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: Wahnsinn am Abgrund

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Die deutsche Version des offiziellen Untersuchungsberichts zu den Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten ist mit 245 Seiten bei weitem nicht so voluminös wie das Original, das auf einer Befragung von über 700 Zeitzeugen beruht und von einer zehnköpfigen "Financial Crisis ...

          Die deutsche Version des offiziellen Untersuchungsberichts zu den Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten ist mit 245 Seiten bei weitem nicht so voluminös wie das Original, das auf einer Befragung von über 700 Zeitzeugen beruht und von einer zehnköpfigen "Financial Crisis Inquiry Commission" (FCIC) geschrieben und auch im Internet veröffentlicht worden ist. Durch den Verzicht auf Fußnoten in der deutschen Übersetzung mit dem Titel "Der FCIC Report" wird zwar viel Platz gespart, doch erschwert dies die Suche nach den Quellen des Buches.

          Kompakter als das Original ist der FCIC Report aber vor allem deshalb, weil sich die Übersetzung auf 8 von 22 Kapitel beschränkt. Gleichwohl enthält auch der gekürzte Bericht in Hülle und Fülle erhellende Zitate aus den zahlreichen Anhörungen. Anders als sein Untertitel vermuten lässt, blickt der FCIC-Report allerdings weniger auf die weltweite als auf die amerikanische Finanzkrise. Er zeigt das Versagen von Politikern, Märkten und Finanzinstituten. In aller Offenheit werden Ross und Reiter genannt, aber nicht alle finden sich im deutschen Register wieder.

          Wie kontrovers die Ursachen der Finanzkrise von den Ausschussmitgliedern beurteilt werden, geht schon daraus hervor, dass im FCIC-Report gleich zwei Minderheitsvoten zu finden sind. Die vier Experten, die von den Republikanern im Kongress bestimmt worden sind, widersprechen nicht nur dem Mehrheitsbericht, sondern auch sich selbst. Weitgehend einig sind sie sich nur in der Ablehnung der zentralen These der sechs von den Demokraten ausgewählten Ausschussmitglieder. Sie besagt, dass die Krise hätte vermieden werden können, wenn das amerikanische Finanzsystem strenger reguliert worden wäre und die Aufsichtsbehörden konsequenter gehandelt hätten.

          Während es in einem Minderheitsvotum nun aber heißt, diese These ignoriere die globalen Ungleichgewichte und die mit ihnen verbundenen internationalen Kapitalströme als eine entscheidende Ursache der Finanzkrise, wird im anderen die verfehlte Wohnungspolitik der Regierung zur Zielscheibe der Kritik. Der Mehrheitsbericht spricht lediglich von einem Teilversagen. Unbestritten dürfte jedoch wiederum sein, dass der amerikanische Traum vom Eigenheim millionenfach im Wahnsinn des Hypothekenmarktes endete.

          Jedenfalls bezeichnete einer der im Buch zitierten Pioniere des Subprime-Hypothekenmarkts den Zusammenbruch jeglicher Vorsichtsmaßnahmen auf diesem Markt als Wahnsinn. Mit diesem Wort ist das fünfte Kapitel überschrieben. Seine Autoren erlebten auf dem Weg dorthin wahre Offenbarungen. Jedenfalls waren sie über das, was sie sahen, hörten und lasen, so schockiert, dass sie bereits im ersten Kapitel feststellten, dass riskante Hypothekenkredite "völlig ungehindert" wachsen konnten. Die Fed habe es versäumt, hier für seriöse Vergabestandards zu sorgen und gegen ruinöse Praktiken vorzugehen.

          Dies sei allerdings nicht der einzige Grund gewesen, warum die Hypothekenmaschine und die Maschine für Kreditverbriefungen lange Zeit wie geschmiert liefen. Neben der Finanzierung durch Schattenbanken habe auch das Kreditangebot der Geschäftsbanken an die Hypothekenverleiher eine große Rolle gespielt. Hätte er von den Kreditlinien gewusst, so zitiert der FCIC-Report den früheren Chef der Citigroup, hätte er sie nicht genehmigt. Außerdem verließen sich viele Finanzinstitute auf die Ratingagenturen, die aber - so der Untersuchungsausschuss - "abgrundtief versagten". Den rasanten Anstieg der Risiken schreibt der Bericht also ganz zu Recht vielen Schuldigen zu. Die letzten drei Kapitel zeigen dann auf, wie dramatisch sich die Entladung der Risiken auf die Volkswirtschaft im Allgemeinen und auf die Zwangsvollstreckungen im Besonderen auswirkte.

          Schaut man am Ende wieder auf die Ursachen der Krise zurück und zugleich über sie hinaus, erscheint es fraglich, ob die eingeleiteten Reformen ausreichen. Es muss mehr getan werden, um die Schattenbanken zu zügeln, die Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac neu zu ordnen sowie die Komplexität der Aufsicht zu reduzieren. Außerdem sollte man fragen, ob der Drang zu einer expansiven Geldpolitik in den Vereinigten Staaten vielleicht auch an einer unzureichenden sozialen Sicherung liegt.

          HERMANN REMSPERGER.

          Der Verfasser ist Vorsitzender des Stiftungsrats der Stiftung Geld und Währung.

          FCIC Kommission: Der FCIC Report.

          Finanzbuch Verlag. München 2011. 245 Seiten. 19,99 Euro

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