05.09.2003 · Die Wechselwirkung von Wissenschaft, Literatur und Kino ist unverkennbar. Dieses Dossier beleuchtet, wie sie sich gegenseitig befruchten und was von den Vorgriffen der Unterhaltungsindustrie auf den wissenschaftlichen Fortschritt zu halten ist.
Von Corinna Cramer, F.A.Z.-Archiv42. So lautet die Antwort, die der intelligenteste Computer des Universiums, Deep Thought, in Douglas Adams SF-Satire auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem Rest gibt. Eine unbefriedigende Antwort für jemanden, der nach dem Sinn des Lebens sucht. Wenn das so ist, so seine Schlußfolgerung, muß die Frage präzisiert werden. Die Antwort ist jedenfalls 42. Wie also kann die Frage lauten? Um dieses Problem zu lösen, muß Deep Thought einen Computer konstruieren, der eine unendlich größere Rechenleistung hat als er selbst. Diesen nennt er die Erde. Doch leider geht das Experiment schief. Eine Horde interstellarer Friseure und Telefondesinfizierer schießt als Missing Link in der menschlichen Entwicklungsgeschichte den Neandertaler in die erdgeschichtliche Bedeutungslosigkeit und aus der Evolution, an deren Ende, so programmierte es Deep Thought, die Frage aller Fragen stehen sollte.
Gut. So sind wir, die Nachfahren der Friseure und Telefondesinfizierer nun auf uns allein gestellt. Wir fabulieren und malen uns die Zukunft in Literatur und Kunst zurecht, schaffen uns theoretische und experimentelle Szenarien. Science Fiction ist ein Weg, die große Frage nach dem Leben, dem Universum und dem Rest zu konkretisieren; sie herunter zu brechen auf das was vorstellbar ist, was die Zukunft einmal sein könnte. In der Extrapolation werden gesellschaftliche Gegenwart und wissenschaftlicher Forschungsstand weiterentwickelt, um sich schließlich jenseits dessen zu finden, was möglich, logisch oder denkbar erscheint. Diese Aufgabe erfüllen Literatur und Film in unterschiedlicher Weise.
Die Science Fiction Literatur kann die großen Themen wissenschaftlich und philosophisch-kritisch erörtern. Sie bietet den Zukunftsentwurf und vermittelt eine Ahnung davon, wie es sich anfühlen kann, in solchen Utopien oder Dystopien zu leben. Der Science Fiction Film macht diese Ahnung sinnlich erfahrbar. Seine Verwandtschaft mit der Literatur ist nicht zu leugnen. Noch in den Kinderschuhen zeigte sich das Kino fasziniert von den Geschichten Jules Vernes und H.G. Wells.
Viele SF-Filme sind eigentlich Literaturverfilmungen, die allerdings angesichts ihrer visuellen Darstellungsmöglichkeiten weit über das geschriebene Wort hinausgehen können. Ihre Stärke und gleichzeitig auch Schwäche liegen nicht im theoretischen Exkurs, sondern in dessen Vergegenwärtigung. Denn mehr als die gute Geschichte ist es die sinnliche, technisch so perfekte Oberfläche die die Lust am Zuschauen ausmacht.
Diese scheinbare Realitätsnähe, die Unschärfen an den Grenzen dessen, was gesellschaftliche Norm und technologischer Standard ist, sie beflügeln die Phantasie. Aus der Lust des Zuschauers entwickelt sich die Leidenschaft am eigenen Fabulieren. So werden Matrix und Blade Runner zu den am meisten diskutierten Filme im Internet. In zahllosen Foren und Chatrooms diskutieren Fans, Philosophiestudenten, Forscher und Technikbegeisterte, ob künstliche Intelligenzen im evolutionären Prozeß eines Tages den Menschen ablösen können. Sie fragen, ob Wirklichkeit, wie wir sie landläufig verstehen, tatsächlich existiert oder ob das Konstrukt der Virtual Reality nicht schon den Lebensalltag der westlichen Zivilisationen bestimmt.