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Wirtschaftsforschung Entlaßt die Experten

Die Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute sind so zuverlässig wie die Orakel von Sterndeutern und Kaffeesatzlesern. Mehr noch als ihr chronisches Versagen verblüffen die Erklärungen dafür.

© picture-alliance / dpa/dpaweb Vergrößern Da freut sich der Kanzler: das Jahresgutachten 2005 der Wirtschaftsweisen

Es dürfte mittlerweile keinem aufmerksamen Menschen entgangen sein: Die Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute sind ungefähr so zuverlässig wie die Orakel von Sterndeutern und Kaffeesatzlesern.

Monat für Monat wird das Ritual unerschütterlich wiederholt. Man verkündigt die frohe Botschaft, wir seien bereits aus der Sohle des Tränentals heraus, um im gleichen Zug zu erklären, daß sich die letzte Vorhersage als falsch erwiesen hat und „nach unten revidiert“ werden muß. Erneut werden Daten und Indizes prophezeit, nach denen sich die Entscheidungen der Politik und das Verhalten der Wirtschaftsakteure richten sollen. Bis zur nächsten Korrektur.

Tendenz Richtung Sommer

Mehr noch als ihr chronisches Versagen verblüffen die Erklärungen der Experten dafür. Wieso wurden die Konjunkturprognosen widerlegt? Weil die Konjunktur sich schlechter entwickelt hat als angenommen. Man bewundere die Seriosität des Arguments: Es ist, als ob ein Meteorologe einen sonnigen Tag in Brandenburg vorhersagte, um am nächsten Tag zu erklären: „Zwar hat es pausenlos geregnet, doch dies bedeutet keineswegs, daß meine Prognose falsch war. Nur kamen unerwartet Regenwolken aus Polen gezogen und verschoben den Sonnenschein ein wenig. Aber die Tendenz geht Richtung Sommer.“ Wenn nun angekündigt wird, daß die letzte Konjunkturprognose wegen des hohen Ölpreises nach unten korrigiert werden müsse, drängt sich die Frage auf: War das voraussehbar? Wenn nein, dann nützt die Vorhersage nichts, wenn ja, dann haben die Experten versagt.

Gutachten 2004 © picture-alliance / dpa/dpaweb Vergrößern Nur die Farbe wechselt: Übergabe des Gutachtens 2004

Eine weitere Ad-hoc-Erklärung lautet: Die Daten sind gut, aber die Wirtschaftssubjekte haben sie noch nicht als solche wahrgenommen und verhalten sich weiterhin, als ob sie schlecht seien, was sie wiederum verschlechtert. Wer hätte das gedacht? Nicht die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung jedenfalls, die Monat für Monat einen Null-Komma-etwas-Anstieg des „Konsumklimas“ vorgaukelt, um kurz daraufhin festzustellen: „Noch fehlt den Bürgern der Glaube an den Aufschwung.“ Ohne Glaube geht nichts.

Im Himmel der Ökonomie

Im Grunde wird also das Scheitern wie folgt begründet: Hätten sich nur die Bürger gemäß den Prognosen verhalten, dann wären die Prognosen gültig gewesen. Im Himmel der Ökonomie schweben unbefleckte Zahlen, Kurven und Indizes, die sich harmonisch und voraussehbar verhalten, doch auf Erden handeln Menschen und, ob Unternehmer, Investoren, Lohnabhängige oder Almosenempfänger, sie machen alles falsch, stellen sich quer zur ökonomischen Rationalität.

Man könnte glauben, daß der handelnde Mensch Hauptgegenstand der Wirtschaftswissenschaft sei, doch er wird als Störfaktor jener mechanischen Gesetzmäßigkeit angesehen, die das Weltgeschehen regelt. An dieser Trennung zwischen Reinheit und Sünde ist das fundamentalistisch-religiöse Moment der Ökonomie zu erkennen.

Keine positive Wissenschaft

Es wäre nun ein Irrtum, einzelnen Experten oder Instituten vorzuwerfen, sie seien unzureichend kompetent, in die Zukunft zu blicken. Die Ursache sitzt tiefer, nämlich darin, daß die Ökonomie trotz ihrer Ansprüche keine positive Wissenschaft ist und sein kann. Der Würzburger Wirtschaftsprofessor Karl-Heinz Brodbeck bringt zwei prinzipielle Gründe für das prognostische Scheitern vor. Erstens werde das, was Konjunktur genannt werde, aus unzähligen Phänomenen gewoben, die weltweit interagierten und von niemandem überblickt werden könnten. Dies um so mehr, als das Wirtschaftsfeld auch und vor allem von Parametern beeinflußt werde, die von außen her kämen.

Der zweite Grund: Experten seien keine Beobachter eines ihnen äußerlichen Gegenstands, sondern selbst Teil des Gegenstands. Prognosen sind nicht neutral. Wenn ich zum Beispiel ankündige, daß eine Firma demnächst insolvent wird, und mir Glauben geschenkt wird, dann beeinflusse ich das Verhalten von Kunden, Lieferanten und Aktionären, und die Firma gerät erst recht in Schwierigkeiten. Ich habe die Tatsache nicht vorhergesagt, sondern mitverursacht. Wirtschaftssubjekte reagieren auf eine Vielzahl von Reizen, darunter auch Prognosen und maßgebliche Meinungen. Daher meint Brodbeck: „Die Anwendung der Theorie ist ihre Falsifikation.“

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Veröffentlicht: 19.04.2005, 15:46 Uhr

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