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Veröffentlicht: 17.08.2014, 15:59 Uhr

Wirtschaftswachstum Die unerwiderte Liebe der Menschen zum Kapitalismus

Die Menschen lieben die kapitalistische Wirtschaftsordnung. Sie drängen hinein, nicht heraus. Das kommt, weil die Regeln einfach sind und das materielle Ergebnis stimmt. Doch ist es ein Vertrag zu Lasten Dritter.

von Meinhard Miegel
© ddp images/Warner Bros. Pictures „Der große Gatsby“ - hier mit Leonardo DiCaprio - kündet auch vom Charme des Kapitalismus.

Die wohl größte Stärke des Kapitalismus - oder dessen, was dafür ausgegeben wird - ist seine überwältigende und nicht zuletzt deshalb für manche geradezu furchterregende Widerstandsfähigkeit. Er gedeiht überall, breitet sich aus und durchdringt jeden Lebensbereich. Ob in Europa oder Asien, ob im 19. oder 21. Jahrhundert, ob in den Glitzer-Avenuen oder Elendsquartieren dieser Welt - die Gefühls-, Denk- und Handlungsmuster, die gemeinhin als „kapitalistisch“ apostrophiert werden und die Ulrich Brand in dieser Zeitung mit der Formulierung „das bornierte Streben nach Profit“ auf den Punkt zu bringen versuchte, sind allgegenwärtig.

Eine solche Erfolgsgeschichte nährt, auch wenn sie erst wenige Jahrhunderte währt, einen Nimbus. Der Kapitalismus, so will es vielen scheinen, ist unvergänglich, weil unüberwindlich. Mögen doch seine Gegner sich über ihn ereifern und ihn verfluchen, am Ende triumphiert er. Wo sind sie denn geblieben, die großen Lehrgebäude und Systeme, die gegen ihn in Stellung gebracht wurden - Sozialismus, Kommunismus und manches andere? Sie sind alle an ihm abgeprallt und letztlich gescheitert. Wie ein Chamäleon passt er sich umstandslos Kulturen und Zeitläufen an und schlägt Jahr für Jahr weltweit mehr Menschen in seinen Bann. Wie die Menschen im Kapitalismus - so wollen möglichst viele leben.

Der Kapitalismus obsiegt

Was ist sein Geheimnis oder zumindest sein Erfolgsrezept? Wo liegen seine scheinbar unerschöpflichen Kraftquellen? Die Antwort ist einfach, wenn auch für manche verstörend: Er kommt der großen Mehrheit zupass und bedient, wenn schon nicht ihre edelsten, so doch ihre stärksten Triebe. Das bornierte, sprich geistig beschränkte Streben nach Profit, soll heißen nach Vorteil und Gewinn, ist, anders als seine Kritiker meinen, nicht eine seiner Schwächen, sondern eine weitere Stärke. Denn das versteht jeder auf Anhieb: Konzentriere dich auf deinen eigenen Vorteil, und versuche, ihn gegen andere zu verteidigen. Du stehst im Mittelpunkt. Unter dem Strich zählst allein du.

Zumindest in seiner heute dominanten Vulgärfassung sind die ethischen und moralischen Anforderungen des Kapitalismus gering. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen es noch Teil seines ungeschriebenen Kodex war, dass der Erfolgreiche den weniger Erfolgreichen an seinem Erfolg teilhaben ließ - und zwar freiwillig. Ausgesprochen bescheiden sind auch seine intellektuellen Voraussetzungen. Während sich die Jünger sozialistischer Lehren jahrelang mit schwer verständlichen, auf wissenschaftlich getrimmten Theorien herumschlagen mussten, genügen dem Protagonisten des Kapitalismus ein paar simple Verhaltensregeln, die die meisten im Vorübergehen aufschnappen und selbst die Ungebildetsten in Kürze beherrschen.

Zugleich ist das kapitalistische Belohnungs- und Bestrafungssystem von bestechender Schlichtheit. Lohn und Strafe stehen nicht erst in einer ferneren oder gar jenseitigen Zukunft an, sondern werden zeitnah erteilt. Und sie sind handfest. Der Kapitalismus belohnt und bestraft nicht spirituell-ästhetisch. Er belohnt und bestraft weitestgehend mit der Zuweisung oder der Vorenthaltung materieller Güter. Dass damit auch Fragen von Ansehen und Macht geregelt werden, steht außer Frage, ist aber für breite Bevölkerungsschichten nicht von ausschlaggebender Bedeutung. Für sie zählt das saftige Steak, das flotte Auto und die erlebnisreiche Urlaubsreise. Und für alles das hat das kapitalistische Wirtschaftssystem bislang besser gesorgt als jedes andere.

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