunde hält er die Kinder bei der Sache, erst dann wird es einigen zuviel.

Kleine Zuchtakademiker

Mit sechzig Berliner Kindergärten kooperiert die Helmholtz-Initiative bereits, im Mittelpunkt stehen Schulungen für Erzieher, damit sie lernen, wissenschaftliche Phänomene spielerisch zu erkunden. Als Service will die Helmholtz-Gemeinschaft nun bundesweit „Patenforscher“ anbieten; Wissenschaftler, die sich um einen Kindergarten an ihrem Arbeitsort kümmern. Doch je stärker die Wissenschaftler in Schulen und Kindergärten drängen, desto wichtiger wird die Frage nach Qualität und Wirksamkeit der Angebote. Vielen Forschern fehlt nicht nur pädagogisches Wissen, sondern auch das Gespür dafür, was Kinder verstehen können und was nicht. Manche Eltern arbeiten so übereifrig an ihren kleinen Zuchtakademikern, dass denen aller Spaß vergeht.

Schülerlabore und Arbeitsgemeinschaften ermöglichen Lehrern und Schülern zwar den Zugang zu teurer Ausstattung, doch das kann den Bedarf für den Schulalltag nicht kompensieren: Für den Naturwissenschaftsunterricht etwa an der Anna-Lindh-Schule kann die Fachlehrerin Danielson im Jahr für zweihundert Euro besondere Anschaffungen machen - für siebenhundert Kinder. Hinzu kommt, dass Laborbesuche häufig auf einen einzelnen Tag beschränkt bleiben. „Es ist zwar erstaunlich, was ein Experimentiertag bei Kindern auslösen kann, aber am besten wäre natürlich kontinuierliche Experimentierarbeit“, sagt Petra Skiebe-Corrette, die das NatLab der FU leitet. Derzeit geht sie daran, Experimentierkästen für den Schulalltag zusammenzustellen.

Student mit fünfzehn

Es gibt indes auch Kinder und Jugendliche, die besondere Lockrufe in die Wissenschaft gar nicht brauchen, sondern ein ganz anderes Problem haben: Ihr Interesse und ihr Wissen sind schon so groß, dass sie sich in der Schule langweilen. Sebastian Villain und Svenja Uslu sind deshalb seit Beginn des Wintersemesters Studenten geworden, Schülerstudenten. Beide sind fünfzehn Jahre alt. Sebastian lässt zwölf Schulstunden pro Woche ausfallen, um an der TU zwei Vorlesungen und eine Übung in Mechanik zu besuchen, der Einstiegsdisziplin aller Ingenieure. Allein die Anreise aus Buch, seinem Stadtteil im Nordosten Berlins, dauert eine Stunde. Wenn er nach Hause kommt, holt er nach, was er vormittags in der Schule verpasst hat. Svenja wurde vom Schuldirektor auferlegt, nur am Nachmittag Kurse zu besuchen; sie hat sich gerade auf Lineare Algebra für Ingenieure gestürzt.

In den ersten Wochen als Schülerstudenten hatten die beiden einige Hürden zu überwinden: Die Anonymität des Hörsaals, in dem einige hundert Studenten sitzen; abfällige Kommentare mancher Mitschüler; Wissenslücken, die zwischen der neunten Klasse und dem Universitätseinstieg klaffen. Doch beide Schülerstudenten wollen sich durchkämpfen. Diese Fünfzehnjährigen zeigen, welches geistige Potential bei Kindern zu wecken ist: „Für eine Vorlesung würden wir an der Schule zwei Monate brauchen“, sagt Svenja Uslu, „aber bis jetzt komme ich ganz gut mit.“

Links zu Initiativen für junge Forscher finden Sie hier: Linkliste: Wo sich die jungen Forscher treffen

Quelle: F.A.Z., 08.01.2007, Nr. 6 / Seite 38
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