18.09.2007 · Gab es in früheren Zeiten weniger Linkshänder? Englische Biologen haben diese Frage auf ungewöhnliche Art beantwortet: Sie studierten auf alten Fotos, wie viele Menschen mit der linken Hand winkten - und wie viele es heute tun.
Von Nora LessingIhre Population hat sich in der heutigen Zeit wieder erholt, doch um 1900 gehörten die Linkshänder der Viktorianischen Gesellschaft einer durchaus bedrohten Minderheit an. Warum dem so war, das ist bislang unbekannt. Theorien führen jedoch über sozialen Druck bis hin zu einer erhöhten Linkshändersterblichkeit.
Die Londoner Forscher McManus und Hartigan haben sich in diesem Zusammenhang jetzt eine ungewöhnliche Frage gestellt und sie auf noch viel ungewöhnlichere Art beantwortet. Die Frage war, wie viele Menschen gegen Ende des Viktorianischen Zeitalters mit der linken Hand winkten und wie viele moderne Menschen diese Verhaltensweise an den Tag legen. Die Idee basiert auf der Vermutung, dass zwar links schreiben um 1900 gesellschaftlich geächtet wurde, links winken hingegen wohl kaum. Hierüber, so die These, ließe sich also ein grober Wert ermitteln, wie viele Menschen um 1900 Linkshänder gewesen seien.
Deutlich mehr Linkswinker
Entgegen kam den Winkforschern ein Fund aus dem Jahre 1994. Die Filmemacher Sagar Mitchell und James Kenyon hatten zwischen 1897 und 1913 in Nordengland eine Serie von Dokumentarfilmen gedreht und auf Zellulosenitrat-Negativen festgehalten. Jahrzehntelang lagerten diese Filme im Keller des 1952 verstorbenen Mitchell, dann wurden sie durch Zufall von einem Räumungskommando entdeckt. Des Öfteren finden sich auf diesen Filmen Aufnahmen von winkenden Menschen.
Die Forscher zählten nun die Linkswinker von damals und verglichen sie mit einer modernen Kontrollgruppe. Letztere kam aber nicht etwa durch einen offiziellen Aufruf zum dokumentierten Gruppenwinken zustande. Vielmehr benutzten die findigen Forscher die Google-Bildersuche, Stichwort „waving“, und zählten dann die modernen Linkswinker auf den Schnappschüssen. Die Unterschiede, die in der Zeitschrift „Current Biology“ dokumentiert sind, waren eklatant: Wo um 1900 durchschnittlich nur 15,6 Prozent die linke Hand zum Gruß hoben, tun es heute 24,3 Prozent.
Langlebige Linkshänder
Nicht immer ist ein Linkswinker aber auch gleich ein Linkshänder. Eine weitere Hochrechnung musste also her - mit dem Ergebnis, dass schließlich wohl nur etwa drei Prozent der zwischen 1890 und 1910 geborenen Menschen Linkshänder waren. Zur heutigen Zeit bevorzugen immerhin etwa elf Prozent der Bevölkerung die linke Hand. Die schon etwas ältere Hypothese, es habe damals eine geheimnisvoll hohe Linkshändersterblichkeit gegeben, konnte mit der Filmstudie übrigens widerlegt werden. Denn die Linkswinker in den Filmen waren großteils ältere, also langlebige Menschen.
Es könnte also sein, dass um 1900 einfach nur sehr wenige Linkswinker und noch viel weniger Linkshänder geboren wurden. Warum dem so gewesen sein sollte, bleibt rätselhaft. Eine andere These, die vom „sozialen Druck“, scheinen die Forscher deshalb zu favorisieren: Möglicherweise machten einfach die Modernisierung der Industriegesellschaft, die Einführung der Schulpflicht und mit ihr die sukzessive Alphabetisierung das Schreiben mit der Linken verstärkt sichtbar. Mit dem Stigma wuchs die Ächtung der Linkshänder. Schon Kinder wurden früh „umerzogen“, wofür es ernstzunehmende Belege gibt.
Linke Hand
Gerhard Katz (spital8katz)
- 18.09.2007, 17:53 Uhr
Bitte eine Kleinigkeit logisch denken!
Georg Dargelies (ragnita)
- 20.09.2007, 03:54 Uhr