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Rezension: Sachbuch : Die Mathematik der Vertragsbeziehung

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Urs Schweizer sucht die Rechtfertigung gegenüber Ronald Coase

          Urs Schweizer: Vertragstheorie. Verlag Mohr/Siebeck, Tübingen 1999, 294 Seiten, 58 DM.

          "In meiner Jugend hieß es, daß das, was zu dumm ist, um gesagt zu werden, immerhin noch gesungen werden darf. In der modernen Ökonomie darf man es in mathematischen Formeln ausdrücken." Ronald Coase war kein Befürworter mathematischer Methoden in der Ökonomie. Urs Schweizer hingegen ist es. Auf knapp dreihundert Seiten beschäftigt er sich mit den von Coase aufgeworfenen Fragen der Kosten von Transaktionen, indem er die ökonomische Theorie der Verträge mathematisch darstellt.

          Ausgehend von dem durch Arthur Pigou und Coase diskutierten Funkenflugbeispiel (eine Dampflok könnte durch Funkenflug die Waldbestände eines Forstwirts schädigen, was beide Parteien, den Bahnbetreiber und den Förster, in Verhandlungen treten läßt), erläutert der Autor im ersten Kapitel die grundlegenden Voraussetzungen und Ideen zum Verständnis der Vertragstheorie. Im Unterschied zur Gleichgewichtstheorie führt die Vertragstheorie sämtliche Inhalte eines Vertrags, auch die Preisbildung, auf die rationalen und strategisch-interdependenten Entscheidungen der betroffenen Parteien zurück. Schweizer betrachtet dabei vor allem die meist asymmetrisch verteilten Informationen der Parteien in der Prinzipal-Agenten-Theorie, aber auch die neuere Theorie unvollständiger Verträge. Die Kapitel 2 und 3 sind verborgenen Informationen gewidmet; in den folgenden werden verborgene Handlungen in einmaligen und in wiederholten Beziehungen erörtert. In den Kapiteln 6 und 7 schließlich befaßt sich der Autor mit "beziehungsspezifischen" Investitionen: mit Nachverhandlungen und unvollständigen Verträgen. Für die Darstellung bemüht Schweizer neben der Vertragsbeziehung zwischen einem Produzenten und einem Käufer auch berühmte Beispiele aus der ökonomischen Literatur: George Akerlofs Gebrauchtwagenmarkt, das Job-Market-Signaling-Modell von Michael Spence, den außergerichtlichen Vergleich zweier Parteien, Standardkreditverträge mit Überwachung der Investitionen eines Agenten durch einen Geldgeber (Prinzipal), das Versicherungsproblem vom Typ adverser Selektion. Dabei arbeitet der Autor jeweils heraus, unter welchen Bedingungen das Ergebnis eines freiwilligen Vertragsabschlusses effizient ist.

          Leider wird die Darstellung der Vertragstheorie durch einen mißglückten Versuch eingeleitet, die Verwendung mathematischer Methoden zu rechtfertigen. Die Möglichkeit, ökonomische Probleme mit Hilfe der Mathematik präzise darstellen zu können, spricht für sich. Daß Coase sich von vornherein gar nicht mit asymmetrisch verteilter Information befaßt habe, mag zumindest als Beleg für die Notwendigkeit der Mathematik nicht recht einleuchten. Schweizer hätte das eigentlich nicht nötig.

          Zum Verständnis des Lehrbuchs sind gründliche Kenntnisse der Spieltheorie und verschiedener Such- und Verhandlungsstrategien notwendig. Wer bereit ist, sich darüber hinaus ganz auf die mathematische Darstellung einzulassen, wer mindestens einzelne Kapital gründlich durcharbeitet, wen mehr interessiert, ob und unter welchen Bedingungen eine effiziente Lösung für ein Problem existiert, als wie diese Lösung aussieht - der wird vertiefte Einblicke in die ökonomische Theorie der Verträge gewinnen. Als ersten Überblick über dieses Gebiet der Ökonomie eignet sich das Buch hingegen nicht.

          BETTINA BONDE

          Vertragstheorie

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2000, Nr. 264 / Seite 18

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