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Rezension: Sachbuch : Ein Macht-Freispruch für die Banken

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Die Beziehungen zur Schwerindustrie in der Weimarer Republik

          Harald Wixforth: Banken und Schwerindustrie in der Weimarer Republik. Wirtschafts- und Sozialhistorische Studien. Herausgegeben von Stuart Jenks/Michael North/Rolf Wather. Böhlau Verlag, Köln/ Weimar/Wien 1995, Band 1, 549 Seiten, 98 DM.

          Über die Macht der Banken läßt sich trefflich streiten. Es darf nach Herzenslust gegen den vermeintlichen Einfluß der großen Kreditinstitute auf die deutsche Industrie geschimpft werden, gegen die Beteiligungen, die Aufsichtsratsmandate, das Vollmachtsstimmrecht und nicht zuletzt gegen die Entscheidungsgewalt bei der Kreditvergabe. Die Banken ihrerseits können die so oft wiederholten Bedenken ebenso vehement zurückweisen. Denn in die Verlegenheit, ihre Argumente sachlich zu untermauern, kommt keine Seite. So ist es seit Jahren. Die Diskussion um die Macht der Banken jedenfalls ist alt, sie läßt sich bis in die Anfänge des Industriezeitalters zurückverfolgen. Die Vertreter der unterschiedlichen Meinungen sind heillos zerstritten. Gelöst ist dieser Konflikt bei weitem nicht, was vermutlich auch so bleiben wird. Denn bisher haben sich nur wenige darum bemüht, das Gestrüpp an Für und Wider zu entwirren und dem Vorwurf, die Banken hätten zuviel Macht in der deutschen Wirtschaft, ernsthaft auf den Grund zu gehen. Das beklagt auch Harald Wixforth: Empirische und auf Archivmaterial gestützte Untersuchungen gebe es kaum in der deutschen Wirtschaftsgeschichte, schreibt er in seinem Buch, in dem er das Verhältnis der Banken zur Schwerindustrie in der Weimarer Republik unter die Lupe nimmt.

          Wixforth hat keine Mühe gescheut, in den Archiven großer Industrieunternehmen, die schon zu Zeiten der Weimarer Republik klangvolle Namen hatten, zu stöbern, seine Funde zu ordnen und zu systematisieren. Zehn Unternehmen hat er sich ausgesucht. Anhand von Fallstudien wird das Verhältnis zwischen Kreditinstituten und der Industrie untersucht. Darunter befinden sich unter anderen die Friedrich Krupp AG, die Mannesmannröhren-Werke AG, die Hoesch AG, die Vereinigten Stahlwerke AG und der Thyssen-Konzern. Seine Ergebnisse allerdings müssen all jene enttäuschen, die aus der beißenden Kritik an den Banken ihren Honig saugen wollen. Denn den Kreditinstituten ist für die Untersuchungszeit ein maßgeblicher Einfluß auf die Schwerindustrie nicht nachzuweisen - mit Ausnahme von Mannesmann, hier hat die Deutsche Bank in der Weimarer Republik immerhin bis zu zwei Drittel der Aktienbestände gehalten. Die Kriterien, nach denen sich nach Wixforths Auffassung ein entscheidender Einfluß der Banken feststellen ließe, werden bei den anderen Unternehmen nicht erfüllt. Eine große Abhängigkeit von Bankkrediten sei nicht nachweisbar, insofern hätten die Banken darin auch kein Einfallstor für größeren Einfluß bei ihrer industriellen Klientel gefunden, schreibt Wixforth. Im Gegenteil, offenbar haben die Banken schon damals scharf um die großindustriellen Kunden gestritten. Die Industriekonzerne sind in der Weimarer Republik bei weitem nicht auf eine einzige Bankverbindung angewiesen gewesen. Ob dieses Untersuchungsergebnis allerdings auch für kleinere Unternehmen gilt, läßt der Autor offen.

          Darüber hinaus hätten die meisten Unternehmen versucht, einen größeren Aktienbesitz der Banken zu verhindern. Geradezu mit Vehemenz hätten sie sich gegen Aktienbeteiligungen der Banken gesträubt, schreibt Wixforth. Selbst über die Aufsichtsratsmitgliedschaft hätten die Banken ihren Einfluß auf die Industrieunternehmen nicht mehren können, seien doch meist mehrere Banken in den Gremien vertreten gewesen oder wie bei Thyssen zum Beispiel überhaupt keine. Ebensowenig hätten die Kreditinstitute die Möglichkeit gehabt, über ihre Vermittler- und Beraterfunktion in die Prozesse der Meinungsbildung und Entscheidung einzugreifen - von Mannesmann aus bereits erwähnten Gründen abgesehen.

          Wixforths Buch ist in zweierlei Hinsicht lesenswert - wenn nicht sogar spannend und unterhaltsam: zum einen wegen der Fallstudien, durch die der Leser viel über die Geschichte der Unternehmen in dieser wechselvollen Zeit erfährt, zum anderen wegen der präzisen Fragestellung, der Wixforth seine Untersuchung unterordnet. Und noch eines bereitet beim Lesen Vergnügen. Wixforth schreibt schnörkellos und ohne die oft unbeholfen anmutende Sprachverliebtheit, die vielen wissenschaftlichen Arbeiten eigen ist. INGE KLOEPFER

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